Taiwan ist die bisher einzige chinesische Demokratie, doch die Vergangenheit spaltet die Gesellschaft - Perspektive von Markus Bernath
Taiwan ist die bisher einzige chinesische Demokratie. Sie hat nur einen Fehler: Wie noch in einigen osteuropäischen Staaten spaltet die Vergangenheit die Gesellschaft.
***„Sie sind wie Gurkenstücke, die zu lange in Sojasoße geschwommen sind.“ Es ist wieder eine dieser chinesischen Formulierungen, die sich nicht recht übersetzen lassen, aber deren Sinn man unschwer versteht.
Lien Chan ist so eine Gurke und Jin-pung Wang erst recht, der eine ein früherer Präsidentschaftskandidat und „Ehrenvorsitzender“ der Kuomintang-Partei, dessen Lippen so fest zusammengepresst sind wie die Schneiden einer Metallschere; der andere ein Parlamentspräsident und nun der politisch zweitwichtigste Mann im Land. Auch er gehört der KMT an, wie sie abgekürzt auf Taiwan genannt wird. Ein Fossil aus den Tagen des Kolonialismus und des Bürgerkriegs in China, dem Taiwans neuer Präsident, der elegante Ma Ying-jeou, auch neues Leben einhauchen will.
Wenn da nur nicht diese Gurkenstücke wären, diese älteren Herren mit dem Geruch der Vergangenheit. 51 Jahre hatte die Kuomintang auf Taiwan regiert, die meiste Zeit mithilfe des Kriegsrechts. Nun ist sie wieder zurück im Geschäft. Im Parlament hat die KMT ihre Mehrheit, die sie in den vergangenen Jahren ohnehin hielt, massiv ausgebaut; entscheidend aber ist, dass im Präsidentenpalast nun auch ein Vertreter der alten nationalchinesischen Partei sitzt.
Nicht wenige, denen beim Gedanken an die KMT-Jahre ein Schauer über den Rücken läuft, haben Ma Ying-jeou ihre Stimme bei den Wahlen gegeben. „Ma ist größer als die KMT. Das ist, was die Leute hier denken“, sagt Yuh-kow Chou, die Skandalnudel, eine TV- und Radiomoderatorin, die zwischen Journalismus und Politik wechselt, und die auch die wenig schmeichelhafte Beschreibung der alten Kuomintang-Garde als in Sojasoße ertränkte Gurken hinterbracht hat.
Taiwan mag die einzige funktionierende chinesische Demokratie sein, die gerade zum zweiten Mal auf institutionellen Weg einen Machtwechsel hinter sich gebracht hat – von der Demokratischen Fortschrittspartei DPP wieder zur KMT –, doch die unaufgearbeitete Vergangenheit verhindert ähnlich wie noch in machen osteuropäischen Staaten einen normalen Umgang der politischen Gegner. Die Gesellschaft ist zutiefst gespalten.
Was in ihrem Ehrgeiz verbitterte Männer wie Lien Chan und Jin-pun Wang nun wollen, ist die Macht ihres Präsidenten oder zumindest der Teil der Macht, der ihnen ihrer Ansicht nach zusteht. Daran hat Yuh-kow Chou nicht den geringsten Zweifel. Die KMT kennt sie nur zu gut, schließlich stammt auch die kleine illustre Dame der taiwanischen Fernsehwelt aus einer Familie vom „mainland“ – dem chinesischen Festland.
„Mainlander“ unterstützen die KMT, Taiwaner die DPP, so einfach war das lange Zeit. Heute steht die alte Riege der Kuomintang vor einem Dilemma: Sie regiert und verspricht eine friedliche Zukunft mit der Volksrepublik China, aber die Vergangenheit lastet als dunkle Wolke über den 23 Millionen Einwohnern der Insel.
Ihren Generalissimo Tschiang Kai-schek, der sich 1948 am Ende des Bürgerkriegs gegen die Kommunisten mit einer Million Chinesen vom Festland auf Taiwan geflüchtet hatte, kann die KMT nicht für die Verbrechen seiner autoritären Herrschaft kritisieren. „Wenn man Tschiang Kai-schek aus der Parteigeschichte nimmt, ist auch die Republik China verschwunden“, meint Frau Chou. Sie glaubt an ein unabhängiges Taiwan und nicht mehr an die 1912 gegründete Republik China.
In Taipeh wird in diesen Wochen nach dem Machtwechsel die Geschichte restauriert. Bilder von den Demokratieprotesten der 80er-Jahre, die um die große Bronzestatue des Autokraten in der Gedenkstätte von Tschiang Kai-schek gruppiert wurden, sollen nun weg. „Sie sind hässlich“, sagt eine Touristenführerin. Weit vom Zentrum aber hat vor ein paar Monaten erst das frühere Militärgefängnis Jing-Mei seine Tore geöffnet. Es ist nun eine Gedenkstätte. Annette Lu zum Beispiel, die gerade aus dem Amt geschiedene Vizepräsidentin, saß dort fünf Jahre. „Sie versuchen, leise zu sein. Sie sagen, wir müssen in die Zukunft schauen“, sagt ein Führer dort über die Kuomintang. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.5.2008)