Teamchef Josef Hickersberger hat doch nicht verraten, wer Österreichs Tor hütet. Es habe disziplinäre Verstöße gegeben, so die kaum nachvollziehbare Begründung
Stegersbach - Montag in Stegersbach. "Am Mittwoch wird der Tormann bekanntgegeben." Dienstag in Stegersbach. "Am Mittwoch wird der Tormann bekanntgegeben." Mittwoch in Stegersbach: "Der Tormann wird nicht bekanntgegeben." Teamchef Josef Hickersberger hat verblüfft. Und es schien, als habe er sich dabei nicht gerade pudelwohl gefühlt. Weshalb er sich selbst ignoriert hat, weiß er möglicherweise schon, vermitteln konnte er es allerdings nicht. "Ich bin nicht an meine Fristen gebunden, bin nicht der Sklave meiner eigenen Fristen."
Da schauten sich nach der halbstündigen Pressekonferenz im Hotel Larimar rund 60 Journalisten blöd, im Sinne von ratlos, an. Ihre 120 Schultern zuckten, die Köpfe rauchten. Es war einer jener Momente im Leben, in denen man überzeugt ist, nur mehr ein Stückchen Resthirn zu besitzen. Wieso? Warum? Was meint er damit? Soll man sich Sorgen machen? Ist der Ball rund? Benötigt Österreich bei der EURO überhaupt einen Tormann, nur weil die 15 anderen Teilnehmer einen haben? Sind Jürgen Macho und Alexander Manninger in Wahrheit Mittelstürmer und Alternativen zu Roland Linz?
Hickersberger ist ein souveräner Mann. Der prinzipiell weiß, was er tut. Am 4. Juni 2008, übrigens dem 31. Geburtstag von Manninger, wollte er, so eine fernliegende Vermutung, einmal erfahren, wie es ist, völlig Unlogisches von sich zu geben. "Die Tormannfrage ist das geringste Problem. Die Entscheidung wurde verlegt, weil es Disziplinlosigkeiten gegeben hat." Nicht von Macho und Manninger, die sind artig, motiviert, einsatzfreudig gewesen. "Einige sind unpünktlich zu Terminen erschienen, zuletzt hat im Training das Feuer gefehlt, auf Sardinien und in Lindabrunn hat mir das besser gefallen. Wehret den Anfängen." Später sagte Hickersberger, ein Spieler habe gegen Regeln verstoßen. "Passiert es noch einmal, sind seine EURO-Chancen gering."
Was das eine mit dem anderen zu tun hat, vermochte Hickersberger nicht schlüssig zu erklären. Ob es nicht von Vorteil sei, Klarheit zu schaffen und unnötige Spekulationen zu beenden? Zumal das Problem gering sei? Schließlich könnte sich der Auserwählte dann auf seine Aufgaben besser konzentrieren? "Nein. Die Torhüter stehen nicht unter Druck. Der Teamchef macht, was er will, der Teamchef hält den Kopf hin. Überall auf der Welt ist das so. Die beiden Torleute besitzen so viel Klasse, dass sie nicht vom meiner Schlauheit oder Dummheit abhängig sind."
Ablenkung? Verletzung?
Folgende Interpretation sind zumindest nicht unzulässig: Das Ganze war ein leicht missglücktes Ablenkungsmanöver. Es ist davon auszugehen, dass die Nummer eins intern bestimmt ist. Hickersberger hat gesagt, dass sein Bauch bereits entschieden habe. Die Nation soll es erst am 8. Juni zwei Stunden vor dem Auftakt gegen Kroatien erfahren. Sie wird damit fertig werden müssen. Den Kroaten dürfte es egal sein, deren Teamchef Slaven Bilic kann mit und ohne Macho/Manninger gut leben. Auch Polen und Deutsche halten die schreckliche Ungewissheit locker aus.
Es kann aber sein, dass der Wunschkandidat verletzt und ein Aufschub notwendig ist. Wenig Zeit heilt kleine Wunden. Macho, so wurde beobachtet, hat sich ans Handgelenk gegriffen.
Kapitän Andreas Ivanschitz sagte glatt, dass das Wetter besser sein könnte. Der Regen schlage doch aufs Gemüt. "Wir wünschen uns und der EURO Sonne." Bei Panathinaikos komme es übrigens immer wieder vor, "dass Spieler verschlafen. Nicht so schlimm, aber das gehört abgestellt, darf bei uns nicht mehr der Fall sein." Trotzdem, sagte der Burgenländer Ivanschitz, leide man im schönen Burgenland nicht an Lagerkoller. "Wir spielen Billard, Darts, Tischfußball." Das interne Klima sei toll. Als Bestätigung führte Hickersberger an, dass Manninger eine Torte serviert wurde. Und alle, wirklich alle, haben "Happy Birthday" gesungen. "Das gehört sich."
Es ist an der Zeit, dass die EURO sogar für den Tormann endlich beginnt. Hickersberger: "Es ist nämlich unsere Europameisterschaft." (Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 5.6. 2008)