Die Rückkehr der Schals

Redaktion, 6. Juni 2008, 18:37

Dass der Fasching heuer im Frühsommer stattfindet, macht nichts - von Eva Rossmann

Zieh dich warm an, hat Mutter gesagt – und um die Ecke haben ich und viele andere den Schal schnell in die Schultasche gestopft. Omas handgestrickter Schal entsetzte allein schon wegen der kühnen Farbwahl von rosa und grün, aber schließlich müssen auch Wollreste einer nützlichen Bestimmung zugeführt werden, und niemand hat nachweisen können, dass knallige Streifen schlechter wärmen.

Auch an Gequatsche über einen „schwulen Schal“, sehr farbenfreudig, von einem jungen Mann getragen, der als alles gelten wollte, nur eben nicht als zum eigenen Geschlecht sexuell hingezogen, kann ich mich erinnern. Er hat ihn, glaube ich, verbrannt. Wie schön, dass im Fasching alles anders ist. Und so tragen „richtige“ Männer und alle, die es immer sein wollten, bunte Schals. Mädels und Buben jeden Alters beschmieren sich das Gesicht mit Farbe, und ähnlich wie im karibischen Karneval wird beflaggt, was sich beflaggen lässt.

Man tanzt und trinkt auf der Straße, vielleicht prügelt man sich hin und wieder ein bisschen, und Taschendiebe und die legalen großen Abzocker haben Hochsaison. Wildfremde umarmen einander, Unbekannte trösten einander und manchen ist schon vor Sonnenuntergang schlecht. Dass der Fasching heuer im Frühsommer stattfindet, macht nichts. Vielleicht ist es deswegen bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland so fröhlich zugegangen: weil der Fasching schon überfällig war in diesem Land, in dem selbst der Karneval wirkt wie eine Aufsichtsratssitzung würdiger Herren mit Hüten, die ihnen ein Unternehmens- und Effizienzpsychologe als Übung verschrieben hat.

Fasching braucht auch unser Land. Und wenn mir vor kurzem eine Österreich-Fahne auf die Windschutzscheibe geweht wurde, das Auto vor mir stehen geblieben ist, ein Bub herausgesprungen ist, die Fahne mit hochrotem Kopf geschnappt hat und die Mutter gebrüllt hat, dass das nun davon komme und was da alles passieren könne, da war ich plötzlich auf der Seite der Fahnen und hab mir gedacht, dass auch der besorgten Frau Fasching nicht schaden könnte.

Egal. Die Rückkehr der Schals ist unabänderlich. Manager werden sie tragen und Optikerinnen, Hausmeister und Bürgermeister, Obfrauen, Taubenzuchtpräsidenten und vielleicht sogar unser Präsident (aber der darf ja auch das mit dem Fähnchen immer – und nicht bloß weil Fasching ist). Alle, die bislang aufgrund ihrer Schalwahl diskriminiert wurden, sollten feiern. Ach ja, und Fußball gespielt wird auch werden. Aber das ist schon okay.

Eva Rossmann ist Autorin und Köchin („Buchingers Alte Schule“, Riedenthal). Im September erscheint „Die Russen kommen“, der zehnte Mira-Valensky-Krimi. (DER STANDARD PRINTAUSGABE 5.6. 2008)

  • Vertrauen ist Glückssache [3]

    Stickler und Ludwig sind ein eingespieltes Team - von Johann Skocek

  • Franzobels Spielverlagerung

    Der Ball [3]

    Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886 - In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf

  • Elfer

    Zahlenmystik zwischen Fußball und Pommes - Von Eva Rossman

  • Fast schweinigeil [4]

    Die Universität wird zum Fußballplatz - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Der Glaube versetzt Zwerge [5]

    Wir haben nicht verloren, sondern waren deutlich besser als von den Prognostikern vorhergesagt

  • Irgendwann

    Die Zürcher Straßen sind nur mehr von deutschen Fußballfans gefüllt - Von Sibylle Berg

  • Bilanz [2]

    Gestatten, Reto ist mein Name. Ich bin das ärmste Schwein dieser EM - von Franzobel

  • Der doppelte Boden [6]

    Regel 7.07 ist ein Spielverderber - Von Johann Skocek

  • Danach-Spiel [10]

    Wie ein 0:1 Deutschland- und Österreich-Bilder etwas in Verwirrung brachte - von Eva Rossmann

  • Wort geworden

    Fußball ist noch nie so sehr Wort geworden wie in den letzten Wochen - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Wie ist es ausgegangen?

    Der gordische Knoten ist eine Einfachmasche gegen mein heutiges Problem - von Peter Menasse

  • Die niedrigsten Instinkte [18]

    Der Mensch reduziert auf Trauer, Hass, Glück, Liebe, Harndrang - Von Sybille Berg

  • Partnerwetter

    Die Schweizer sind selber schuld - von Johann Skocek

  • Fan zu sein... [3]

    Momentan beschleicht mich das Gefühl, ich könnte - ganz zonenfrei - zum Fan mutieren - von Eva Rossmann

  • Gehorchen oder kicken [11]

    Darf man die große, nationale Aufwallung stören, zwischen den geschlossenen Schul­tern einen Blick auf den Lehrmeister werfen? - von Peter Menasse

  • Anwendung von Niederlagen [2]

    Die "glorious defeat" hat seinen festen Platz in der Geschichte; etwa das legendäre 3:4 des Wunderteams in England - Von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Die Kiste ist bitterernst [3]

    "Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr" - von Sibylle Berg

  • Sommermärchen II [66]

    Die Auseinandersetzung ist nach DFB-Verständnis nicht als Spiel, sondern als Kampf zu verstehen - von Johann Skocek

  • "Rot/ich weiß/rot" [43]

    Es wird in diesen Tagen zusehends schwerer, ein Patriot zu sein - von Wendelin Schmidt-Dengler

  • Das Ziel ist Gijon [44]

    Genug von Córdoba. Und zwar echt genug - von Peter Menasse

  • Die Rückkehr der Schals [3]

Klaus Walter
10

da wünscht man sich ja fast schon Franzübel zurück !!!

DPfand
00
Na,

von rheinischen Karneval hat die Rossmanns Eva jedenfalls null Ahnung, da wirds dann peinliches Geschreibsel!! :-))

Hübner
 
00

Fasching im Frühsommer?
In diesem Land ist doch immer Fasching!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.