Lisa Schüller: "Wenn man dich absetzt, marschieren Sowjets ein"

Redaktion, 30. Mai 2008, 19:03
  • Lisa Schüller: "Ich wollte die herrliche Sprache von Tolstoi, Dostojewski, Tschechow, Puschkin vermitteln."
    foto: standard/hendrich

    Lisa Schüller: "Ich wollte die herrliche Sprache von Tolstoi, Dostojewski, Tschechow, Puschkin vermitteln."

Die legendäre Russisch-Professorin Lisa Schüller im STANDARD-Gespräch über Russisch in Zeiten des Kalten Krieges und heute

Wien – Wenn Lisa Schüller am Wort ist, hat die Interviewerin Pause. „Bevor Sie Fragen stellen, möchte ich sagen, was mir wichtig ist“, leitet Schüller das Gespräch mit dem STANDARD ein. Die nächsten drei Stunden gehören ihr.

Was ist Lisa Schüller wichtig? Der Russischkurs, den sie von 1974 bis 1992 im ORF leitete, und den von 30 Jahren aufwärts jeder kennt, ist es heute nur noch bedingt. „Ich geb‘ Ihnen gern‘ ein Interview“, eröffnet sie. „Aber ich mach‘ es, damit Sie Reklame für unsere karitative Arbeit machen.“

Russischkurs auf derStandard.at

Für alle, die es noch nicht bemerkt haben: Lisa Schüller, die legendäre Russischlehrerin im ORF, lehrt wieder. derStandard.at widmet sich im Mai ressortübergreifend Osteuropa und bat Schüller vor die Kamera.

„Das ist die 20-teilige Original- ORF-Russisch-Sprachkurs-Matroschka aus dem Studio“, berichtet sie im derStandard.at-Video, vor sich aufgereiht die berühmte Puppe in der Puppe. „Ich habe sie nicht mitgehen lassen, Herr Generaldirektor Dr. Wrabetz. Ich habe sie gekauft, und sie gehört mir.“ Karitatives Engagement

Ein Nebenjob. Schüllers Herzblut steckt im Spendenprojekt „Kunst in der Kapelle“. Gemeinsam mit Padre Mario Maggi vom Trinitarier-Orden organisiert sie dreimal jährlich in der Kirche am Mexikoplatz multikulturelle Veranstaltungen, die nächste am 28. Mai. Das Honorar für den derStandard.at-Russischkurs spendet Schüller, um Obdachlosen zu helfen.

„Ich bin Kind österreichischer Antifaschisten, die vor den Nazis geflohen sind“, erzählt sie. Anneliese wird 1936 in der Sowjetunion geboren. Als sie zehn ist, kehrt die Familie nach Österreich zurück. Schüller ist ausgebildete Diplomdolmetscherin. Von 1962 bis 1996 arbeitet sie für die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) in Wien. 1969 sucht der damalige ORF-Fernsehdirektor Helmut Zilk eine Übersetzerin anlässlich des Besuchs eines sowjetischen Kollegen. Sie, „jung, schlank und schön, mit Farah-Diba-Frisur“, schlägt drei Jahre später ihrerseits Zilk den TV-Russischkurs vor: „Jo, moch ma“, habe der geantwortet. Es folgten rund 700 Sendungen.

Kirchschläger und der KGB

„Man wollte uns hundertmal absetzen. Ich habe dafür gekämpft.“ Und wie! Schüller ging zu Bundespräsident Rudolf Kirchschläger und zur russischen Botschaft. „Da werden schon ein paar KGBler dabei gewesen sein“, erinnert sie sich. Die Sendung bleibt. „Lisa, wenn man dich absetzt, marschieren die Sowjets wie in Afghanistan ein“, war ein gängiger Schmäh am Küniglberg. Schüller garantierte in Zeiten des Kalten Krieges Völkerverständigung. Die Genossen waren interessiert am Russischkurs und am bildungsgetünchten Bild, das er vermittelte. Schüller hielt den Kurs politisch wertfrei. „Ich wollte die herrliche Sprache von Tolstoi, Dostojewski, Tschechow, Puschkin vermitteln.“ Nur ein einziges Mal gab es Brösel, als sie den obersten Sowjet mit dem österreichischen Parlament verglich. „Da hams aufg‘schrien!“, lacht sie. Das endgültige Aus hänge mit dem Zerfall der Sowjetunion zusammen, ist Schüller überzeugt.

Ihre Methode beruht auf dem Prinzip Wiederholung. Zuerst sagt die Lehrerin den Satz auf Deutsch, dann in Russisch, dann wiederholt ihn der Schüler, schließlich alle zusammen: Wer ist dort? Ktoa tam? – Ktoa tam? – Ktoa tam? Das sitzt.

Noch einmal Russisch lernen im ORF, das will sie sich nicht antun. „Sehr wünschen“ würde sie sich, dass man ein paar Folgen „hie und da wiederholt“. Dass die meisten sich nur noch an Schüller erinnern können, aber kein Wort Russisch können? „Macht auch nichts“, lächelt sie gnädig. (Doris Priesching/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.5.2008)

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Ein paar Folgen wiederholen

das wäre doch was für 3sat?

Im ORF wird sich unter Wrabetz nichts mehr spielen, das mehr Niveau hat als die Karlich Show und dgl.

"Ich bin Kind österreichischer Antifaschisten, die vor den Nazis geflohen sind“

das ehrt ihre Eltern, aber nicht sie selbst.

Ich hab die Sendung sicher hundertmal angeschaut und kann trotzdem kein einziges Wort russisch :)

Da können Sie

sehr stolz auf sich sein ...

danke, bin ich

kann man die Kurse auf youtube oder wo noch sehen

das wär ein Hit!

"Noch einmal Russisch lernen im ORF, das will sie sich nicht antun."

Autodidakt oder was?

und wir alle lieben sie :)

Dass die meisten sich nur noch an Schüller erinnern können, aber kein Wort Russisch können?

Stimmt doch nicht. Jeder, der damals krankim Bett lag und auf den Vormittagsfilm wartete, wird sich doch zumindest noch an "Dobry den" und "Dobry utro" erinnern (schreiben/transliterieren wird man's wohl anders).

stimmt - krank auf dem sofa mit heißem tee...

und nach den sprechübungen auf russisch kam endlich JERRY LEWIS oder irgend ein filmmusical...

da war dann krank sein auch nicht so schlimm,
schade dass es sowas nicht mehr gibt

"Optimisten lernen Russisch"

hieß ein Witz der 70er, und setzte fort "Pessimisten lernen Chinesisch".
Schade, dass Österreich immer so optimistisch war.

Das auf Häuserwände aufgemalte

"LSR" (für "Luftschutzraum") wurde zumindest im Osten des "Reiches" in den letzten Kriegstagen auch mit "Lernt Schnell Russisch" übersetzt.

Wenn damals und heute mehr russisch gelernt hätte, würde die RI nicht "händeringend" leut suchen die russisch sprechen.
Jetzt werden halt die nicht besetzbaren stellen mit ukrainerinnen und russinen besetzt die zwar keine ahnung vom bankgeschäft haben aber russisch und deutsch kennen.

Die sind dafür aber sehr nett und haben einen wunderschönen Akzent. Obwohl ich sagen muss, dass der Akzent mit der Zeit leider verloren geht.

die österreicher

haben ja sowieso angst vor den slawischen sprachen, obwohl die hälfte der nachbarschaft eine solche spricht.
sehr schade eigentlich. und es liegt nicht nur daran, dass sie schwer erlernbar sind mit ihrem formenreichtum. es liegt leider auch an einer gewissen slawophobie ;(

R@iner Schüller & Lis@ Schüller?

Ist das eigentlich die Mutter (oder Großmutter) des Online-Schüller, bekannt von Komment@ren und dgl.?

dass man ein paar Folgen „hie und da wiederholt“

ja und warum wird nicht wiederholt ? günstiger gehts eh nimmer: eine orf-produktion mit kult-charakter und der schleichenden volksverdummung kann dadurch auch ein bissl entgegen gewirkt werden

So wie ich den ORF kenne haben die die Bänder längst überschrieben.

Skriptum und Videos zum Kurs ...

... gibt's bei Lhotzkys Literaturbuffet auf der Taborstraße zu kaufen.

Wirklich? Das wär ja nur 2 minuten von mir weg :-) Sollt ich vielleicht doch mal rein schaun und nicht nur vorbeigehen.

da könntest recht haben; die sinds im stand

Wiederholen - JETZT !

tolle frau...

lieber standard, vielen dank fuer den artikel/das interview!

Lange drei Stunden

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