
Humanitäres Engagement, publikumswirksam verpackt in den Handlungsstrang von Krimis: der Schwede Henning Mankell.
Genau, sie alle und zahlreiche weitere, reale wie erfundene Ereignisse und Figuren hat Henning Mankell in seinem neuen, Ende der Woche in die Buchläden gelangenden Roman Der Chinese versammelt. Und nein, liebe Wallander-Fans, Kommissar Kurt Wallander kommt in dem Buch ebenso wenig vor wie seine Tochter Linda, die zuletzt die Ermittlungsarbeit übernommen hat. Aber: Der Chinese ist – Aufatmen – immerhin zur Hälfte ein Krimi.
Als Aufhänger des über 600 Seiten starken Texts dient ein rätselhafter Serienmord in einem vergessenen, weil so gut wie verlassenen Ort in der Provinz Hälsingland. 19 Menschen, die meisten von ihnen weit über 80 Jahre alt, werden in einer Nacht brutal ermordet. Ein Wahnsinniger, der die Tat begangen haben soll, ist von der Polizei rasch gefunden.
Richterin Birgitta Roslin bezweifelt seine Täterschaft. Mit dem Fall hat sie zwar professionell nichts zu tun, dennoch mischt sie sich ein, ist doch ihre Mutter einst bei Zieheltern in ebenjenem Dorf aufgewachsen. Ausgehend von einem Tagebuch, das ein Vorfahre dieser nun ausradierten Familie als Auswanderer Mitte des 19.Jahrhunderts in den USA führte, bringt Mankell das chinesische Thema ins Spiel: Der Mann war Sklaventreiber, unverbesserlicher Rassist und trieb zahlreiche Chinesen in den Tod.
Das ist freilich erst der Anfang der Verwirrungen: Auch ein Sklave, dem die Rückkehr nach China gelang, schrieb über den schwedischen Ausbeuter. Dieser Chinese wurde in späteren Jahren zum Begründer einer einflussreichen Familie. Fast 150 Jahre später blättert nun ein skrupelloser Geschäftetreiber in Peking in den Aufzeichnungen seines Urahnen.
Chinas Interessen in Afrika
Mankell hat keinen Stress damit, die losen Verbindungen zwischen China und Schweden langsam zu verschnüren. Wie sagte er so schön in einem Interview? "Ich glaube, es gibt eine Sehnsucht nach langen Geschichten. Man kann die Wirklichkeit nicht in vierzig Sekunden beschreiben."
Die Wirklichkeit, damit sind vor allem die sozialen und politischen Themen gemeint, die er in Der Chinese mehr als nur anschneidet. Über weite Strecken ist der Roman eine auf mehrere Figuren verteilte Meditation des Autors über die Lage der Welt heute. Immer wieder spricht sich Mankell, der einen Teil des Jahres in Mosambik verbringt und dort ein Theater leitet, für ein tiefgehenderes Engangement Europas in Afrika aus.
Wenig Positives kann er auch Chinas aktuellen Bemühungen um – besser: in – Afrika abgewinnen. Ein Kapitel beschäftigt sich mit einer Geschäftsanbahnungsreise einer chinesischen Delegation nach Simbabwe. Ein Entwicklungsland auf dem Sprung zur Weltmacht hilft einem afrikanischen Staat, dessen Bevölkerung noch ärmer dran ist? Von wegen, meint Mankell im Roman, die Chinesen üben sich vielmehr in der Rolle neuer Kolonisatoren: "In den Ebenen, in den fruchtbaren Tälern um die großen afrikanischen Flüsse, werden wir den Boden kultivieren, indem wir Millionen unserer armen Bauern dorthin übersiedeln, und sie werden, ohne zu zögern, das brachliegende Land bearbeiten."
Der Jahr für Jahr mehrere hundert Seiten dicke Romane veröffentlichende Vielschreiber Mankell bemüht sich darum, sein humanitäres Engagement mit seiner so nie geplanten Karriere als Krimiautor kurzzuschließen. Der vier Kontinente umspannende Chinese ist der bislang ambitionierteste Versuch in diese Richtung – auch wenn der etwas krude Plot und die weltpolitischen Belange nicht an allen Stellen zwingend zusammengehen. (Sebastian Fasthuber, DER STANDARD/Printausgabe, 20.05.2008)
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