Vor 15 Monaten hatte Jonas Vogel einen Unfall, bei dem er sein Augenlicht verlor. Jetzt ist er pensioniert, aber das sagt nichts
Denn wer einmal Polizist gewesen ist, ist immer Polizist. Das versucht Jonas Vogel seinem Sohn Max beizubringen. Max, Nachfolger seines Vaters im Kommissariat, stellt sich stur, doch kann er nicht verhindern, dass sein exzentrischer Vater sich freiwillig in die Gewalt eines Geiselnehmers begibt. Jonas weiß, dass die Frau, die der Verbrecher festhält, hatte zusehen müssen, wie ihre Eltern in der gemeinsamen Wohnung ermordet wurden. Jonas befreit die Frau und bleibt bei dem Bewaffneten. Zwischen Jonas und dem Geiselnehmer entspinnt sich ein Dialog.
Ein Blinder erscheint weniger bedrohlich, es fällt leichter, ihm Dinge anzuvertrauen, die man noch nie jemandem erzählt hat. Einer, der nicht sehen kann, sieht tiefer. Friedrich Ani ist zu Recht ein bewunderter Star der deutschsprachigen Krimiszene – sein neues Opus ist zwar eher ein Psychothriller als ein Krimi, doch Ani schreibt so spannungsgeladen, dass man auf das vertraute Schema "Opfer – Täter – Aufklärung" ohnehin leicht verzichten kann. Der wahre Horror entspinnt sich erst in den Gesprächen zwischen Vogel und dem Geiselnehmer. Eine Jugend auf dem Dorf mit schaurig normalen Eltern, die Unmöglichkeit eines Auswegs und die brutale Wendung sind meisterlich miteinander verknüpft. Was mit Vogels Frau passiert, die allein durch die Nacht irrt, weil ihr Mann wieder einmal jemand anderen retten muss, ist eine parallele Geschichte mit nicht weniger Brisanz. (Ingeborg Sperl, ALBUM/DER STANDARD, 31.05/01.06.2008)
Friedrich Ani, "Wer tötet, handelt". € 8,20/176 Seiten. dtv, München 2008.