Achtzig Prozent der Zugewanderten seien konservativ, meint Emeka Assor vom Verein der konservativen Migranten im derStandard.at-Interview
Achtzig Prozent der zugewanderten Menschen in Österreich seien konservativ-bürgerlich, meint Emeka Assor, der im Vorjahr den "Verein Konservativer Migranten" (VKM) gegründet hat, weil er findet, dass man MigrantInnen in Österreich "immer den Liberalen zuschreibt". Wenn er über ÖVP-Chef Wilhelm Molterer spricht, sagt er "der Willi", der Vereinssitz wird von der Volkspartei zur Verfügung gestellt. Dennoch sieht er den VKM als parteiunabhängig, die ÖVP sei lediglich "Partnerorganisation", sagt Assor im Gespräch mit Maria Sterkl.
* * *derStandard.at: Wie kommt es, dass man Wilhelm Molterer und Waltraud Klasnic auf Ihren Vereinsfotos sieht?
Assor: Frau Klasnic wollte uns unbedingt kennen lernen. Und Willi Molterer hat uns zum Frühstück eingeladen, weil er sehr an unseren Ideen interessiert war.
derStandard.at: Warum braucht es einen Verein wie Ihren?
Assor: Dieses Opferrollendogma bei den Migrantenvereinen ist einfach falsch. Außerdem sind 80 Prozent der Migranten konservativer Herkunft, sehr religiös und familienbewusst. Es geht nicht, dass man uns immer den Liberalen zuschreibt.
derStandard.at: Was ist konservativ an Ihnen?
Assor: Der Glaube, die Religion. Das ist ein sehr großer Teil. Ich bin evangelisch, im Verein gibt es aber auch Muslime. Da gibt es ja sehr viele Werte, die übereinstimmen - Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft.
derStandard.at: Was sind Ihre politischen Forderungen?
Assor: Wir wollen die Partizipation der Migranten fördern. Und es kann nicht sein, dass jemand, der konservative Werte hat, eine liberale Politik verfolgt.
derStandard.at: Vielleicht fühlen viele MigrantInnen sich einfach von den liberaleren Kräften besser vertreten.
Assor: Natürlich. Ich sage nicht, dass da nicht Fehler gemacht wurden. Aber es sind nicht alle Sozialdemokraten. Migranten haben vielfältige Gesinnungen.
derStandard.at: Sie sind ein ÖVP-naher Verein. Wie stehen Sie zur Fremdenpolitik der Volkspartei?
Assor: Die Fremdenpolitik der ÖVP ist die Fremdenpolitik mancher Ministerien. In der Partei gibt es ja noch andere Meinungen und integrationsfreundliche Personen wie Leitl und Mitterlehner.
derStandard.at: Die ÖVP hat bei vielen MigrantInnen aber offensichtlich ein Imageproblem. Wie wollen Sie sich hier abgrenzen?
Assor: Die ÖVP ist unsere Partnerorganisation, aber was sie machen, ist ihre Sache. Niemand von uns ist Parteimitglied.
derStandard.at: Werden Sie von der ÖVP finanziell unterstützt?
Assor: In keinster Weise. Wir finanzieren uns aus privaten Mitteln.
derStandard.at: Wo ist Ihr Vereinssitz?
Assor: Wir haben von der Bundespartei ein provisorisches Büro im zweiten Stock der Lichtenfelsgasse bekommen.
derStandard.at: Also doch finanzielle Unterstützung durch die ÖVP.
Assor: Nein. Ich würde eher sagen: materielle Unterstützung.
derStandard.at: Stichwort Familie: Viele binationale Ehepaare leben seit Jahren in der Ungewissheit, ob der ausländische Ehepartner abgeschoben wird. Wie verträgt sich das mit ihren Wertevorstellungen?
Assor: Ich als Christlichsozialer muss sagen, dass Menschen, die in einer Familiengemeinschaft leben, auf jeden Fall ein Recht haben sollten, ihre Familie zu beschützen und zu ernähren.
derStandard.at: Sollten also alle ausländische EhepartnerInnen nach der Hochzeit automatisch Aufenthalts- und Arbeitsrecht bekommen?
Assor: Arbeit sollte jedem zustehen. Das ist Leistung, die der Allgemeinheit zugute kommt. Ich sehe nichts Negatives darin, wenn jemand arbeitet.
derStandard.at: Auch AsylwerberInnen?
Assor: Natürlich.
derStandard.at: Warum ist die ÖVP dagegen?
Assor: Das weiß ich nicht.
derStandard.at: Sind Sie die Vorzeigemigranten der ÖVP?
Assor: Das glaube ich nicht. Den Kontakt zur ÖVP haben wir gesucht.
derStandard.at: Vielleicht ist der Innenminister aber ganz froh, zum Beispiel bei der Präsentation eines neuen Fremdenrechtspakets einen Nigerianer beim Fotoshooting an der Seite zu haben. Würden Sie sich dafür hergeben?
Assor: Ja, sicher. Aber ich würde da auch meine Meinung vertreten.
derStandard.at: Sie würden vor versammelter Presse dem Minister widersprechen?
Assor: Widersprechen hört sich so aggressiv an, das schafft nur Konflikte. Aber ich würde sicher meine Ideen einfließen lassen.
derStandard.at: Wenn Ihre Ideen den Ideen der Reform widersprechen, ist ein Konflikt aber wahrscheinlich.
Assor: Das weiß ich nicht. Aber Wilhelm Molterer kennt mich und weiß, dass ich ein aufrichtiger Mensch bin. Er kennt auch meine Ideen.
derStandard.at: Sie haben Molterer also schon gesagt, dass Sie für ein Arbeitsrecht von Drittstaatsangehörigen eintreten?
Assor: Natürlich.
derStandard.at: Dann hat er Ihnen wohl schon erklärt, warum die ÖVP dagegen ist?
Assor: Nein, so tief sind wir in das Thema noch nicht gegangen.
derStandard.at: Gibt es eine österreichische Kultur, ein österreichisches Wertesystem?
Assor: Es gibt überall Werte, aber das sind ewige Werte, und die gibt es auch in Südamerika oder Asien. Das ist nicht auf eine bestimmte Nation konzentrierbar. Werte fangen ja nicht bei der Grenze an.
derStandard.at: Der Innenminister hat die ÖsterreicherInnen aufgerufen, ihm mitzuteilen, was für sie eine "österreichische Identität" ausmacht. Eine gute Idee?
Assor: Natürlich. Er möchte ein Archiv sammeln, um zu schauen, was die Allgemeinheit denkt, was die Werte sind.
derStandard.at: Wenn es aus Ihrer Sicht ohnehin nichts typisch Österreichisches
gibt, könnte man sich das ja sparen.
Assor: Nein, jeder Mensch hat ja andere Werte, und so sieht man dann, wie verschieden die Werte sind.
derStandard.at: Sehen Sie rassistische Tendenzen in Österreich? Haben Sie selbst schon Erfahrungen mit Rassismus gemacht?
Assor: Konflikte gibt es überall. Und Diskriminierung hängt davon ab, wie viel Respekt man jemandem entgegen bringt - und das hat oft mit sozialem Status zu tun.
derStandard.at: Sie meinen, je mehr Afrikaner es in höheren Positionen gibt, desto weniger Rassismus?
Assor: Das würde der afrikanischen Community stark zugute kommen.
derStandard.at: Wenn aber Rassismus auch eine Barriere für schwarze Menschen im Berufsleben ist, dann beißt sich die Katze in den Schwanz.
Assor: Ich glaube nicht, dass mir irgendjemand sagen kann, wo meine Grenzen sind. Migranten sind keine Opfer, die sind nicht schwach. Jeder kann etwas erreichen, wenn er möchte, jeder hat Stärken.
derStandard.at: Fällt es Ihnen schwer, Rassismus beim Namen zu nennen?
Assor: Natürlich muss man Ungerechtigkeiten beim Namen nennen. Aber was man vermeiden muss, ist, eine Opferrolle anzunehmen. Das ist für keinen Menschen gut.
derStandard.at: Warum gibt es so wenige MigrantInnen in höheren Positionen, in öffentlichen Ämtern?
Assor: Das sind Dinge, die sich die MigrantInnen zur Pflicht machen müssen – diese Ämter und Positionen zu besetzen. Das wird sich in nächster Zeit sicher ändern.
derStandard.at: Warum gelang es nicht schon früher?
Assor: Sprachliche Barrieren wurden einfach zu lax behandelt. Wenn man nicht Deutsch kann, ist es einfach sehr schwierig.
derStandard.at: Sie meinen, es lag nur an den Deutschkenntnissen?
Assor: Das Bild des Gastarbeiters war viel zu lang in den Köpfen der Menschen. Die nächste Generation lernt auch sehr viel aus alten Fehlern. Da wird sich viel ändern.
derStandard.at: Was erhoffen Sie sich von der ÖVP?
Assor: Dass es in zehn Jahren ÖVP-Funktionäre mit Migrationshintergrund gibt.
derStandard.at: Zum Beispiel Sie?
Assor: Die ÖVP ist sicher eine sehr interessante Partei für mich, weil sie in einigen Dingen manchen nigerianischen Parteien ähnelt. (Maria Sterkl, derStandard.at, 25.5.2008)