Rundschau: Rückkehr zur Ringwelt

Jürgen Doppler, 16. August 2008, 10:52
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Jean-Christophe Rufin: "Globalia"

Broschiert, 445 Seiten, € 10,30, Goldmann 2007.

Im nächsten Roman ist der Überwachungsstaat längst Realität geworden: Sicherheit ist Freiheit. Sicherheit ist Schutz. Schutz ist Überwachung. Überwachung ist Freiheit! tönt es in "Globalia", einer global-urbanistischen Dystopie ganz um Stil alter Klassiker wie "Brave New World" oder "Logan's Run". "Globalia" zieht sich in Form eines Archipels von mit Glaskuppeln geschützten Habitaten - den gesicherten Zonen - über die nördliche Hemisphäre der Erde.

Drinnen lebt eine jeder sinnvollen Arbeit entbundene Gesellschaft: Überaltert, doch mit kosmetischer Chirurgie auf jugendlich getrimmt und zugleich die wenigen tatsächlich Jungen inbrünstig verachtend. Jeder Tag ist irgendein sinnloser von einem Unternehmen gesponserter Motto-Feiertag, niemand darf diskriminiert werden, selbst das Recht auf Abweichung ist verfassungsrechtlich als integriertes vertragliches Randdasein garantiert. Dauernd finden in der globalen Demokratie irgendwo Wahlen statt - die Wahlbeteiligung liegt bei zwei Prozent. Nur die Terroranschläge, die auf den privatisierten Straßen Globalias regelmäßig ein Blutbad anrichten, stören das Idyll.

Draußen liegen die Non-Zonen: die größere Hälfte der geteilten Welt. Einst von Globalia in die Anarchie gebombt und an jeder Neu-Organisierung gehindert. Zudem vollständig verwüstet und damit den in Globalia verlautbarten Öko-Parolen von "keine natürlichen Ressourcen für die Industrie" und "Menschenrechte für Tiere" Hohn sprechend. Doch genau dahin zieht es den jungen Rebellen Baikal Smith und seine Geliebte Kate. Dass sie es nicht aus eigener Kraft schaffen, sondern erst nachdem die Graue Eminenz Globalias, Ron Altman, persönlich eingreift, setzt die zynische Handlung des Romans in Gang: Denn Altman möchte Baikal als neues äußeres Feindbild lancieren, um seinen festen Griff um die Weltstadt zu behalten - und das ist nur Teil eines perfiden Plans, der sich in aller Schwärze nach und nach enthüllen wird.

Der Franzose Jean-Christophe Rufin ist Mitbegründer von "Ärzte ohne Grenzen" und Präsident der "Action Contre la Faim": Seine Erfahrungen mit der Ausbeutung der "Dritten Welt" fließen 1:1 in den Roman ein - etwa wenn er beschreibt, wie Garbage People von Globalias mafiösen Mittelsmännern in den Non-Zonen als Wächter der letzten Naturgebiete - den Ozonbrunnen - angeheuert werden. Wenn er "Die Nachrichten aus den Non-Zonen sind Katastrophen und Krieg" schreibt, dann ist klar, dass "Globalia" auf nichts anderes als eine auf die Spitze getriebene Darstellung unserer heutigen Welt abzielt. "Globalia" mag streckenweise plakativ sein - doch steht dies einer gesellschaftskritischen Dystopie eindeutig zu. Es bleibt dem Leser überlassen, ob er "Globalia" ins Science Fiction-Regal oder neben Jean Zieglers "Das Imperium der Schande" stellen will. Ein ernüchterndes, unversöhnliches und unbedingt lesenswertes Buch.

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10 Postings
Eine kurze Frage ...

... und zwar, mit welchem Buch steige ich bei John Twelve Hawks Büchern ein, um Anschluss an "Dark River" zu finden? Was ich so bei den Rezessionen auf Amazon.at gelesen habe, soll er ansich ein guter Sci-Fi Autor sein.

J. Josefson
00
23.8.2008, 11:25

"Traveler" hieß der erste Band, "Dark River" ist der zweite. Der dritte und angeblich abschließende Teil ist (in der englischsprachigen Version) für 2009 angekündigt.

Der erste Ringwelt-Roman war wirklich gut, die danach folgenden lösten bei mir jedoch nur Langeweile aus. Niven kann sehr gute Kurzgeschichten schreiben, aber bei längeren Epen versagt er IMHO. Seine Beschreibungen sind zu lange, die Handlung kommt nicht weiter und ist zudem noch sehr verworren (speziell beim dritten Teil). So gut seine Konzepte auch sein mögen, er schafft es einfach nicht, gute Geschichten darum aufzubauen.

Vielleicht tut dem Roman die Kooperation mit dem Ko-Autor gut. Eventuell sollte Niven mal bei Kevin J. Anderson Nachhilfe nehmen - der kann große Geschichten hervorragend aufbauen und spannend erzählen.

Globalia

... ist jedenfalls mehr als einen Tip wert. Danke!

Habs vor einem Jahr oder so gelesen

und war unbeeindruckt bis peinlich beruehrt. Leider.

Zu Nivens "Ringwelt"-Romanen...

... - die ich sehr gut finde - fällt mir der ebenfalls sehr gute "Orbitsville"-Zyklus von Bob Shaw ein - mit einer "vollständigen" Dyson-Sphäre als Schauplatz:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bob_Shaw

Bin wirklich sehr erfreut das diese Rubrik monatlich(?) erscheint. Kurze knackige Inhaltsbeschreibungen, welche einem die Suche im Buchgeschäft etwas erleichtern.

Den neuen Niven muß ich mir unbedingt zulegen, ich mag die Puppenspieler.:)

J. Josefson
00
17.8.2008, 13:27
Ja, monatliche Erscheinungsweise

Immer zur Monatsmitte, jedenfalls so um den Dreh rum.

Hab´schon gelesen ...

... und ist wirklich interessant, wenn man zumindest "Ringwelt" kennt.

Der Verlagsuntertitel "Ein Ringwelt-Roman" ist - wie leider üblich - irreführend, da es nicht um die Ringwelt geht, sondern mehr um die Welten (Klemperer Rosette!) und Gesellschaft der Puppenspieler.

Also ein Roman aus dem Bekannten Weltraum, der einiges an Hintergrund bietet. In ein paar Wochen erscheint "Weltenwandler", der von Sigmund Ausfaller, dem paranoiden ARM Agent handelt. Den kennen wir bereits aus Kurzgeschichten in "Crashlander".

Habe eigentlich alle Bänder zu Hause denke ich, wobei mir der Crashlanderband eigentlich am besten gefallen hat. Einige gute Storys gab es auch in den Bänden über die Kzin Kriege.

Bin schon gespannt ob die Weltenflotte auf die Pak trifft.

Weltenwandler hört sich verdächtig nach Ausfaller auf der Weltenflotte an.

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