Auch wenn es niemand für möglich hält, wird Österreich bei der EURO...
...brillieren, erst gegen Kroatien ein glückliches Unentschieden errangeln, dann aber gegen Polen in einen Spielrausch kommen und triumphieren. Damit ist die Euphorie entfacht, geraten die sonst verschlossenen, zurückhaltenden, sich nie entäußernden Österreicher in einen Siegesrausch, in einen Sog des Emotionalen, der das ganze Land jubelnd auffahren lässt. Hupende Autokonvois füllen die Straßen, die Gesichter der öffentlich Bediensteten werden rot-weiß-rot geschminkt, Haare gefärbt, Fremde herzen sich, busseln sich ab, Fahnen hängen wie Zungen, die man der Welt entgegenstreckt, aus den Häusern, zieren Autos, auf den Plätzen tanzt man Hicke-Hacke, ein Land in Euphorie.
Da macht es nicht einmal etwas, dass man gegen Deutschland knapp verliert. Ins Viertelfinale kommt man trotzdem. Der Gegner dort heißt Tschechien, das nicht mehr so spielstark wie früher und ohne Rosicky kopflos ist. Ivanschitz verteilt die Bälle wie ein junger Gott, die Abwehr um Stranzl rührt Beton, Fuchs und Pogatez erzeugen enormen Druck nach vorn, wo Hoffer, Maierhofer beinahe nach Belieben treffen. Österreich gewinnt. Das Land steht Kopf, sogar die Polizisten schunkeln, alle flippen aus. Im Halbfinale geht es gegen Portugal, das Deutschland ausgeschaltet hat, uns unterschätzt. Das Spiel geht torlos in die Verlängerung, in der Portugal in Führung geht, doch Linz und Leitgeb schießen Österreich ins Finale.
Das Land ist aus dem Häuschen, grenzenloser Jubel, alles taumelt. Politiker vollführen Freudentänze, singen die Bundeshymne oder "I am from Austria". Ein orgiastischer Ausnahmezustand schwappt durch Österreich. Partystimmung. Reiche Geschäftsleute spenden Millionen für die Armen, alles ist beflaggt, die Menschen sind freundlich wie noch nie. Dann das Finale gegen Holland (oder wen auch immer). Das nicht für möglich Gehaltene tritt ein, Vastic trifft, Österreich gewinnt! Meisterfeier am Heldenplatz. Die Spieler erhalten das Goldene Ehrenzeichen, am Ballhausplatz wird ein Fußballministerium errichtet.
Und dann? Schon wenig später werden die ersten wieder ihr Gesicht verziehen, grantig sein. Über die Schäden wird man schimpfen, über das Wetter, das immer zu heiß oder zu kalt ist, über die Touristen, darüber, dass die Großfeldsiedlung nach Aufhauser benannt wird, alle Züge Standfest, Säumel oder Prödl heißen. Über alles wird man meckern, sich zurückziehen in die tiefen Keller seiner Psyche und nichts mehr wissen wollen von Jubelfeiern, Fußball, Wir-Gefühl. Das Leben wird so sein wie immer. Bitter. (Franzobel, DER STANDARD PRintausgabe 20.05.2008)