Am Anfang war in Liverpool ein Lied

Redaktion, 26. Mai 2008, 15:09
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    foto: reuters/jeff j mitchell

    Nicht nur der gemeinsame Schal drängte sich auf, als Celtic Glasgow und Liverpool im UEFA-Cup-Viertelfinale 2003 aufeinandertrafen. Man sang auch unisono. Schließlich hatten sich die Fans beider Klubs die Hymne aller Fußballhymnen zu eigen gemacht.

Mutter aller Fangesänge ist "You'll Never Walk Alone", das seit 1963 ertönt. National­teams werden selten heftig besungen

Wien - Das ist das Traurigste am Fehlen der Engländer. Ohne die Fußballer werden die Fans und ohne die Fans die Fangesänge nicht kommen. Vor allem um diese Attraktion ist die EURO umgefallen, als die Engländer daheim gegen Kroatien verloren. Mehr noch als der britische Kick hätten die Songs den Juni erfüllt, und speziell die Anhänger der EM-Veranstalter hätten sich ein Scheibchen abschneiden können. In Österreich gilt "Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich" als das Nonplusultra, die Schweizer kommen auf Teamebene nur selten über "Hopp Schwiiz" hinaus.

Vor dem Singen war das Klatschen, vor dem Klatschen war das Pfeifen, Rufen, Zischen. Mag sein, ein Vorläufer des Fangesangs ist der Schlachtruf, mit dem schon antike Heerscharen in den Kampf rannten. Nicht von ungefähr werden Fußballfans auch als Schlachtenbummler bezeichnet. Doch lassen sich dem Fangesang selbst keine altertümlichen Wurzeln nachsagen. Er ist ein Kind der frühen Sechziger des 20. Jahrhunderts. Geburtsort: Liverpool. Dort, im legendären Stehplatzsektor Spion's Kop, hoben die Fans zu singen an. "You'll Never Walk Alone."

Die Hymne aller Fußballhymnen, später auch von den Fans anderer Klubs (allen voran Celtic Glasgow) übernommen, entsprang einem Musical - "Carousel", komponiert von Richard Rodgers, getextet von Oscar Hammerstein II., Broadway-Premiere am 19. April 1945. Die männliche Hauptfigur, Billy Bigelow, hat sich nach einem fehlgeschlagenen Raubüberfall das Leben genommen und seine Frau Julie Jordan mit Tochter Louise zurückgelassen. Cousine Nettie Fowler singt, um Trost zu spenden, "You'll Never Walk Alone". Im Finale kommt die Nummer noch einmal, Louise feiert Schulabschluss, Papa Billy schaut deshalb, na ja, noch einmal auf der Erde vorbei.

Interpreten, Dirigenten

1963 machten sich die Fußballfans den Song zu eigen, nachdem er von der Liverpooler Band Gerry & The Pacemakers gecovert worden war. Arrangeur George Martin hatte das reich orchestrierte Original in eine Ballade verwandelt, nur mit Piano, Streichern, Schlagzeug und Bass. Auch Frank Sinatra, Judy Garland, Doris Day, Louis Armstrong, Ray Charles, Elvis Presley, Johnny Cash, Tom Jones und Shirley Bassey nahmen "You'll Never Walk Alone" auf. Und Pink Floyd bauten den Liverpooler Fußballfanchor in die Nummer "Fearless" (1971) ein.

In den Siebzigern wurden singende Fans in englischen Stadien von Dirigenten geleitet, deren Job später die Chant-Leader übernahmen. Noch heute ist oft zu verfolgen, dass Einpeitscher oder Vorsänger mit dem Rücken zum Spielfeld stehen, sie bestreiten ihre eigene Partie, dirigieren ihr eigenes Team, den Fanblock. Wie die Spieler auf dem Rasen wollen die Fans das Geschehen bestimmen, nicht das Spielgeschehen, sondern das Schallgeschehen.

Im Gegensatz zu "You'll Never Walk Alone", das oft in der Originalversion oder nur leicht abgewandelt erklingt, wurden andere Fangesänge für den Fußball gedichtet und populären Melodien angepasst. Zum Beispiel: "Die Nummer 1 in Wien sind wir" (Wien beliebig, aber eher nur einsilbig ersetzbar) statt "Oh when the Saints go marching in". Und nicht "We all live in a yellow submarine", sondern "Ziagts den Bayern die Lederhosen aus, Lederhosen aus, Lederhosen aus", genauso gut passt: "Ihr seid nur ein Punktelieferant".

Der deutsche Musikwissenschafter Reinhard Kopiez, Verfasser des Buchs "Fangesänge - Eine FANomenologie", nennt den Gesang eine "typische Siegesgeste am Ende eines gut verlaufenen Spiels". Der in der Masse feiernde Fan wolle "die Helden anrufen und den Fußballgöttern danken".

Mit Fangesängen nichts oder wenig zu tun haben Fußballlieder, die aus kommerziellen Zwecken und oft vor Großereignissen herauskommen. Auch auf diesem Sektor ist England Nummer eins: "Three Lions - Football's Coming Home" (The Lightning Seeds, 1996).

Nationalteams werden nicht so heftig besungen wie Vereine. Die Fans reisen aus vielen Teilen eines Landes an, so entsteht ein zusammengewürfelter Haufen, der nicht eingespielt ist. Das ist selbst den Engländern anzumerken, die auf Klubebene stimmlich weit besser zur Geltung kommen als bei Spielen des Teams. Da helfen sie sich gerne mit dem Absingen ihrer Nationalhymne, die im Stadion jedenfalls auch ganz gut kommt. Wenn, ja wenn sie denn im Stadion auch spielten, die Engländer. (Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 23. Mai 2008)

You'll Never Walk Alone

When you walk through a storm,

hold your head up high.

And don't be afraid of the dark.

At the end of a storm is a golden sky.

And the sweet silver song of a lark.

Walk on through the wind.

Walk on through the rain.

Tho' your dreams be tossed and blown.

Walk on, walk on with hope in your heart.

And you'll never walk alone.

You'll never, ever walk alone.

Walk on, walk on with hope in your heart.

And you'll never walk alone.

You'll never, ever walk alone.

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