Die reine Lehre?

Ute Woltron, 23. Mai 2008 17:00
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    Leser "Viscum album": ... Warum nicht gleich mit Agent Orange gegen dieses störende Grün im Kies vorgehen? Wäre von derselben Firma und noch effektiver als Round-up ...

    Leser "perma.nent": ... Das Wort UNKRAUT allein geht mir ziemlich auf den Wecker ...

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    Leser "Im Land wo die grünen Ameisen träumen": ... Ich denke, Sie sind nicht mehr Herr Ihrer Gedanken, wenn Sie öffentlich zum Giftspritzen auffordern. Werde mir rechtliche Schritte gegen Sie überlegen ...

    Leser "Devianz": ... Wie wär's mit der Variante stehenlassen? Natur der Natur überlassen. Tut doch nicht weh, oder ...

Wie das Unkräutermorden einfach und schnell funktioniert, verriet Ute Woltron vor kurzem an dieser Stelle - Mit ihrer Methode gar nicht einverstanden zeigten sich unter anderem einige Online-LeserInnen

Vor zwei Wochen haben wir an dieser Stelle über ein Unkrautvernichtungsmittel berichtet, das - auch unter seinen Kritikern - als jenes gilt, das von allen diesen Mitteln noch das geringste Übel darstellt. Wir haben nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass es tunlichst nur in sparsamster Form zur Anwendung kommen sollte, weil es ohnehin seit den 70er-Jahren auf Milliarden von Quadratkilometern weltweit von der Landwirtschaft verspritzt wird.

Zu all diesen Aussagen stehen wir nach wie vor. Was wir nicht geschrieben haben - und hiermit ganz bewusst nachholen - ist der Umstand, dass dieses Mittel vom weitenteils übel beleumundeten US-amerikanischen Chemie- und Agrarkonzern Monsanto produziert wird, also einem Multi, der auf allen Bösewichterlisten der Umweltorganisationen ganz weit oben steht.

Das hat ein paar der kritischeren Leser einigermaßen aufgeregt. Wahrscheinlich zu Recht. Weshalb wir diesen wichtigen aufklärerischen Geistern diesen Platz hier widmen, um die Tatsache nachzuberichten.

Marktdurchdringungsmethoden

Monsanto ist tatsächlich, wie wir an anderer Stelle im Standard übrigens wiederholt geschrieben haben, mit Vorsicht zu genießen, da seine weltweiten Marktdurchdringungsmethoden in Sachen Saatgut, Pestizide und andere Gifte aller Art keineswegs durchsichtig sind.

So weit der Nachtrag zum Round-up-Grünzeug der Vorwoche. Jeder soll selbst entscheiden, ob er oder sie nun dieses von einer unsympathischen Firma stammende Produkt kauft, einsetzt oder nicht. Nichtsdestotrotz haben wir hier einen interessanten Punkt der Debatte erreicht, und zwar jenen der reinen Lehre gegen den der Verhältnismäßigkeit. Denn auch wenn wir ohne Unkrauttod unser Auslangen finden, was vergleichsweise einfach ist: Wie handelt jeder Einzelne, jede Einzelne von uns in dieser irren Welt?

Essen wir im Winter Erdbeeren, wissend, dass sie quer über den Kontinent transportiert wurden? Kaufen wir in Giftbädern gewaschene Bananen anderer, ebenfalls ausnehmend übler Megakonzerne? Wer hat die T-Shirts genäht, die nicht erst seit gestern so praktisch billig zu haben sind und von denen die meisten von uns sowieso viel zu viele unnötigerweise besitzen? Rauchen wir die chemisch behandelten Tabakprodukte einschlägiger Großkonzerne?

Bewusster Mittelweg

Und weiter: Müssen wir tatsächlich sieben Tage pro Woche Fleisch und Wurst essen und damit einen der widerlichsten und erwiesenermaßen umweltschädigendsten Agrarzweige dauersubventionieren? Kommen wir um südafrikanische Apfelimporte nicht umhin, während hierzulande im Herbst die Äpfel am Feldesrand verfaulen? Wen schädigen wir aber, wenn wir sie nicht kaufen? Südafrikanische Kleinbauern oder börsennotierte Großkonzerne?

Apropos: Ist es in Ordnung, diese schönen Rosen zu kaufen, die neuerdings auch im Supermarkt angeboten werden? Die kommen zum Großteil aus Chile, wo sie quasi großindustriell produziert werden. Mit extrem viel Gifteinsatz übrigens, was man nicht nur den Händen der Rosenarbeiterinnen ansieht. Was geschieht mit diesen Frauen aber, wenn wir brave Umweltschützer entrüstet den Boykott ausrufen und diese Industrie zum Kippen bringen? Eilen wir dann nach Chile und bauen ein neues Business auf, damit Kinder satt werden? Tun wir das wirklich?

Oder bleibt uns letztlich gar nichts anderes übrig, als einen bewussten Mittelweg in allen Lebenslagen zu versuchen, weil das Eis überall dünn und glatt ist? Nochmals: Besagtes Unkrautmittel gilt auch unter den eingefleischten Gegnern seines Produzenten als das noch geringste Unkrautvernichtungsübel. Und ja, man kann auch locker ohne es gärtnern. Aber der Faktor Verhältnismäßigkeit sollte in derlei Debatten nicht aus dem Blickwinkel geraten, und die Terminologie besser nicht in Radikalgefilde abgleiten. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/23/05/2008)

Kommentar posten
19 Postings
sysiphos
 
08.06.2008 09:45
ja stellen sie sich vor, frau woltron aka frau/herr bobo

ein erdrückender großteil der von ihnen aufgezählten fragen ist es in der tat ganz einfach zu beantworten: nein, das braucht man ganz einfach alles nicht. nicht dass hier dem konsumverzicht an sich das wort geredet werden soll (das wäre noch ein wesentlicher schritt weiter), aber der verzicht auf dirty products und das bevorzugen regionaler, möglichst auf einem akzeptablen ökologischen und sozialen standard produkte, ist in 95% der aufgezählten fälle ziemlich leicht. verhältnismäßig supereinfach sogar. probieren sies ruhig mal aus, das geht. deswegen also blasiert auf die querulantischen pseudo-ökos heunterzuschauen, weil sie gerade beim roundup plötzlich ein gewissen kriegen, ist völlig unangebracht und deplaziert, liebe frau woltron.

bob hope1
24.05.2008 12:26
noch immer ärgerlich

noch immer ärgerlich ist der schnoddrige Ton. Den finde ich gar nicht angebracht. Unkrautjäten tut halt auch dem Rücken weh!

Frau Techne
25.05.2008 18:34

Wobei: Wenn man kein Rückgrat hat, bückt man sich eh recht leicht, oder?

suboptimal
 
24.05.2008 11:38
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Monsanto?
Das Fragezeichen steht nur aus rechtlichen Gründen da .... die ganze Argumentationskette findet man so und ähnlich auch auf der HP von Monsanto.

Gerhard Müller
24.05.2008 11:21
Ich habe ebenfalls Freiflächen

und ich gehe halt einmal im Monat mit dem Bügeljäter drüber, wo es notwendig erscheint. Und je länger ich mir die Sachen anschaue,desto weniger notwendig erscheint es mir.

Das dauert pro 10 m² gerade mal drei Minuten.

Der Einsatz von Roundup und Sonstigen gilt ja nur für einzelne Pflanzen die dann halt weg sind. Nach einiger Zeit sprießen neue Samen. Dann wieder Roundup?

Nein, wer schon einen Garten hat, soll sich halt auch ein bisserl betätigen.

Menander
24.05.2008 11:27
Richtig!

Doch ist "Die reine Lehre?" nur ein Alibi-Artikel
letztlich zum Zweck des Forcierens des gschwinden
chemischen "Unkrautermordens".

Viscum album
24.05.2008 00:12
Der riskante Blick über den Kleingartenzaun

Sehr geehrte Frau Woltron,
sollte ich zudem Ihrer Argumentation folgen, würde ich Rosen aus Chile kaufen, damit die Kinder der giftexponierten Arbeiterinnen dort satt werden und auch Äpfel aus Südafrika, damit die dortigen (ebenfalls giftexponierten) Kleinbauern ein Auslangen finden.
Begriffe wie fair-trade oder dezentrale Förderprogramme zu nachhaltiger Nutzung lokaler Ressourcen scheinen spurlos an Ihnen vorbei gegangen zu sein. Ihr Plädoyer für das Mittelmaß zementiert in Wirklichkeit nur den Status-quo von sozialer Ungerechtigkeit und Raubbau an Ressourcen. Man könnte darin sogar eine Begrüßung des Kolonialismus sehen.
Ich wiederhole mich ungern, aber wenn ich derartiges gerne lesen wöllte, würde ich eine andere Tageszeitung wählen.

sysiphos
 
08.06.2008 09:47
gut gebrüllt löwe

dem ist wenig hinzuzufügen!!

trifasciata
24.05.2008 13:09

Was Sie da in Artikel hineininterpretieren...
Habe ihn auch gelesen, und stimme zu dass ein Mittelweg zwischen "Giftrosen" und Gänseblümchen aus dem Park richtig wäre. Einer dieser Mittelwege wäre der von Ihnen angesprochene (fair trade usw..)

Viscum album
23.05.2008 23:33
Vom Regen in die Traufe

Geehrte Frau Woltron,
Ich bezweifle, daß wir am selben Planeten wohnen, wenn Sie von Milliarden qkm Roundup-besprühter Flächen sprechen. Ich lebe auf der Erde und die hat insgesamt nur 500 Millionen qkm. Nicht abgezogen davon sind Meere, Berge, Wüsten, Städte,... die nicht agrarisch genutzt werden können.
Es sind mir auch keine eingefleischten Gegner des Produzenten bekannt, die Roundup als "das geringste Unkrautvernichtungsübel" bezeichnen würden - und ich kenne doch einige. Im Gegenteil ist die Verwendung aus ökologischer Sicht sehr umstritten. Lediglich die PR-Abteilung des Herstellers bezeichnet es als unbedenklich.
Ihr Artikel hat leider in meinen Augen nichts verbessert. Mit Polemik und schlechter Recherche ist niemandem geholfen.

caticos
23.05.2008 21:37
"Besagtes Unkrautmittel gilt auch unter den eingefleischten Gegnern seines Produzenten als das noch geringste Unkrautvernichtungsübel"

bitteschön die arte-dokumentation "mit gift und genen" über monsanto anschauen!

para_celsus
23.05.2008 21:44

Ein arges Übel!

nina yankow
23.05.2008 17:30

verhältnismäßigkeit würde eben auch erfordern, dass man auch auf die möglichkeiten hinweist, mit denen ein bewuchs von kiesflächen von vornherein vermieden werden kann, um nicht alljährlich das empfohlene gift einsetzen zu müssen.

nina yankow
24.05.2008 12:15

der vollständigkeit halber: "unkrautvlies", absperrung gegen die grünfläche um ausläufer zu vermeiden, mind. 6 cm hoch kies (bei bedarf alle paar jahre nachschütten).

murtragel
23.05.2008 17:34

Richtig,
sonst kommt man von der "reinen Lehre"
nur in eine geistige Leere.

euerurpokal
23.05.2008 17:21
"geringst", "tunlichst", "sparsamst" -

so knappst hintereinander,
kann das noch ein halbwegs objektiver moralphilosophischer Beitrag werden?

para_celsus
23.05.2008 21:37

Kaum und schwerlich.

jose luis schuster
24.05.2008 00:49

extremst schwerlichst.

con_leggerezza
25.05.2008 22:35
Bei eingefleischtesten Gegnern nützt es gar nichts,

und bei den Monsantophilsten noch viel weniger.

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