Brauchen wir Handy-Fernsehen?

4. Juni 2008, 10:28
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Oder: Unter welchen Bedingungen Handy-TV ein Erfolg werden kann - Ein Gastkommentar von Julia Wippersberg vom Publizistik-Institut

Eine Frage, die ich in der letzten Zeit sehr häufig gehört habe: Brauchen wir Handy-Fernsehen? Meine übliche Gegenfrage: Brauchen wir 300 Fernsehkanäle auf dem fixen Fernsehgerät? Oder brauchen wir SMS und Handy-Kameras?

In saturierten Gesellschaften wie der unseren, hat das "Brauchen" wohl eine ganz eigene Bedeutung. Unsere Grundbedürfnisse sind längst befriedigt; für uns stellt sich eher die Frage, was wir "brauchen können" oder was wir wollen oder was wir gerne verwenden (würden), weil es praktisch ist, nützlich oder einfach unterhaltsam.

Fernschauen statt rauchen

Und mobiles Fernsehen, also Unterhaltung und Information nicht nur am fixen Fernseher werden einige von uns sicherlich brauchen können, warum denn auch nicht? Wir hören ja auch Musik auf iPods, schauen uns selbst angefertigte Bilder und Filmchen auf den Handys an. Und wäre es nicht sinnvoller, beim Warten auf die Straßenbahn einen Nachrichten-Spot, einen Music-Clip oder einen Sport-Beitrag anzusehen anstatt eine Zigarette zu rauchen...

Aber in ein paar Jahren wird ohnehin niemand mehr danach fragen, ob wir Handy-TV "brauchen", so wie jetzt niemand mehr danach fragt, ob wir eben 300 TV-Kanäle brauchen oder SMS. Es wird völlig selbstverständlich sein, dass ein Handy Fernsehen (auf unterschiedliche Art) empfangen kann, der DVB-H-Chip wird automatisch bei allen Geräten zusätzlich eingebaut sein.

Ob die Handy-Nutzer dann die Möglichkeit, mobil fernzusehen, ist eine ganz andere Frage – aber natürlich die entscheidende. Die technische Machbarkeit sagt ja noch nichts über die tatsächliche Nutzung aus, nicht alles, was technisch möglich ist, wird von den Konsumenten auch genutzt.

Viele Faktoren

Die tatsächliche Nutzung von Handy-TV wird von vielen Faktoren abhängen, wobei die Übertragungsart nicht die allergrößte Rolle spielen wird. Eine häufig geäußerte Meinung dabei ist, "dass der Markt entscheiden wird, ob Handy-TV erfolgreich ist", der Markt soll dabei "technologie-agnostisch" (Hannes Ametsreiter, A 1) sein. Es wird den Nutzern also einfach egal sein, ob sie Handy-Fernsehen über UMTS oder über DVB-H empfangen.

Technologien nebeneinander

Welche Technologie sich durchsetzen wird? Schwer pro futuro zu sagen, am ehesten aber werden die Technologien nebeneinander bestehen. Schließlich bietet UMTS gegenüber dem (derzeit favorisierten und stark geförderten) DVB-H-Standard einen ganz entscheidenden Vorteil: man kann on-demand fernsehen. Bei DVB-H ist dies nicht möglich, da es sich hier um ein lineares Senden handelt, was wiederum ein Sendeschema mit fixen Beginnzeiten bedeutet. Es werden wohl beide Technologien nebeneinander bestehen und dem Konsumenten wird es letztlich egal sein, welche Technologie gerade zum Einsatz kommt, wenn er am Handy fernschaut.

Frage der Kosten

Was dem Kunden auf keinen Fall egal sein wird, ist die Frage der Kosten. Nur wenn die Mobilfunkanbieter transparente und nachvollziehbare Kostenmodelle für Handy-TV anbieten, dann ist die Chance für den Erfolg für Handy-Fernsehen gegeben.

Hier ist davon auszugehen, dass gerade in der Anfangsphase mobiles Fernsehen gratis sein wird. (Die Frage, ob man Kunden davon überzeugen kann, später für etwas zu bezahlen, das gerade noch gratis war, sei dahingestellt...) Aber es ist auch in Zukunft durchaus denkbar, dass für mobiles Fernsehen grundsätzlich nicht zusätzlich gezahlt werden muss, sondern dass mobiles Fernsehen ein selbstverständliches und nicht gesondert abgerechnetes Angebot im Triple-Play-Angebot der Mobilfunkunternehmen sein wird. Hier liegt der Ball bei den Mobilfunkunternehmen, attraktive Angebote bereitzustellen – was mit Sicherheit zu erwarten ist.

DVB-H-fähige Handys

Und die Mobilfunkunternehmen haben noch eine weitere wichtige Aufgabe: sie müssen dafür sorgen, dass ausreichend DVB-H-fähige, leicht zu bedienende Handys auf den Markt und zu den Konsumenten gelangen. Da der DVB-H-Betrieb ja am 30.5.2008 starten soll, sollte eigentlich mit dementsprechenden flächendeckenden Angeboten jede Sekunde zu rechnen sein – wobei gegenwärtig eine große Zurückhaltung zu bemerken ist...

Vollprogramm von Universal Music

Ein weiterer entscheidender Faktor für den Erfolg von Fernsehen am Handy wird das Programm sein: Zunächst wird das noch das "reguläre", bereits bestehende Fernsehen gesendet werden, also die üblichen Programme. Noch sind die Rundfunkveranstalter nicht bereit oder in der Lage, eigene made for mobile-Programme anzubieten. Eine Ausnahme bietet hier Universal Music, die einen eigenes made for mobile-Vollprogramm anbieten wollen.

Gerade dieses spezielle, auf die geänderten Sehbedingungen hin konzipierte Fernsehprogramm wird neben der (kostengünstigen) Versorgung mit Endgeräten eine entscheidende Rolle spielen. Hier stellt sich die Frage: ist der erste, der ein eigenes Angebot anbietet, der Gewinner, der Trendsetter, dem alle hinterher hecheln? Oder sind doch eher die die Gewinner, die erst mal abwarten, wie sich der Markt entwickelt und was die anderen so machen, um dann noch auf den Zug aufzuspringen?

Es braucht eigenes Programm

Auch das ist schwierig zu beurteilen. Wenn aber keine Initiativen für eigenes Programm getätigt werden, wenn nur das bereits bekannte Programm gesendet wird, dann ist das kein besonders großer Anreiz, auf dem Handy fernzusehen. Es braucht hier eindeutig eigenes Programm, gerade solches, das für die jüngere Zielgruppe geeignet ist, die beim stationären Fernsehen jetzt schon das Problem hat, interessierende Inhalte zu finden.

Derzeit tragen die Mobilfunkunternehmen das größte Risiko bei der Einführung von Handy-TV (und haben somit auch – legitimerweise – größtes Interesse daran, möglichst bald möglichst viele Kunden zu haben).

Die traditionellen Player halten sich zurück

Ein bemerkenswerter Aspekt rund um die Einführung von Handy-Fernsehen ist, dass die aktiven Player nicht jene sind, die traditionellerweise Fernsehen machen, sondern Mobilfunkunternehmen und Universal Music (also die Tonträger-Industrie), die als einzige das Risiko eingehen, ein eigenes made for mobile-Fernsehprogramm anzubieten.

Aber allen Beteiligten stünde es ganz gut zu Gesicht, wenn sie nicht bloß abwarten und die Mobilfunker den größten Teil des Risikos tragen lassen: wenn nämlich – nach der Bedarfsweckung durch die Mobilfunkunternehmen – der Bedarf nicht weiter aus dem Markt heraus besteht und steigt, dann ist der Erfolg für alle Beteiligten gefährdet. Denn ob die reguläre Berichterstattung über die EURO 2008 oder die Olympischen Sommerspiele ausreichen wird, um ausreichend Handy-TV-Kunden zu akquirieren und gleichzeitig den Wunsch des Publikums nach Handy-TV über diese Zeit hinaus zu wecken, halte ich für fraglich.

Chance auf Erfolg

Handy-Fernsehen hat durchaus die Chance auf Erfolg – aber nur dann, wenn nicht alle Beteiligten abwarten, dass die potentiellen Zuschauer gierig etwas nachfragen, was noch nicht da ist und von dem sie nicht wissen, was das genau sein könnte. Natürlich wissen wir alle jetzt noch nicht genau – und können es gar nicht wissen – welche Formate beim Handy-Fernsehen gut ankommen werden.

Aber das kann man einfach nicht gezielt für eine bestimmte Zielgruppe mit Erfolgsgarantie designen – das muss man einfach ausprobieren, junge kreative Köpfe neues Programm ausdenken lassen und made for mobile-Programm anbieten. Denn: was nicht angeboten wird, kann auch nicht gesehen werden. (Julia Wippersberg; derStandard.at)

Zur Person
DDr. Julia Wippersberg ist Universitäts-Assistentin am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Wien.
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