Rudolf Taschner referiert über den Zusammenhang von Fußball und Mathematik
Wien - "Der Ball ist rund. Wäre er eckig, wäre er ja ein Würfel." Weisheiten wie die des Ex-Trainers von
Bayern München, Gyula Lóránt, sind es, die das Blut von Mathematiker Rudolf Taschner in Wallung bringen. Wie Fußballer nicht umhin können, wunderbare Stilblüten und unverrückbare Aussagen abzuliefern, so neigen Wissenschafter dazu, alles zu hinterfragen. Dem Universitätsprofessor und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier kam da der Anlass der EURO 2008 recht. "Das Leder ist rund" hieß der Titel seines Vortrages. Doch Taschner bewies das Gegenteil.
Dabei scheute sich der 55-Jährige nicht, sich galant, aber doch äußerst weit aus dem Fenster zu lehnen. Schnell war das Klischee des Wissenschafters als Fußball-Muffel erfüllt. Mit der Aussage, dass die EURO in Österreich vergleichbar sei "mit Skispringen in Sambia", hatte Taschner die Lacher auf seiner Seite. Wissende durften zurückschmunzeln, als der Professor die Weisheit vom runden Ball nicht Gyula Lóránt, sondern dessen harschen, weißhaarigen Trainerkollegen Werner Lorant zuschrieb.
Als Taschner sich dann anschickte, das Zitat mathematisch zu falsifizieren, wurde es still im Raum. Mit Grafiken unterstützt wurde nichts weiter getan, als einem Würfel immer wieder Kanten abzuschneiden, auf dass schlussendlich die Ahnung eines Fußballs sichtbar wurde. Verklärt referierte Taschner, dass der Idee des Fußballs Seitenverhältnisse des Goldenen Schnitts, des Inbegriffs von Ästhetik und Harmonie, zugrunde liegen. Wieder werden Ecken abgeschnitten. Nach einer Technik, die bereits in der Antike durch den griechischen Gelehrten Archimedes entwickelt wurde. Schließlich ist aus dem Würfel ein abgestumpftes Ikosaeder mit 60 Ecken geworden, ein 32-Flächner mit 20 regelmäßigen Sechs- und zwölf regelmäßigen Fünfecken. "Der Fußball ist also ein echter Grieche", sagte Taschner.
Mathematik gibt es auch am Spielfeld zu entdecken. Die schrägen Zahlen, die etwa ein Tor (7,32 Meter Breite, 2,44 Meter Höhe) oder den Radius des Mittelkreises (9,15 Meter) beschreiben, sind auf ein englisches Längenmaß zurück zu führen. Denn in Yards sind es einfach runde Zahlen. Wieso aber der 12-Yards-Punkt elf Meter vom Tor entfernt ist und nicht exakt 10,97 Meter, bleibt unbeantwortet. Da muss noch mehr dahinter stecken. Oder, wie Taschner sagt: "Alles ist Zahl. Man muss nur gelassen sein." (David Krutzler, DER STANDARD Printausgabe 30.05.2008)