Artur Jorge kam in die Schweiz und schwieg - Die EM 1996 in England wurde durch das erste Golden Goal der Geschichte durch Bierhoff zu Gunsten der Deutschen entschieden
Er kam im Januar 1996 und sagte:
«Die Schweiz ist ein gutes Projekt.»
Dann redete der neue Nationaltrainer
der rot-weissen Auswahl nicht
mehr viel. Er handelte.
Kein Zweifel: Artur Jorge ist intelligent.
Doch zwischendurch verwechselte
er die Namen der Spieler. Kein Zweifel:
Artur Jorge ist kultiviert. Aber von
Kommunikation hält er nichts. Und er
traf Entscheide, ohne irgendjemanden
zu informieren.
Der portugiesische
Coach trat die Nachfolge des zu Inter
Mailand abgewanderten Volkshelden
Roy Hodgson an. Der Brite hatte die
Schweiz an die EM-Endrunde 1996
nach England geführt. Aber ein halbes
Jahr vor Turnierbeginn entschied er
sich für die Serie A. Hodgsons Temperamentsausbrüche
waren bei Spielern
und Medienvertretern gefürchtet. Doch
mit Artur Jorge wurde das Spektakel
abseits des Platzes auf eine neue Ebene
geführt. Gut vier Wochen vor EM-Beginn
sorgte der Mann mit dem Seehundschnauz
für eine faustdicke Überraschung:
Er strich die Teamstützen
und Publikumslieblinge Alain Sutter
und Adrian Knup, heute Teamberater
der Schweizer Nationalmannschaft,
kommentarlos aus dem Aufgebot.
Supporter und die Mehrheit der
Journalisten schnappten nach Luft.
Alain Sutter hatte an der WM 1994 in
den USA noch als Flankengeber im Mittelfeld
brilliert, Torjäger Knup sicherte
den Schweizern mit seiner Quote (26
Goals in 49 Spielen) manchen Punkt.
Artur Jorge war das egal. Und vor
allem: Er schwieg weiter. Jorge, heute
62 Jahre alt, wurde durch den Fleischwolf
gedreht. Die Spieler riefen aus Solidarität
einen Medienboykott aus,
doch auf Druck von Hauptsponsor «Kreditanstalt
» geriet die Aktion zum Rohrkrepierer.
«Dass mir Jorge nicht einmal
eine Erklärung gab, war die grösste Enttäuschung
», sagt Knup heute.
GUTER START. Ohne jeglichen Kredit
und mit einer stocksauren Medienschar
an Bord flogen die Eidgenossen Anfang
Juni auf die Britischen Inseln. Im ersten
Match im Londoner Wembley wartete
gleich Gastgeber England. Allen Befürchtungen
zum Trotz zeigten die
Schweizer aber eine reife Leistung und
rangen dem Favoriten ein 1:1 ab.
Die Mini-Euphorie hielt aber nicht
lange. Gegen Holland setzte es eine
0:2-Niederlage ab, gegen die biederen
Schotten ein 0:1. Ein paar Wochen nach
dem Turnier verließ Artur Jorge die
Schweiz. Wortlos.
Entschieden wurde die Endrunde
durch das erste Golden-Goal der Geschichte
– erzielt von Stürmer Oliver
Bierhoff gegen Tschechien. 2:1 gewannen
die Deutschen in der Nachspielzeit.
Mit ihrem hölzernen, defensiven Fussball
vermochte die Mannschaft von
Berti Vogts aber nicht zu begeistern.
Die Sympathien gehörten den Tschechen.
Die Halbfinals wurden übrigens
im Elfmeterschießen geregelt – ebenfalls
ein Novum. (MARCEL ROHR*)
EM 1996:
Final:
Tschechien–Deutschland 1:2 n. V.Halbfinals:
Frankreich–Tschechien 5:6 n. E.
Deutschland–England 7:6 n. E.Schweiz in der Gruppenphase out,
Österreich nicht qualifiziert.
* Marcel Rohr ist Redakteur der "Basler Zeitung". Der Standard kooperiert seit 2006 mit der Basler Zeitung. Wir tauschen vor und während der EURO Artikel aus, wir tauschen uns aus. Basel (6 Spiele) ist die EURO-Hauptstadt der Schweiz.