Taschenspielerei

9. April 2008, 19:00
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Der Wächter nahm seinen Job ernst. Und Vorschrift ist eben Vorschrift

Es war vor einem Monat. Im Museum. Aber es spielt keine Rolle, in welchem. Allerdings hätte anderswo wohl kein Mann vom Fernsehen neben mir gestanden. Dann hätte ich meinen Helm abgegeben – und das wäre es dann gewesen.

Aber der Reihe nach. Es war bei einem Eröffnungstermin. Und im in jedem Zimmer standen zwei Aufpasser. Sie hatten – wie meistens in Museen – außer da zu sein wenig zu tun. Und Langeweile macht eben manchmal kreativ. So fiel das Auge des Wächters auf mich. Genauer: Auf meinen Radhelm.

Gürtel

Der Helm baumelte an meinem Gürtel. Und zwar seit ich das Museum betreten, mich angemeldet, das Haus durchquert und mich eine Stunde in dem Eröffnungssaal herumgetrieben hatte. Niemand hatte sich daran gestoßen – wörtlich wie übertragen.

Doch dann stand der Sicherheitsmann da: Was das sei, fragte er und zeigte auf den Helm. Die Sinnlosigkeit solcher Fragen setzt mich jedes Mal außer Gefecht: Statt „eine Panzerfaust “ oder „meine Außenmilz“ stotterte ich brav, „ein Radhelm“ – und wusste, dass ich verloren hatte. „Der muss weg. Aus Sicherheitsgründen.“, sagte der Wächter – und strahlte: Er hatte mich überrumpelt. Und das ist bei sinnlosen „Vorschrift ist Vorschrift“-Debatten essenziell.

TV-Mann

Aber er hatte die Rechung ohne den Mann vom Fernsehen gemacht. Der war mindestens so sehr gelangweilt wie das Wachpersonal: Er sei froh, sagte er, dass der Sicherheitsmann eingreife. Schon die längste Zeit habe er, der Fernsehmann, gefürchtet, dass ich mit dem Helm auf die Kunst einzuschlagen beginnen würde. Oder dass ich mir den Helm aufsetzen, und mich kopfüber in ein Bild werfen würde. Dafür, raunte der Mann vom Fernsehen dem Wächter zu, wäre ich nämlich bekannt. Ich sei Teil einer einschlägigen Gang.

Der Wächter brauchte ein paar Sekunden, bis er merkte, was geschah. Zuerst hatte er wohl geglaubt, der Mann vom Fernsehen wolle ihm beipflichten. Jetzt wurde er grantig: Wenn er, der Fernsehmann, nicht vom Fernsehen wäre, schnaufte der Wächter, würde er ihn jetzt des Hauses verweisen. Punkt. Aber auf jedem Fall müsse der Helm weg. Oder ich. Ich seufzte - und begann am Verschluss zu nesteln.

Geschichtenkiller

Der Fernsehmann aber gab Gas: Das sei jetzt echt eine super Idee, mich aus dem Museum zu schmeißen. Er frage sich nur, ob der Wächter oder das jetzt gleich der Pressechefin des Museums sagen wolle. Und auch, dass die Eröffnungsgeschichte im Standard wohl ausfalle. Gerne, sagte der Fernsehmann, wäre er bereit, da mitzugehen. Der Augenblick sei günstig: Gerade stünden Hausherr und Hauptsponsor bei der Dame.

Der Wächter wand sich. Der Fernsehmann strahlte. Mir war die Sache peinlich. Dann machte der Wächter einen Fehler: Hätte er gewusst, dass ich Journalist sei, meinte er, dann ... – aber er kam nicht weiter. Der Fernsehmann übernahm volley: Was dann, fragte er. „Das hätte also einen Unterschied gemacht?“

System

Der Wächter floh. Ich fragte den Fernsehmann, ob das wirklich nötig gewesen sei. Er meinte: „Ja.“ Und erzählte, dass er den Uniformierten schon länger beobachtet habe: Zuerst habe der Wächter einem Herrn den Spazierstock untersagt. Dann habe er sich eine Mutter mit Kind und Mag-Elf Rucksack vorgeknöpft. Danach einen Herrn mit papierenem Apothekensackerl im Kleinstformat. Zuletzt dann ein Pärchen: Sie habe eines dieser Rucksack-Zitate im Format Din A4 am Rücken getragen, er eine kaum größere Freitagtasche. Und jedes Mal, so der Fernsehmann, habe der Wächter mit den Sicherheitsbestimmungen argumentiert.

Der Kern des Unfugs, setzte der Fernsehmann, sei selbst aber erst klar geworden, als der Wächter an zwei Studentinnen mit Viennale-Taschen geraten war. Als die eine meinte, dass das ihre Handtasche sei, habe er auf die Taschen anderer Frauen gezeigt: Handtaschen (Fingerzeig) sähen so (Fingerzeig) aus – und nicht so (Fingerzeig auf die Viennale-Taschen). Und darüber, ob die erlaubten Taschen nun Feuerzeug- oder Ikeasackgröße zu haben hätten, stehe nichts in der Hausordnung. Und in seinen Sälen (der Fernsehmann schwor, dass dies die Worte gewesen wären) gelte die Hausordnung. Punkt.

Die Studentinnen, sagte der Fernsehmann, hätten daraufhin gesagt, dass sie hiermit auf die Eröffnung pfiffen. Danach, so der Fernsehmann, sei der Blick des gelangweilten Wächters an mir hängen geblieben. Genauer: An meinem Radhelm. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 19.5.2008)

Jeweils montags und donnerstags eine Stadtgeschichte Thomas Rottenberg
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