
Ein Blinder erscheint weniger bedrohlich, es fällt leichter, ihm Dinge anzuvertrauen, die man noch nie jemandem erzählt hat. Einer, der nicht sehen kann, sieht tiefer. Friedrich Ani ist zu Recht ein bewunderter Star der deutschsprachigen Krimiszene – sein neues Opus ist zwar eher ein Psychothriller als ein Krimi, doch Ani schreibt so spannungsgeladen, dass man auf das vertraute Schema "Opfer – Täter – Aufklärung" ohnehin leicht verzichten kann. Der wahre Horror entspinnt sich erst in den Gesprächen zwischen Vogel und dem Geiselnehmer. Eine Jugend auf dem Dorf mit schaurig normalen Eltern, die Unmöglichkeit eines Auswegs und die brutale Wendung sind meisterlich miteinander verknüpft. Was mit Vogels Frau passiert, die allein durch die Nacht irrt, weil ihr Mann wieder einmal jemand anderen retten muss, ist eine parallele Geschichte mit nicht weniger Brisanz. (Ingeborg Sperl, ALBUM/DER STANDARD, 31.05/01.06.2008)
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