Die Auseinandersetzung ist nach DFB-Verständnis nicht als Spiel, sondern als Kampf zu verstehen - von Johann Skocek
In seinem streckenweise unfreiwillig komischen Film „Deutschland – ein Sommermärchen“ zeigte der deutsche Regisseur Sönke Wortmann die kurze Ansprache von Jürgen Klinsmann vor dem WM-Spiel 2006 gegen Polen. „Das lassen wir uns von niemandem nehmen, und schon gar nicht von Polen“, deklamierte Klinsmann im Stil eines Amateur-Manager-Animators.
Die Worte wirken heute nicht nur abgestanden. Auch ihr Unterton, der – von Klinsmann sicher so nicht gewollt – auf einen viele Jahrhunderte währenden und im Zweiten Weltkrieg auf grausame Weise kulminierenden Konflikt anspielte, ist nicht zu überhören. Für die im Fußballbusiness herrschende Naivität ist typisch, dass sich nie jemand mit solchen Schwachsinnigkeiten beschäftigt. Bis es nicht mehr anders geht. Derzeit hetzen „kranke“ Journalisten, wie Polens Teamchef Leo Beenhakker sagte. Polnische Sudelzeitungen nehmen das EM-Spiel am Sonntag zum Anlass, gegen die Deutschen – und nicht bloß gegen deren Kicker – Stimmung zu machen, um das eigene Geschäft anzuheizen. Inzwischen hat sich Leo Beenhakker entschuldigt, aber der kann nichts dafür.
Das Sommermärchen eines Fußball-Turniers provoziert eben Gefühle, und nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, die wesentlich tiefer als die Begeisterung für den Fußball reichen.
In seinem Film versuchte Wortmann den Kontakt zu diesen emotionalen Tiefenspeichern patscherterweise auch über den Soundtrack zu schließen. Der unsägliche Xavier Naidoo und sein elendigliches WM-Liedlein „Der Weg wird kein leichter sein“ untermalt Filmbilder aus dem Mannschaftsbus: Löw und Klinsmann reiten steinernen Gesichts einem Spiel entgegen. Angesichts all der peinlichen Martialität, die in der deutschen Kabine unter dem Titel „Motivation“ abgeliefert und einige Male ausführlich gezeigt wird, liegt es nahe, Wortmanns und des Deutschen Fußball Bundes Verständnis der Auseinandersetzung nicht als Spiel, sondern als Kampf zu verstehen.
Das Outfit des aktuellen Trainingslagers spiegelt dieses Selbstbild wider. Sechs Meter hohe harte Mienen, eine perfekte, lückenlose Security, die höchste Gefährdung suggeriert, und der Mercedes SUV neben dem Rednerpult im Pressekonferenz-Saal. Das schwarze, benzinheißhungrige Metalltier hockt da wie ein prähistorisches Monster. Die – wieder unfreiwillige – Botschaft: wir kommen aus der Urzeit und kommen nicht von ihr los.
Das alles ist nicht mit den polnischen Tiraden zu vergleichen, aber es sollte eine Warnung darstellen. Mit Fußball und den durch ihn geweckten Emotionen kann ein gefährlicheres Spiel geweckt werden, als zwischen zwei Sechzehner passt. (Johann Skocek, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 6. Juni 2008)