Dass der Fasching heuer im Frühsommer stattfindet, macht nichts - von Eva Rossmann
Zieh dich warm an, hat Mutter gesagt – und um die Ecke haben ich und viele andere den Schal schnell in die Schultasche gestopft. Omas handgestrickter Schal entsetzte allein schon wegen der kühnen Farbwahl von rosa und grün, aber schließlich müssen auch Wollreste einer nützlichen Bestimmung zugeführt werden, und niemand hat nachweisen können, dass knallige Streifen schlechter wärmen.
Auch an Gequatsche über einen „schwulen Schal“, sehr farbenfreudig, von einem jungen Mann getragen, der als alles gelten wollte, nur eben nicht als zum eigenen Geschlecht sexuell hingezogen, kann ich mich erinnern. Er hat ihn, glaube ich, verbrannt.
Wie schön, dass im Fasching alles anders ist. Und so tragen „richtige“ Männer und alle, die es immer sein wollten, bunte Schals. Mädels und Buben jeden Alters beschmieren sich das Gesicht mit Farbe, und ähnlich wie im karibischen Karneval wird beflaggt, was sich beflaggen lässt.
Man tanzt und trinkt auf der Straße, vielleicht prügelt man sich hin und wieder ein bisschen, und Taschendiebe und die legalen großen Abzocker haben Hochsaison. Wildfremde umarmen einander, Unbekannte trösten einander und manchen ist schon vor Sonnenuntergang schlecht.
Dass der Fasching heuer im Frühsommer stattfindet, macht nichts. Vielleicht ist es deswegen bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland so fröhlich zugegangen: weil der Fasching schon überfällig war in diesem Land, in dem selbst der Karneval wirkt wie eine Aufsichtsratssitzung würdiger Herren mit Hüten, die ihnen ein Unternehmens- und Effizienzpsychologe als Übung verschrieben hat.
Fasching braucht auch unser Land. Und wenn mir vor kurzem eine Österreich-Fahne auf die Windschutzscheibe geweht wurde, das Auto vor mir stehen geblieben ist, ein Bub herausgesprungen ist, die Fahne mit hochrotem Kopf geschnappt hat und die Mutter gebrüllt hat, dass das nun davon komme und was da alles passieren könne, da war ich plötzlich auf der Seite der Fahnen und hab mir gedacht, dass auch der besorgten Frau Fasching nicht schaden könnte.
Egal. Die Rückkehr der Schals ist unabänderlich. Manager werden sie tragen und Optikerinnen, Hausmeister und Bürgermeister, Obfrauen, Taubenzuchtpräsidenten und vielleicht sogar unser Präsident (aber der darf ja auch das mit dem Fähnchen immer – und nicht bloß weil Fasching ist). Alle, die bislang aufgrund ihrer Schalwahl diskriminiert wurden, sollten feiern. Ach ja, und Fußball gespielt wird auch werden. Aber das ist schon okay.
Eva Rossmann ist Autorin und Köchin („Buchingers Alte Schule“, Riedenthal). Im September erscheint „Die Russen kommen“, der zehnte Mira-Valensky-Krimi. (DER STANDARD PRINTAUSGABE 5.6. 2008)