Sommermärchen II

Redaktion, 6. Juni 2008, 14:45

Die Auseinandersetzung ist nach DFB-Verständnis nicht als Spiel, sondern als Kampf zu verstehen - von Johann Skocek

In seinem streckenweise unfreiwillig komischen Film „Deutschland – ein Sommermärchen“ zeigte der deutsche Regisseur Sönke Wortmann die kurze Ansprache von Jürgen Klinsmann vor dem WM-Spiel 2006 gegen Polen. „Das lassen wir uns von niemandem nehmen, und schon gar nicht von Polen“, deklamierte Klinsmann im Stil eines Amateur-Manager-Animators.

Die Worte wirken heute nicht nur abgestanden. Auch ihr Unterton, der – von Klinsmann sicher so nicht gewollt – auf einen viele Jahrhunderte währenden und im Zweiten Weltkrieg auf grausame Weise kulminierenden Konflikt anspielte, ist nicht zu überhören. Für die im Fußballbusiness herrschende Naivität ist typisch, dass sich nie jemand mit solchen Schwachsinnigkeiten beschäftigt. Bis es nicht mehr anders geht. Derzeit hetzen „kranke“ Journalisten, wie Polens Teamchef Leo Beenhakker sagte. Polnische Sudelzeitungen nehmen das EM-Spiel am Sonntag zum Anlass, gegen die Deutschen – und nicht bloß gegen deren Kicker – Stimmung zu machen, um das eigene Geschäft anzuheizen. Inzwischen hat sich Leo Beenhakker entschuldigt, aber der kann nichts dafür.

Das Sommermärchen eines Fußball-Turniers provoziert eben Gefühle, und nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, die wesentlich tiefer als die Begeisterung für den Fußball reichen. In seinem Film versuchte Wortmann den Kontakt zu diesen emotionalen Tiefenspeichern patscherterweise auch über den Soundtrack zu schließen. Der unsägliche Xavier Naidoo und sein elendigliches WM-Liedlein „Der Weg wird kein leichter sein“ untermalt Filmbilder aus dem Mannschaftsbus: Löw und Klinsmann reiten steinernen Gesichts einem Spiel entgegen. Angesichts all der peinlichen Martialität, die in der deutschen Kabine unter dem Titel „Motivation“ abgeliefert und einige Male ausführlich gezeigt wird, liegt es nahe, Wortmanns und des Deutschen Fußball Bundes Verständnis der Auseinandersetzung nicht als Spiel, sondern als Kampf zu verstehen.

Das Outfit des aktuellen Trainingslagers spiegelt dieses Selbstbild wider. Sechs Meter hohe harte Mienen, eine perfekte, lückenlose Security, die höchste Gefährdung suggeriert, und der Mercedes SUV neben dem Rednerpult im Pressekonferenz-Saal. Das schwarze, benzinheißhungrige Metalltier hockt da wie ein prähistorisches Monster. Die – wieder unfreiwillige – Botschaft: wir kommen aus der Urzeit und kommen nicht von ihr los.

Das alles ist nicht mit den polnischen Tiraden zu vergleichen, aber es sollte eine Warnung darstellen. Mit Fußball und den durch ihn geweckten Emotionen kann ein gefährlicheres Spiel geweckt werden, als zwischen zwei Sechzehner passt. (Johann Skocek, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 6. Juni 2008)

  • Vertrauen ist Glückssache [3]

    Stickler und Ludwig sind ein eingespieltes Team - von Johann Skocek

  • Franzobels Spielverlagerung

    Der Ball [3]

    Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886 - In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf

  • Elfer

    Zahlenmystik zwischen Fußball und Pommes - Von Eva Rossman

  • Fast schweinigeil [4]

    Die Universität wird zum Fußballplatz - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Der Glaube versetzt Zwerge [5]

    Wir haben nicht verloren, sondern waren deutlich besser als von den Prognostikern vorhergesagt

  • Irgendwann

    Die Zürcher Straßen sind nur mehr von deutschen Fußballfans gefüllt - Von Sibylle Berg

  • Bilanz [2]

    Gestatten, Reto ist mein Name. Ich bin das ärmste Schwein dieser EM - von Franzobel

  • Der doppelte Boden [6]

    Regel 7.07 ist ein Spielverderber - Von Johann Skocek

  • Danach-Spiel [10]

    Wie ein 0:1 Deutschland- und Österreich-Bilder etwas in Verwirrung brachte - von Eva Rossmann

  • Wort geworden

    Fußball ist noch nie so sehr Wort geworden wie in den letzten Wochen - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Wie ist es ausgegangen?

    Der gordische Knoten ist eine Einfachmasche gegen mein heutiges Problem - von Peter Menasse

  • Die niedrigsten Instinkte [18]

    Der Mensch reduziert auf Trauer, Hass, Glück, Liebe, Harndrang - Von Sybille Berg

  • Partnerwetter

    Die Schweizer sind selber schuld - von Johann Skocek

  • Fan zu sein... [3]

    Momentan beschleicht mich das Gefühl, ich könnte - ganz zonenfrei - zum Fan mutieren - von Eva Rossmann

  • Gehorchen oder kicken [11]

    Darf man die große, nationale Aufwallung stören, zwischen den geschlossenen Schul­tern einen Blick auf den Lehrmeister werfen? - von Peter Menasse

  • Anwendung von Niederlagen [2]

    Die "glorious defeat" hat seinen festen Platz in der Geschichte; etwa das legendäre 3:4 des Wunderteams in England - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Die Kiste ist bitterernst [3]

    "Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr" - von Sibylle Berg

  • Sommermärchen II [66]

  • "Rot/ich weiß/rot" [43]

    Es wird in diesen Tagen zusehends schwerer, ein Patriot zu sein - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Das Ziel ist Gijon [44]

    Genug von Córdoba. Und zwar echt genug - von Peter Menasse

  • Die Rückkehr der Schals [3]

    Dass der Fasching heuer im Frühsommer stattfindet, macht nichts - von Eva Rossmann

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Posting 1 bis 25 von 66
1 2
mutation
00
fair-play

zwecks fair-play wertung sollte der skocek jetzt aber auch einen artikel über chrischtl stürmers em-song und hickslbergers geheimniskrämerei schreiben. unfreiwillig komische unterhaltung wäre garantiert.

Wiener Konfitüre
00
Irgendwie ...

... ohne aufscheinenden intellektuellen Zugang.

In diesem Sinne ... HURZ!

wuwi
01
streckenweise unfreiwillig komisch...

.. ist ihr Artikel aber auch.

His Floness
 
01

Wieso beschäftigt sich jemand beruflich mit einem Thema, welches er eigentlich nicht ausstehen kann?

Die meisten von Skoceks Artikel laufen darauf hinaus, den Fußball als proletenhaften, kommerzialisierten, für politische Zwecke missbrauchten Sport hinzustellen.

Natürlich muss man sich dem Thema auch kritisch nähern, aber einfach auf alles draufhaun und Klischees auspacken kanns ja auch nicht sein.

Wenn Skocek der Fußball so zuwider ist, soll er doch das Genre wechseln.

Marvin Stiefel
04
Bei so viel Intellektualität...

wird einem ja ganz schwindlig... In diesem "streckenweise unfreiwillig komischen" Artikel versucht der ach so hochgeistige Schreiberling krampfhaft Zusammenhänge herzustellen. Irgendetwas wird sich schon finden lassen...Die Trainer fahren nicht mehr Bus, sondern "reiten steinernen Gesichts einem Spiel" entgegen. So, so - schon mal länger Bus gefahren...? Natürlich, wenn im Zusammenhang mit Fußball das Wort "Kampf" fällt, denkt man natürlich gleich an alte Feldzüge. Ja, ja denk bei den Österreichern auch immer an die Auseinandersetzungen mit Italien...
Autos werden zu "schwarzen, benzinheißhungrigen Metalltieren" - Oh man, Johann - schreib Kurzgeschichten ...

zar1
03
Uiuiui,

der Dichter und Denker, Mahner und Warner Johann Skocek, wieder ganz am Puls der Zeit, erklärt uns die teutsche Nationalpsychologie.
Er schaut in den Fernseher und sieht folgendes: Ein grimmiges, welteroberndes, aus der Steinzeit kommendes, knüppelschwingendes Volk, dürstend nach Weltherrschaft, besungen vom teutschen Barden Xavier. Kalt, stolz, grimmig... und für Skocek vor allem geeignet zur schulterklopfenden Absicherung seines eigenen gemiatlichen nationalen Selbstbilds.

Chapeau! Eine brilliante Analyse und Interpretation, klimatheoretisch fundiert! Glattauer lässt grüßen...

Hurra Deutschland!
00

Welcome back!

zar1
00
Danke!

Freue mich schon...

DPfand
00
Die Polen

werden sich ab Montag dem neuen Gegner Ö und mit seinen Ösis alle ihre "Aufmerksamkeit" schenken! Schon jetzt viel Spass!!

Hurra Deutschland!
02

„Das lassen wir uns von niemandem nehmen, und schon gar nicht von Polen“

„Auch ihr Unterton, der – von Klinsmann sicher so nicht gewollt – auf einen viele Jahrhunderte währenden und im Zweiten Weltkrieg auf grausame Weise kulminierenden Konflikt anspielte.“

Wenn die Anspielung von Klinsmann nicht gewollt war, dann kann es auch keinen Unterton und keine Anspielung geben. Das muss dann schon der Hörer selbst hineinprojizieren.

Klinsmann könnte auch einfach nur gemeint haben, dass man sich nicht von einer nicht als Favorit gehandelten Mannschaft schlagen lassen sollte.

Oder er bezog sich darauf, dass wir uns von den Polen nicht auch noch das Spiel nehmen lassen sollten, wo sie doch schon alle unsere Autos haben.

poldus feschus
01
alles gut u. schoen

hat aber mit Deutschland nicht viel zu tun, aehnliches sagen der it., der fr., der sp, der port der ect ect ect auch, und es sagen die vereinstrainer , die eishockey, Basketball und sonstwas Trainer.

DPfand
12
Scocek

"unfreiwillig komisch" ist Ihr Artikel, da sie jetzt noch unter die Film-und Musikkritiker gehen! Warum?

NEID!!

"Das Sommermärchen" von S. Wortmann ist der erfolgreichste Dokumentarfilm des deutschsprachigen Raumes...

immun man
10

erfolgreich vielleicht, aber erfolg heißt nicht gleich qualität.

dd_san
41
Sehr geehrter Herr Josef Raimund ...

... anscheinend ist es für Sie unpackbar, dass Ihnen Herr Skocek intellektuell ganz und gar überlegen ist ...

Josef Raimund
00
die "Interessant" Bewertung kommt von mir!

AlfonsoVI
00

Ihren Großmut in Ehren, aber ich hab dd_san das notwendige rot verpasst.

Dekralith
00
aha

wie kommen sie zu dem schluss?

dd_san
20
So:

Herr oder Frau Dekralith, lesen Sie den Artikel doch einfach noch einmal in der Vorstellung kein Deutscher zu sein. Dann fällt Ihnen vielleicht auf, was Hr. Skocek eigentlich sagen will und auch warum Hrn. Raimunds merkwürdige Argumentation ins Leere läuft ...

Dekralith
02
muss ich wirklich?

es war doch schon beim ersten mal lesen eine qual. wie dem auch sei. gedenk dem fall herr raimund hat den artikel nicht richtig verstanden, was noch zu prüfen wäre, müssen sie mir erklären wie sie daraus schließen können, dass zum einen der herr skocek intellektuell überlegen ist und zum anderen, unterstellt ersteres trifft zu, der herr raimund damit nicht klarkommt. wenn sie von einem posting auf den intellekt einer person schlüsse ziehen und darüber hinaus eine psychoanalyse erstellen können, dann sollten sie ein buch schreiben. der nobelpreis wartet. anderenfalls sollten sie sich gedanken über ihren eigenen intellektuellen zustand machen. mfg

dd_san
40
Natürlich müssen Sie ...

... nicht! Schließlich fühlen Sie sich ja anscheinend in Ihrem Deutsch-sein gekränkt.
Meine Behauptung bezüglich des intellektuellen Unterschiedes war wie Sie nicht richtig bemerkt haben nur eine kleine Provokation, nichts ernstes (nichts liegt mir ferner als einen Forumsteilnehmer zu analysieren, den Nobelpreis können Sie sich gerne selber verleihen). Hrn. Skokecs Meinung über den Film kann man argumentativ nicht beikommen. Er hat ihn so so gesehen und so gedeutet. Da bin ich ganz bei ihm.
Und um Ihnen vorzugreifen: nein, ich bin kein Deutschenhasser. Im Gegenteil.

Hurra Deutschland!
04

Sie sind ein Volltrottel.

Das ist, wie Sie sicher bemerkt haben, nur eine kleine Provokation.

dd_san
00
Welch ...

... ausgefeilte Rhetorik Sie draufhaben. Ich bin beeindruckt.

Dekralith
00
ganz ruhig

nach den von ihnen geschriebenen beiträgen dürfen sie ihm nicht böse sein. er wollte mit der eindeutigkeit und heftigkeit dieser aussage doch lediglich sicherstellen, dass wir sie nicht in ähnlicher weise fehlinterpretieren wie den glorreichen text des herrn s.

TORSTEN FRINGS FUSSBALLGOTT
 
00
touche

chiwato
02
klischees,

zum leben erweckt, schmerzen doppelt. darf ein sportreporter wirklich nur über das runde, das ins eckige muß, schreiben, und vielleicht über die relativen befindlichkeiten der kickenden großverdiener, um nicht von der hungrigen poster-schar verspeist zu werden? sind etwas andere gedankengänge und wort-kreationen lesenden sportkonsumenten unzumutbar? wollen sie nicht? können sie nicht? schade.

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