Ein Lissabonner Hügel, auf dem sich Europa und Afrika respektvoll nahe sind
Im vergangenen Jahr war Lissabon Schauplatz des EU-Afrika-Gipfels, ein politisches Projekt von gigantischem Ausmaß: 5000 afrikanische und europäische Politiker und Beobachter tummelten sich für einige Tage in der portugiesischen Hauptstadt - die Ministerpräsident José Socrates im Rahmen der Eröffnung mit dem Etikett "afrikanischste Stadt der EU" belegte.
Die Bühne des Alltags berührte das gut ausstaffierte Treffen ohnehin nicht wirklich. Denn dort, wo sich Afrika und Europa in Lissabon ganz selbstverständlich treffen, da ward kaum ein Gipfelpolitiker gesehen. Um das afrikanische Lissabon kennenzulernen, muss man die großen Plätze verlassen, jenseits der Besucherströme durch kleine Gassen spazieren. Denn die Geschichte Lissabons, so schreibt der portugiesische Literatur-Nobelpreisträger José Saramago, steckt in den "Winkeln, Dachziegeln und Gerüchen jeder Straße".
Nirgendwo kann man das in der portugiesischen Hauptstadt mehr spüren, als im Hügelviertel Sant' Ana nordöstlich des großen Platzes Rossio. Vorbei an dem herrlichen, 1886 eröffneten Hutgeschäft Chapelarias A. D. Pedro schlendern wir zum afrikanischen Herz der ehemaligen Kolonialmacht, zum Largo de São Domingos.
Der Largo neben der Barockkirche des ehemaligen Dominikanerklosters ist der beliebteste Treffpunkt vieler Afrikaner Lissabons. Ein Ort des Sehens und Gesehenwerdens, der sich im Südwesten Europas reichlich exotisch ausnimmt. Doch mittendrin, das ist so typisch für das "afrikanische Viertel" Lissabons, findet sich urtümlich Portugiesisches: Im Haus Nummer 8 hat die älteste Lissabonner Ginjinha-Bar ihren Sitz, ein winziger Raum, wo seit 150 Jahren ein einziges Getränk ausgeschenkt wird: Ginjinha, traditioneller Sauerkirschen-Schnaps, seit kurzem leider in Plastikbechern, wie es die Gesundheitsbehörde vorschreibt.
Langsam in Versen geatmet
Von hier aus steigen wir die schmale Calçada do Garcia hinauf und lassen das Lissabon der Reiseführer endgültig hinter uns. Auf dem Hügel zwischen der Avenida da Liberdade und der Rua da Palma, im Sant'-Ana-Viertel, wird es stiller: Die Stadt atmet langsamer als unten in der Baixa. Charmant, aber auch ärmlich ist es hier. Sant' Ana war nie ein nobles Viertel: Nationaldichter Luís Vaz de Camões starb hier bettelarm an der Pest - erst nach seinem Tod erlangte er mit seinem 1572 erschienenen Versepos "Os Lusíadas" Weltruhm: einer monumentalen Geschichte Portugals in 8816 Versen.
Wir sind jetzt mittendrin, im Lisboa africana: Etwa 120.000 Menschen aus den ehemaligen Kolonien wie Mosambik, Angola oder Guinea-Bissau leben heute in Lissabon und seinen verarmten Außenbezirken. Afrikanische Friseure, angolanische oder kapverdische Restaurants und Kleidungsgeschäfte mischen sich in diesem Viertel aber ganz selbstverständlich unter portugiesische Bäckereien, Bars und Lebensmittel-Läden. Gleich daneben in Hülle und Fülle: einfache portugiesische Speiselokale wie etwa die kleine "Tapas Bar" im Haus Nummer 25. Nur fünf Tische gibt es. Jeder, ob nun aus Cabo Verde oder nicht, isst hier die berühmte caldo verde, eine Kohlsuppe, gegrillten Fisch, selbstredend auch den Bacalhau oder frisch gebratene Knoblauchwürste - für kaum mehr als fünf Euro.
Noch weiter oben auf dem Hügel Sant' Ana an der Rua Câmara Pestana befindet sich die Bergstation des Elevador da Lavra aus dem Jahr 1884 - die älteste Lissabonner Drahtseilbahn. Von hier sind es nur fünf Fußminuten zum Campo dos Mártires da Pátria, im Volksmund Campo do Sant' Ana genannt, wo ein Standbild an den mildtätigen Arzt Doktor Sousa Martins erinnert. Ein faszinierender Ort lebendigen Volksglaubens, denn noch heute werden hier Tag für Tag Fürbitten für Kranke ausgesprochen, unzählige Votivtafeln erzählen von Fällen glücklicher Heilung.
Nur einige Schritte weiter hat auch das Goethe-Institut Lissabon seinen Sitz, das immer wieder Lesungen, Konzerte und Ausstellungen veranstaltet. Und ganz nah, an der Rua Júlio de Andrade, lockt der Park Jardim de Torel, ein stiller Platz, wo man mit schönem Blick auf die Unterstadt oft noch kapverdischen Fado aus der Ferne hört. (Marc Peschke/DER STANDARD/Printausgabe/24./25.5.2008)