Spektakel nur vor dem Turnier

Redaktion, 29. Mai 2008, 23:49
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    foto:apa/epa

    Artur Jorge plauderte in der Schweiz nicht gerne.

Artur Jorge kam in die Schweiz und schwieg - Die EM 1996 in England wurde durch das erste Golden Goal der Geschichte durch Bierhoff zu Gunsten der Deutschen entschieden

Er kam im Januar 1996 und sagte: «Die Schweiz ist ein gutes Projekt.» Dann redete der neue Nationaltrainer der rot-weissen Auswahl nicht mehr viel. Er handelte. Kein Zweifel: Artur Jorge ist intelligent. Doch zwischendurch verwechselte er die Namen der Spieler. Kein Zweifel: Artur Jorge ist kultiviert. Aber von Kommunikation hält er nichts. Und er traf Entscheide, ohne irgendjemanden zu informieren.

Der portugiesische Coach trat die Nachfolge des zu Inter Mailand abgewanderten Volkshelden Roy Hodgson an. Der Brite hatte die Schweiz an die EM-Endrunde 1996 nach England geführt. Aber ein halbes Jahr vor Turnierbeginn entschied er sich für die Serie A. Hodgsons Temperamentsausbrüche waren bei Spielern und Medienvertretern gefürchtet. Doch mit Artur Jorge wurde das Spektakel abseits des Platzes auf eine neue Ebene geführt. Gut vier Wochen vor EM-Beginn sorgte der Mann mit dem Seehundschnauz für eine faustdicke Überraschung: Er strich die Teamstützen und Publikumslieblinge Alain Sutter und Adrian Knup, heute Teamberater der Schweizer Nationalmannschaft, kommentarlos aus dem Aufgebot.

Supporter und die Mehrheit der Journalisten schnappten nach Luft. Alain Sutter hatte an der WM 1994 in den USA noch als Flankengeber im Mittelfeld brilliert, Torjäger Knup sicherte den Schweizern mit seiner Quote (26 Goals in 49 Spielen) manchen Punkt. Artur Jorge war das egal. Und vor allem: Er schwieg weiter. Jorge, heute 62 Jahre alt, wurde durch den Fleischwolf gedreht. Die Spieler riefen aus Solidarität einen Medienboykott aus, doch auf Druck von Hauptsponsor «Kreditanstalt » geriet die Aktion zum Rohrkrepierer. «Dass mir Jorge nicht einmal eine Erklärung gab, war die grösste Enttäuschung », sagt Knup heute.

GUTER START. Ohne jeglichen Kredit und mit einer stocksauren Medienschar an Bord flogen die Eidgenossen Anfang Juni auf die Britischen Inseln. Im ersten Match im Londoner Wembley wartete gleich Gastgeber England. Allen Befürchtungen zum Trotz zeigten die Schweizer aber eine reife Leistung und rangen dem Favoriten ein 1:1 ab. Die Mini-Euphorie hielt aber nicht lange. Gegen Holland setzte es eine 0:2-Niederlage ab, gegen die biederen Schotten ein 0:1. Ein paar Wochen nach dem Turnier verließ Artur Jorge die Schweiz. Wortlos.

Entschieden wurde die Endrunde durch das erste Golden-Goal der Geschichte – erzielt von Stürmer Oliver Bierhoff gegen Tschechien. 2:1 gewannen die Deutschen in der Nachspielzeit. Mit ihrem hölzernen, defensiven Fussball vermochte die Mannschaft von Berti Vogts aber nicht zu begeistern. Die Sympathien gehörten den Tschechen. Die Halbfinals wurden übrigens im Elfmeterschießen geregelt – ebenfalls ein Novum. (MARCEL ROHR*)

EM 1996:

  • Final:
    Tschechien–Deutschland 1:2 n. V.

  • Halbfinals:
    Frankreich–Tschechien 5:6 n. E.
    Deutschland–England 7:6 n. E.

    Schweiz in der Gruppenphase out, Österreich nicht qualifiziert.

    * Marcel Rohr ist Redakteur der "Basler Zeitung". Der Standard kooperiert seit 2006 mit der Basler Zeitung. Wir tauschen vor und während der EURO Artikel aus, wir tauschen uns aus. Basel (6 Spiele) ist die EURO-Hauptstadt der Schweiz.
  • paniktotal
    00
    30.5.2008, 11:39
    Trügerische Sicherheit

    Die deutsche Mannschaft war mental die stärkste. Frankreich, Niederlande, Italien hatten Ihre Übergangsphasen noch nicht wirklich abgeschlossen. Hat Deutschland im trügerischen Glauben gelassen, eine wirklich konkurrenzfähige Mannschaft zu haben. Weiterentwicklungen wurden sträflich versäumt. Diese Versäumnisse sind uns dann von 98 bis 2004 um die Ohren geflogen.

    Mac Lagavulin
    10
    30.5.2008, 09:32
    Unfug

    man kann "unseren" Fußball ja als hölzern oder wie auch immer bezeichnen, aber "defensiv" das konnten "wir" noch nie. So lange ich mich erinnern kann und das geht was Fußball betrifft bis 1966 zurück, wurde immer offensiv gespielt, versucht den Gegner von Anfang an unter Druck zu setzen.

    Natürlich fehlten uns auch immer mal die spielerischen Mittel, vor allem bei den Abwehrspielern und so wurde halt mehr Fußball gearbeitet als gespielt, oft mit Erfolg. Aber defensiv war noch nie eine Deutsche Nationalmannschaft eingestellt. Das war auch garnicht möglich früher, da die meisten Gegner schon vorher die Hosen voll hatten. Dem ist leider nicht mehr so ;-)

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