Die legendäre Russisch-Professorin Lisa Schüller im STANDARD-Gespräch über Russisch in Zeiten des Kalten Krieges und heute
Wien – Wenn Lisa Schüller am Wort ist, hat die Interviewerin Pause. „Bevor Sie Fragen stellen, möchte ich sagen, was mir wichtig ist“, leitet Schüller das Gespräch mit dem STANDARD ein. Die nächsten drei Stunden gehören ihr.
Was ist Lisa Schüller wichtig? Der Russischkurs, den sie von 1974 bis 1992 im ORF leitete, und den von 30 Jahren aufwärts jeder kennt, ist es heute nur noch bedingt. „Ich geb‘ Ihnen gern‘ ein Interview“, eröffnet sie. „Aber ich mach‘ es, damit Sie Reklame für unsere karitative Arbeit machen.“
Russischkurs auf derStandard.at
Für alle, die es noch nicht bemerkt haben: Lisa Schüller, die legendäre Russischlehrerin im ORF, lehrt wieder. derStandard.at widmet sich im Mai ressortübergreifend Osteuropa und bat Schüller vor die Kamera.
„Das ist die 20-teilige Original- ORF-Russisch-Sprachkurs-Matroschka aus dem Studio“, berichtet sie im derStandard.at-Video, vor sich aufgereiht die berühmte Puppe in der Puppe. „Ich habe sie nicht mitgehen lassen, Herr Generaldirektor Dr. Wrabetz. Ich habe sie gekauft, und sie gehört mir.“
Karitatives Engagement
Ein Nebenjob. Schüllers Herzblut steckt im Spendenprojekt „Kunst in der Kapelle“. Gemeinsam mit Padre Mario Maggi vom Trinitarier-Orden organisiert sie dreimal jährlich in der Kirche am Mexikoplatz multikulturelle Veranstaltungen, die nächste am 28. Mai. Das Honorar für den derStandard.at-Russischkurs spendet Schüller, um Obdachlosen zu helfen.
„Ich bin Kind österreichischer Antifaschisten, die vor den Nazis geflohen sind“, erzählt sie. Anneliese wird 1936 in der Sowjetunion geboren. Als sie zehn ist, kehrt die Familie nach Österreich zurück. Schüller ist ausgebildete Diplomdolmetscherin. Von 1962 bis 1996 arbeitet sie für die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) in Wien. 1969 sucht der damalige ORF-Fernsehdirektor Helmut Zilk eine Übersetzerin anlässlich des Besuchs eines sowjetischen Kollegen. Sie, „jung, schlank und schön, mit Farah-Diba-Frisur“, schlägt drei Jahre später ihrerseits Zilk den TV-Russischkurs vor: „Jo, moch ma“, habe der geantwortet. Es folgten rund 700 Sendungen.
Kirchschläger und der KGB
„Man wollte uns hundertmal absetzen. Ich habe dafür gekämpft.“ Und wie! Schüller ging zu Bundespräsident Rudolf Kirchschläger und zur russischen Botschaft. „Da werden schon ein paar KGBler dabei gewesen sein“, erinnert sie sich. Die Sendung bleibt. „Lisa, wenn man dich absetzt, marschieren die Sowjets wie in Afghanistan ein“, war ein gängiger Schmäh am Küniglberg. Schüller garantierte in Zeiten des Kalten Krieges Völkerverständigung. Die Genossen waren interessiert am Russischkurs und am bildungsgetünchten Bild, das er vermittelte. Schüller hielt den Kurs politisch wertfrei. „Ich wollte die herrliche Sprache von Tolstoi, Dostojewski, Tschechow, Puschkin vermitteln.“ Nur ein einziges Mal gab es Brösel, als sie den obersten Sowjet mit dem österreichischen Parlament verglich. „Da hams aufg‘schrien!“, lacht sie. Das endgültige Aus hänge mit dem Zerfall der Sowjetunion zusammen, ist Schüller überzeugt.
Ihre Methode beruht auf dem Prinzip Wiederholung. Zuerst sagt die Lehrerin den Satz auf Deutsch, dann in Russisch, dann wiederholt ihn der Schüler, schließlich alle zusammen: Wer ist dort? Ktoa tam? – Ktoa tam? – Ktoa tam? Das sitzt.
Noch einmal Russisch lernen im ORF, das will sie sich nicht antun. „Sehr wünschen“ würde sie sich, dass man ein paar Folgen „hie und da wiederholt“. Dass die meisten sich nur noch an Schüller erinnern können, aber kein Wort Russisch können? „Macht auch nichts“, lächelt sie gnädig. (Doris Priesching/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.5.2008)