Krocha?

9. April 2008, 19:00
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"Bam" sagt fast jeder – bis auf die, die es angeblich wirklich tun

Es war am Life Ball. Da begrüßte mich R., der Schwimmer, mit "Bam, Oida!" – und war nicht der Erste: An allen Ecken und Enden des Backstagebereiches war "fix" und "prack" zu hören – und wenn ich mich nicht sehr täusche, kam sogar vom anderen R., dem mit dem Oscar, irgendwann etwas Krochamäßiges.

Doch abgesehen von einer sehr kultivierten Anziehhilfe mit Glitzer-Schirmkappe und einem Visagisten mit Palästinensertuch (der trägt den schon seit Jahren) nicht das kleinste Versatzstück der mittlerweile omnipräsenten und permazitierten Vorstadtjugendkultur zu entdecken: nicht einmal Ed-Hardy-Shirts gab es zu bewundern – obwohl die doch noch ein paar Wochen bevor der Tanzlehrer den K-Stil im TV erklärt hatte, auch noch als passage-kompaitbel gegolten hatten.

Herbeigeredet?

Irgendwann begann da ein böser Verdacht zu keimen: Konnte es sein, dass wir uns das Krocha-Phänomen einfach nur eingebildet hatten? Schließlich hatte keiner von uns, die wir ständig mit Krocha-Vokabeln um uns werfen, je jemanden getroffen – also auch mit ihm gesprochen oder ihn mit seinen Freunden belauscht - der sich tatsächlich so ausgedrückt hätte. Genauer: Der sich ohne Aussicht auf TV-Ruhm oder Ähnliches, so verhalten und ausgedrückt hätte.

Alsbald war die Theorie da, dass Krocha eine Medien-Fabel sind Obengenanntes spräche dafür – und ein paar andere Indizien: Denn: Ist das, was angeblich Krocha-Sprache ist, nicht seit Jahren ganz normales Randbezirk-Vokabular?

Oida

"Oida" war schon vor mehr als 30 Jahren, als ich in den Tiefen Favoritens aufwuchs, allgemeingültige Anrede für Menschen jedes Standes und jeden Alters. Und keineswegs neu. Auch wenn ich mir beim Mundl nicht sicher bin: bei Kottan war "Oida" immer dabei. Ähnliches gilt für "Prack" als Staun-Vokabel. Das gehörte zwar eher uns Jungen – aber die Kids der anderen Gemeindebauten und Siedlungen verwendeten es ebenfalls. Und auch "fix" gab es, glaube ich.

Klar: Solarien hatten wir keine, aber "Soli" ist dafür ebenso wenig eine Überraschung wie "Schicht" für die Nachtschicht. Bliebe noch "bam" als tatsächliche Wortschatzerweiterung – aber angesichts etlicher mir komplett neuer Vokabeln, die im Sprachschatz meiner ziemlich normalen Neffen ständig vorkommen, bezweifle ich, dass allein das genügt, um die Existenz einer eigenen Jugendkultur zu belegen.

Schicht

Überhaupt die "Schicht"? Meine Neffen sind normale Früh-20er – und als solche auch teildebile Teilzeit-Großraumdiscoheinzis. Als die ersten Krocha-Geschichten auftauchten, behaupteten sie: "die kommen da nicht rein." Ich hielt das für eine Schutzbehauptung, um sich vor Spott und Hohn von uns alten Säcken ("schaut mal, eure Freunde!") zu schützen – aber dann belegten diverse Fake-Krocha-Versuche die Krocha-Freiheit des Krocha-Tempels.

Zum einen war da das Scooter-Konzert in Wien. Zu dem ging ein in Wien als Supermodel geltendes Mädchen samt Anhang. Um nicht aufzufallen, verkleidete man sich als K. – und fiel auf: Zum angeblichen Krocha-Hochamt kamen keine Krocha. Nach dem Gig war man mit J., einer Journalistin, verabredet. In der Nachtschicht. Die Damen kamen zuerst nicht rein – und als sie sich zu erkennen gaben und das übliche ViP-Treatment losging, stellten sie fest: meine Neffen hatten nicht gelogen.

Kappen

Das soll natürlich nicht heißen, dass es gar keine K. gibt: Jugendliche mit Bewegungsstörungen, einschlägigen Kappen und sonstigen K-Insignien laufen schließlich überall herum. Aber: hat irgendjemand diese Leute tatsächlich in der Krocha-Sprache reden hören, bevor alle über den Krocha-Abend im Einkaufszentrum von Richard L. berichtet hatten?

Egal. Denn mittlerweile sind K. ein bestens eingeführtes Segment im Jugendgeschäft. Sogar in kleinen Dörfern hinter St. Pölten stolpert man über Plakate, auf denen zu schnell aus dem Boden gestampften K-Partys geladen wird. Dort werden auch K-Kompilations verkauft. Begleitprodukt

Das schönste K-Begleitprodukt entdeckte neulich aber N. (siehe handypic). Sie schreibt: "dieses produkt ist mir bei der arbeit untergekommen. kein scherz - es handelt sich um aktien, anleihen und indexzertifikate für krocha. auf der bankseite hab ich keine infos dazu gefunden, vielleicht sollte man mal anrufen und nachfragen wie sie diese/ihre zielgruppe sehen und welche aktien grad fix am steigen sind - oida!"

Aber genau genommen beweist das alles noch gar nichts – außer, dass es möglich ist, so lange über eine Jugendszene zu reden, bis es die zumindest als Marketingzielgruppe tatsächlich gibt. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 22. Mai 2008)

  • Aktien, Anleihen und Indexzertifikate für Krocha
    foto: privat

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  • Jeweils montags und donnerstags eine Stadtgeschichte Thomas Rottenberg

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