Neben den klassischen Wettbüros gibt es im Internet auch die Möglichkeit, gegen andere Spieler zu wetten. Die dabei möglichen Gewinne und Verluste sind deutlich höher
Wien - Herr Paul hat lieber seine Ruhe. Der junge Mann sitzt in einem Wettpunkt-Lokal im 15. Wiener Gemeindebezirk vor einem Computerterminal und gibt seine Tipps ab. "Man kann sich aktuelle Informationen anschauen und die Quoten studieren. Hinten ist es zu laut, wenn es wirklich voll ist", begründet er seinen Drang zum Automaten. Hinten, in dem Saal mit dem Wettschalter, ist der Lärmpegel an diesem Montagnachmittag aber erträglich. Nur sechs Männer sitzen an Tischen und notieren sich Quoten und Tipps.
Einer von ihnen ist Herr Niko. Bei der EURO wird er vornehmlich auf einzelne Spiele setzen, und dabei auf Kombinationswetten. Mehrere Tipps werden dabei kombiniert; gehen alle auf, kann man selbst mit niedrigen Quoten einen hübschen Gewinn machen. Wer Europameister wird? Keine Frage für Herrn Niko: "Deutschland".
Der Gang ins klassische Wettbüro ist noch in Mode, auch wenn das Internet immer mehr Raum gewinnt (siehe Artikel links). Dort gibt es zwei verschiedene Arten, sein Geld zu vermehren oder loszuwerden. Entweder man besucht die Seite eines der großen Anbieter wie Bwin oder Admiral. Dort wettet man gegen die Quoten, die die Buchmacher festlegen.
Die Alternative ist, gegen andere Spieler zu setzen und so die Quote im freien Spiel des Marktes entstehen zu lassen. Betfair ist so ein Anbieter, der quasi als Makler für die Teilnehmer agiert. Sie können einerseits gegen einen anderen Spieler auf den Sieg einer Mannschaft setzen (was "back" genannt wird). Der andere Spieler bietet dagegen die Wette mit einer bestimmten Quote auf die Niederlage der Mannschaft an ("lay"). So entsteht eine Bandbreite von Quoten, die teilweise eklatant über jenen der klassischen Anbieter liegen. Ein Beispiel: Falls Österreich Europameister wird, bringt das bei Bwin den 81fachen Einsatz. Bei betfair liegt die Quote bei bis zu 1:160.
Verletzte Schlüsselspieler
Wie bei den regulären Buchmachern hängt die Quote von vielen Faktoren ab, erklärt Clemens Nöster von Admiral Sportwetten (Europameister Österreich: 1:80). "Ein gewisser Teil ist Statistik: Wie haben die Teams in der Vergangenheit gespielt, wie sind die direkten Begegnungen ausgegangen? Dann aktuelle Ereignisse: Ist ein Schlüsselspieler verletzt, ist die Stimmung in der Mannschaft schlecht?" Und schließlich die Erfahrung im Umgang mit der eigenen Kundschaft. "Wir wissen natürlich, dass viele auf Deutschland spielen werden." Also werden die Quoten niedriger sein.
Angst vor Wettbetrug hat Nöster nicht. Er glaubt bei einer derart prominenten Veranstaltung wie der EURO nicht an kriminelle Machenschaften. Und falls doch ungewöhnlich hohe Einsätze auf ungewöhnliche Resultate kommen, werde das genau geprüft.
Wem es nicht ums Geld, sondern ums reine Erfolgserlebnis des richtigen Tipps geht, der kann übrigens ab nächster Woche auch auf der Standard.at auf Ergebnisse wetten. (Michael Möseneder; DER STANDARD Printausgabe 27. Mai 2008)