Rundschau: Rückkehr zur Ringwelt

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John Twelve Hawks: "Dark River. Das Duell der Traveler"

Gebundene Ausgabe, 444 Seiten, € 17,50, Page & Turner 2008.

Der uralte Kampf zwischen Ordnung und Chaos steht im Mittelpunkt der Romane des literarischen Mysteriums John Twelve Hawks - doch unter umgekehrten Vorzeichen: Denn Chaos steht hier für Freiheit und Ordnung für Kontrolle.

Wer "Traveler", den ersten Band der gleichnamigen Trilogie, nicht gelesen hat, für den fasst ein kurzes Vorwort das grundlegende Szenario zusammen: Der Geheimbund der Tabula arbeitet seit Beginn der Zeit - natürlich nur zum Besten des Menschen ... - an der Etablierung des totalen Überwachungsstaats; mit den technischen Möglichkeiten unserer Zeit steht sie endlich vor dem Ziel. Doch muss sie zuerst ihre alten Kontrahenten, die Traveler, auslöschen: Menschen, die Kraft ihres Geistes in andere Welten abtauchen können (unsere ist die vierte Sphäre von sechs, so auch der Originaltitel "Fourth Realm Trilogy") und von dort mit Visionen über alternative Lebensweisen zurückkehren. Beschützt werden die Traveler von den Harlequins: geübten und mit kalter Logik agierenden Kämpfern, die der Gewalt der Tabula ihre eigene entgegen setzen. Ein seit langem tobender Kampf, von dem der größte Teil der Menschheit nichts ahnt, obwohl darin ihr Schicksal entschieden wird - und die Tabula droht zu gewinnen.

Mit den Brüdern Michael und Gabriel Corrigan erhält der Konflikt eine persönliche Note: Beide sind Traveler und vermutlich die letzten ihrer Art - doch Michael hat sich der Tabula angeschlossen und marschiert in "Dark River" gerade durch die Instanzen nach oben. In Berlin plant die Tabula die große Generalprobe für die neue Weltordnung: die Installierung eines "Schattenprogramms", mit dem aus den Informationen von Überwachungskameras, RFID-Chips, Kreditkarten usw. der exakte Weg jedes Individuums rund um die Uhr virtuell rekonstruiert werden kann. Ein fingierter Terroranschlag soll den Behörden die Etablierung des Systems schmackhaft machen.

Gabriel hingegen befindet sich mit seiner Harlequin-Begleiterin Maya und einigen Freunden auf einer gehetzten Dauerflucht: Gelegenheit für Twelve Hawks, dem arglosen Durchschnittsbürger unvertraute städtische Topografien zu entwerfen - das Hauptaugenmerk liegt stets darauf, wie man an den allgegenwärtigen Überwachungssystemen vorbei durch den Alltag kommt. Gabriel und Maya begegnen einer Reihe unterschiedlicher Gemeinschaften, die jede auf ihre Art ebenfalls außerhalb des Rasters leben - sei es ein Nonnenkloster oder eine Gruppe jugendlicher Free Runners in London, hinter deren Lebensweise mehr steckt als bloßes Von-Dach-zu-Dach-Springen als Modesport. Mit der Auslöschung einer solchen Gemeinschaft, einer alternativen Kommune in den USA, durch Truppen der Tabula erlebt der Roman seinen blutigen Beginn.

Jeder Zeit ihre Verschwörungsmythologie - für unsere zunehmend (und absolut zu Recht!!) von "Big Brother"-Ängsten geprägte Epoche ist "Traveler" maßgeschneidert. Kaum eine der beschriebenen Technologien ist Fiktion - nur die eine, alles beobachtende Instanz dahinter (hoffentlich) noch nicht. Dass John Twelve Hawks ein Pseudonym ist, der Autor niemals persönlich in Erscheinung tritt und in den wenigen gegebenen Tele-Interviews behauptete, selbst außerhalb des Rasters zu leben, nährt den Mythos zusätzlich und ist auf jeden Fall ein perfekter Marketing-Dreh. Ohne auf die unzähligen Spekulationen um Twelve Hawks' wahre Identität näher einzugehen: Möge er dem Raster weiterhin "entwischen" - die Geschichte ist noch nicht abgeschlossen.

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