Es wird in diesen Tagen zusehends schwerer, ein Patriot zu sein - von Wendelin Schmidt-Dengler
Auf den Straßen Autos mit Fahnen, manche mit dem Staatswappen. Ein hart erkämpftes Recht, wir wissen es. Der Tag der Fahne wurde abgeschafft, durch die Hintertür der EM kommen die Tage der Fähnchen herein. Joseph Roth wusste es schon genau: Fahnen und Symbole beförderten die verhängnisvolle Entwicklung der Ersten Republik. „rot / ich weiß / rot“, so formulierte Ernst Jandl mit genauer Skepsis in seinem Gedicht „eine fahne für österreich“. Die Fußballspiele sind vergessen, ehe sie beginnen konnten. Es geht nicht um die Sache selbst, sondern um das Drumherum, wie es im Motto von Sternes „Tristram Shandy“ heißt.
Zurzeit gibt es nur Drumherum. Die Fanmeile wird von vielen, was sie wohl nicht ist, als existenzielle Bedrohung gewertet. Sie ist nur eine unerhörte Belästigung, die aus Wiens Ringstraße ein ideales Objekt für die Ästhetik des Hässlichen macht – um von dem merkantilen Unfug zu schweigen, der damit verbunden ist. Das soll den Glauben an Österreich und seine Mannschaft fördern? Alfred Dorfer erhält einen Verweis in „Heute“, weil er einen Scherz gemacht hat: „Fußball-EURO in Österreich, das klingt so ähnlich wie Skifliegen in Namibia.“
So was geht nicht, denn: „Fünf Tage vor Anpfiff der EURO geht der Trend eindeutig zum Patriotismus.“ Es gilt, in Zeiten der Bedrängnis, dem Kabarettisten aufs Maul zu schauen, denn: „Das ganze Land hat eine tolle Chance, die wir uns nicht selbst schlechtreden sollen.“ Wenn uns die anderen schlechtreden, bin auch ich Patriot. Im deutschen Zeitmagazin vom 29. Mai ist eine Bildreportage über Österreichs Fußball zu finden, die Geschichte eines „unglaublichen Niedergangs“. Titel: „Not gegen Elend.“ Ein kolonialherrlicher Reporter besucht Österreich und treibt ethnologische Studien: „Was wie Sperrmüll aussieht, ist ein Kommentatorenplatz beim SV Mattersburg.“ Auch einen Ureinwohner des Landes, einen Rapidanhänger in vollem Ornat, hat er vor die Kamera bekommen. Dem Fotografen habe dieser nach dem Abdrücken ein „Schleich di!“ zugeraunt.
Den Mann kann ich verstehen. Doch trotz solcher nachbarlicher Anmaßungen will ich mich nicht auf einen „Schulterschluss“ einlassen, wie ihn der frischgebackene Kanzler im Jahre 2000 forderte, als es Unruhe in der EU gab. Er nahm das Wort in den Mund, ohne von der Hypothek zu wissen, die auf der Formel „Schulter an Schulter“ seit 1914 lastete. Über Siege der Österreicher wird man sich freuen, aber ohne diesen patriotischen Schnickschnack. Noch einmal Ernst Jandl: „alle sagen: österreich. / und außerdem: ich komme gleich.“
Wendelin Schmidt-Dengler ist Professor der Literatur-wissenschaft in Wien. (Wendelin Schmidt-Dengler ist Professor der Literaturwissenschaft in Wien - DER STANDARD PRINTAUSGABE 4.6. 2008)