Bei den Bukarestern ungefähr so beliebt wie Ratten und herrenlose Hunde: die hunderten Straßenkinder, die in Ruinen, Kanalrohren und am Bahnhof leben – eine derStandard.at -Reportage
Die Flammen verschlangen nach und nach das ganze Auto, verwandelten es in einen lodernden Feuerball. Gabi konnte nur zusehen, wie seine Mutter und seine Geschwister mit dem Wagen verbrannten. Sein Vater hatte die Türen versperrt, das Feuer gelegt. Das war vor sechs Jahren, seitdem lebt Gabi auf den Straßen von Bukarest. Der 14-Jährige mit dem Kinderkörper grinst unablässig, erzählt dreckige Witze, fährt mit den Händen wild durch die Luft, wenn er spricht und umklammert dabei mit silbrig glänzenden Fingern die Punga: das Plastiksackerl auf dessen Boden dickflüssiger Aurolac klebt, zäher silberfarbener Lackverdünner. Mit fiebrigen Augen stülpt er sich im Minutentakt das Sackerl über den Mund, inhaliert mit tiefen Zügen die ätzenden Dämpfe.
Gabi ist einer von rund tausend Jugendlichen und Kindern, die heute auf den Straßen von Bukarest leben. Sie schlafen in Kanalrohren, am Nordbahnhof, in den Ruinen leerstehender Häuser und unter Brücken. In den vergangenen Jahren ist ihre Zahl zurückgegangen. Das liegt zum einen an Sozialprojekten, wie dem des österreichischen Jesuitenpaters Georg Sporschill, die die Kinder aufnehmen. Zum anderen am langsam einsetzenden gesellschaftlichen Wandel Rumäniens: Unter der Diktatur des kommunistischen Staatspräsidenten Nicolae Ceausescu stand auf Abtreibung mehre Jahre Gefängnis. Das 1966 von ihm eingeführte Dekret 770 stellte zudem Verhütung für Frauen unter 40 unter Strafe. Ziel war es, die Anzahl der rumänischen Bevölkerung in die Höhe zu treiben. Die Folge: Die von der Armee geführten Kinderheime waren heillos überfüllt. Nach dem Sturz Ceausescus im Dezember 1989 wurden die Heime aufgelassen und tausende Kinder saßen plötzlich auf der Straße.
Armut und Gewalt
Heute ist die Abtreibungsquote in Rumänien eine der höchsten ganz Europas. Dass trotzdem so viele Kinder auf der Straße landen, liegt vor allem an der Armut: rund 300 Euro monatlich verdienen die Rumänen im Durchschnitt, die Monatsmiete einer Wohnung kostet rund 400 Euro. Die Arbeitslosenquote beträgt laut Eurostat 6,5 Prozent. Bei unter 25-Jährigen sogar rund 21 Prozent.
Davon, was sie auf die Straße getrieben hat, erzählen die Kinder nicht gerne. Die Geschichten, die man hört, wiederholen sich: Armut, gewalttätige Väter oder Stiefväter, trinkende Mütter, sexueller Missbrauch. Geschichten, die sich auf der Straße oft fortsetzen, trotzdem ziehen viele dieses Leben vor. Es gibt ihnen das Gefühl, Herr über ihr Leben zu sein.
Daheim im Abbruchhaus
Seit nunmehr zwei Jahren wohnt eine Gruppe von Jugendlichen in einem leerstehenden Rohbau im Norden von Bukarest. Sie nennen ihr Haus Casin nach der, einige Meter entfernten rumänisch-orthodoxen Kirche. Der Ammoniakgestank, der einem im Erdgeschoss entgegenschlägt, brennt in der Nase, treibt einem die Tränen in die Augen. Auf dem Estrichboden steht zentimeterhoch der Urin. Zwischen fußballgroßen Verputzbrocken treiben aufgeweichte Groschenromane und Schlieren von Kot. Dicke, grün schillernde Schmeißfliegen surren durch die Luft.
In einem Zimmer im ersten Stock, auf drei speckigen, alten Matratzen liegen, wie Katzen zusammengerollt, einige Kinder. Von anderen ragen lediglich schwarze Haarbüschel unter den braunen, abgewetzten Decken hervor. Das Atmen fällt schwer. Es ist drückend schwül und in der Luft mischen sich Schweiß und kalter Zigarettenrauch. Durch die verstaubten Scheiben der schmalen Fenster fällt gedämpftes Licht. An der Stirnseite des etwa 15 Quadratmeter großen Raumes steht eine alte Holzkredenz, darauf stapeln sich Sweatshirts, Zigaretten- und Streichholzschachteln. Von den Wänden strahlen, neben Tokio Hotel und einer stark geschminkten Blondine, die Helden einer rumänischen Telenovela.
Betteln und stehlen
Die Gruppe vom Casin wird vom 21-jährigen Ramadan angeführt. Ihr harter Kern besteht aus zwölf Jugendlichen, manchmal wohnen hier auch 20. Die Jüngste, Simona ist zwölf Jahre alt und sieht aus, als wäre sie gerade einmal acht. Die wirren, schulterlangen schwarzen Haare verdecken ein schmales Gesicht, aus dem leicht schräg stehende, weit aufgerissene Augen blicken. Der graue löchrige Wollpullover reicht ihr beinahe bis zu den Knien, die Ärmel hängen weit über ihre Fingerspitzen hinunter. Wenn Simona spricht, meint man, die Stimme gehöre einem anderen: sie ist heiser und rau. Das kommt von der Punga. Der Aurolac verätzt den Hals.
Wie sie ihr Geld verdienen? Ramadan, der gerade aufgewacht ist überlegt kurz, ehe er antwortet: "Betteln und stehlen". Wie viel sie am Tag brauchen? Etwa 100 Lei, sagt er. Rund 25 Euro. Für Essen, Zigaretten und Aurolac. Eine Flasche Lack pro Kopf reicht etwa für einen Tag und kostet 12 Lei, rund vier Euro. Er selbst schnüffle nicht, sagt er. "Das ist für die anderen". Dann schickt er einen der Jüngeren los um Brot, eine Stange Wurst, Schafskäse und Zigaretten zu kaufen. Gäste darf man nicht unbewirtet lassen.
Unter der Brücke
Einige Busstationen vom Casin entfernt, neben dem Herãstrãu-Park am Nordrand der rund Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt, läuft der einarmige Gigi auf der Brücke zwischen wartenden Autos hin und her. Während der roten Ampelphase klopft er mit der rechten Hand an die Fensterscheiben und bittet um Geld. Der linke Ärmel des T-Shirts flattert wie eine Fahne im Wind. Einen der erfolgreichsten Bettler Bukarests, nennt sich Gigi voller Stolz. Als in der Nähe eine Polizeisirene heult, springt der 19-Jährige auf den Gehsteig, zieht seinen linken Arm, den er unter Shirt und Hosenbund versteckt hatte hervor, und hievt sich über das Brückengeländer.
Unten, am Flussufer sitzen der 18-jährige Romeo und Gabi in nassen, an den dünnen Beinen schlotternden Unterhosen, Wassertropfen glitzern in ihren Haaren. Im warmen, trüben Fluss, der sich durch den Park zieht, wäscht die 16-jährige Alina Hosen, T-Shirts und Pullover während die Burschen gierig am Plastiksackerl saugen. Mit klappernden Zähnen steht sie, vollständig angezogen bis zur Hüfte im Wasser und schrubbt die Kleider sauber.
Ob sie sich nie fürchten, alleine auf der Straße? "Das Einzige, wovor ich Angst habe, ist Gott", antwortet Romeo.
Vor Gericht
Gott ist auch für Adita die höchste Instanz. Der 21-Jährige wird heute der Richterin vorgeführt. Seit sechs Monaten wartet er auf seine Verhandlung, sitzt zusammen mit 30 Männern in U-Haft: Mörder, Vergewaltiger, Schläger - und Adita, der eine Brieftasche gestohlen hat, in einer Zelle.
Das Bukarester Gericht, im Zentrum der Stadt, ist ein riesiger zweistöckiger Kasten, der einen ganzen Häuserblock einnimmt. Die Zahl der Verhandlungssäle ist unüberschaubar, auf den Gängen warten Mütter in bunten Röcken und Kopftüchern, alte Männer auf Stöcke gestützt und junge Burschen in Nike-Jacken, Jeans und Turnschuhen. Wenn man den Beamten, der hinter einem Holztischchen beim Eingang sitzt nach dem Weg fragt, antwortet der lediglich mit "woher soll ich das wissen".
Der Saal in dem Aditas Verhandlung stattfindet, ist im obersten Stockwerk. Die Holzbänke für die Zuschauer sind fast alle belegt. Die Richterin thront hoch oben, auf einem schnörkelig geschnitzen Holzstuhl mit Samtbezug. Hinter ihrem Rücken die blau gelb rote Flagge Rumäniens. Die Strafvertreidiger in schwarzen Roben starren gelangweilt vor sich hin. Sie sind Pflichtverteidiger, verteidigen, den der gerade an der Reihe ist. Ihre Klienten kennen sie nicht.
Eine Anhörung jagt die nächste, bis endlich zehn Burschen, an den Hangelenken mit Handschellen aneinandergekettet, hereingeführt werden. Sie werden in einen holzumzäunten Kobel geführt, wie in einem Wildwestfilm. Adita dreht sich kurz um, nickt seinem jüngeren Bruder Bobo zu, der hinten im Zuschauerbereich sitzt, zwickt sich selbst in die Wangen. Das Zeichen, dass er dick geworden ist. Dann schlägt er ein Kreuz auf seiner Brust.
Große Pläne
Adita hat im Gefängnis mit dem Heroin aufgehört. Auch Bobo ist seit einigen Monaten weg von der Straße und der Droge, lebt in einem von Sporschills Häusern für Straßenkinder. Der 17-Jährige hat seit kurzem eine Freundin, die 15-jährige Salomea. Die eintätowierten Namen des jeweils anderen sind noch nicht verheilt. "Bobo" steht in ungleich großen Buchstaben auf Salomeas Oberarm und auch das "Salomea" auf Bobos Unterarm ist schief und wird von Buchstabe zu Buchstabe kleiner. Neuerdings träumen sie von einem gemeinsamen Kind, dabei hatten sie, wie viele Straßenkinder schon welche: Salomea hat ihren Sohn mit 13 geboren, er lebt bei ihren Eltern. Bobos Kind ist im Kanal gestorben. Aber das war früher. Jetzt soll alles anders werden.
Adita wird aufgerufen, er tritt vor die Richterin, die mit strenger Stimme die Zeugenaussagen vorliest. Aditas Stimme ist leise und sanft, als er sich für seine Tat entschuldigt. Trotzdem: eine der Zeuginnen lüge, sagt er. Sie behauptet, er habe regelmäßig vor dem Geschäft gestohlen. Adita möchte, dass die Zeugin für die nächste Anhörung vorgeladen wird. Seine heutige Strafverteidigerin gähnt, die Richterin lässt den Hammer auf den Tisch knallen und setzt den nächsten Termin für Ende Juni an.
Als Adita wieder abgeführt wird, sieht ihm Bobo mit traurigen Augen nach. Am Heimweg wird er zornig: Adita sei viel zu sanft, findet Bobo. Schließlich geht es um bis zu vier Jahren Gefängnis. Wegen einer Brieftasche.(02.06.2008, derStandard.at, Birgit Wittstock)