Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche

18. Mai 2008, 22:02
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Zur Aktualität einer Parole aus den Tagen der Studentenrevolte: Medienphilosoph Slavoj Zizek auf der Suche nach dem Ort der Utopie, 40 Jahre nach 1968

Eines der bekanntesten Graffitis, die man 1968 in Paris lesen konnte, war: "Strukturen gehen nicht auf die Straße!" - soll heißen: Die großen Demonstrationen von Studenten und Arbeitern könne man nicht als von den strukturellen Veränderungen der Gesellschaft determinierte begreifen. Jacques Lacans Antwort war, dass 1968 gerade dies tatsächlich passierte: Strukturen kamen auf die Straße. Die sichtbaren, explosiven Elemente waren letztendlich das Resultat eines strukturellen Ungleichgewichts, der Übergang von einer Form von Herrschaft zu einer anderen - in Lacans Terminologie vom Meisterdiskurs zum Universitätsdiskurs.

Es gibt gute Gründe, eine so skeptische Perspektive einzunehmen. Wie Luc Boltanski und Eve Chiapello in ihrem Buch The New Spirit of Capitalism gezeigt haben, ist ab den 1970er-Jahren eine neue Form des Kapitalismus aufgetaucht. Sie verwarf die hierarchische, von Henry Ford inspirierte Struktur des Produktionsprozesses und entwickelte eine Organisationsform, die auf Netzwerken und der Eigeninitiative der Angestellten basiert. Statt einer hierarchischen, zentralisierten Befehlskette haben wir jetzt Netzwerke mit einer Vielzahl von Teilnehmern, die ihre Arbeit in Teams und Projekten organisieren und dabei immer die Kundenzufriedenheit und das öffentliche Wohl im Auge haben, an Umweltschutz denken etc. So hat der Kapitalismus sogar die Rhetorik der radikalen Linken, die Eigenverantwortung für Arbeiter forderte, usurpiert und einen antikapitalistischen in einen kapitalistischen verwandelt: Sozialismus wurde als konservativ, hierarchisch, bürokratisch verworfen - zugunsten der eigentlichen Revolution des digitalen Kapitalismus.

Das Einzige, was von der sexuellen Befreiung der 1960er übrigblieb, war der tolerante Hedonismus, der einfach in unsere beherrschende Ideologie übernommen werden kann: Heute ist sexueller Genuss nicht nur erlaubt, er ist obligatorisch. Die Bewegung hin zu radikalen Formen des Genusses (durch sexuelle Experimente, Drogen und andere Trance verursachende Mittel) entstand an einem präzisen politischen Moment, nämlich als der "Geist von 68" seine politischen Möglichkeiten erschöpft hatte. An diesem kritischen Punkt (in der Mitte der 1970er-Jahre) war die einzig noch bleibende Möglichkeit ein direkter, brutaler Griff nach dem Realen, der sich in drei Hauptformen manifestierte: in der Suche nach extremen Formen des sexuellen Genusses; in der Hinwendung zur Realität der inneren Erfahrung (orientalische Mystik); und schließlich im linken politischen Terrorismus (RAF, Rote Brigaden etc.). Die Grundannahme des linken politischen Terrors war, dass in einer Zeit, in der die Massen tief im kapitalistischen Ideologieschlaf liegen, die ideologische Standard-Kritik nicht mehr greift, sodass nur noch die rohe Realität der direkten Gewalt - l'action directe - die Massen aufwecken kann.

Das wahre Erbe ...

Erinnern wir uns hier an Lacans Herausforderung an die protestierenden Studenten: "Als Revolutionäre seid ihr nur Hysteriker, die nach einem neuen Herrscher verlangen. Ihr werdet einen bekommen." Und wir bekamen ihn - in der Form des postmodernen, "entspannten" Herrschers, dessen Herrschaft dadurch umso stärker ist, dass sie kaum sichtbar ist. Während viele zweifellos positive Veränderungen diese Umwandlung begleiteten - es genügt hier, auf die neuen Freiheiten und den Zugang von Frauen zur Macht hinzuweisen -, sollte man doch auf einer harten Frage bestehen: War diese Umwandlung von einem "Geist des Kapitalismus" zu einem anderen wirklich alles, was die Ereignisse von 68 bewirkt haben, sodass all der trunkene Freiheitsenthusiasmus nichts als ein weiteres Mittel war, eine Form der Herrschaft durch eine andere zu ersetzen?

Viele Zeichen deuten darauf hin, dass die Dinge nicht so einfach liegen. Wenn wir mit den Augen von 68 auf unsere heutige Situation blicken, sollten wir das eigentliche Erbe von 68 nicht vergessen. Das Herz von 68 war eine Abkehr vom liberalen, kapitalistischen System, ein lautes Nein zu seiner Totalität. Es ist leicht, sich über Fukuyamas Idee vom Ende der Geschichte lustig zu machen, aber heute folgt die Mehrheit Fukuyama: Der liberale, demokratische Kapitalismus wird als die endlich gefundene Formel für die beste aller Gesellschaften akzeptiert, und alles was man noch tun kann, ist, sie etwas gerechter oder toleranter zu machen. Die einzige wirkliche Frage heute ist: Unterstützen wir diese Normalisierung des Kapitalismus, oder enthält der gegenwärtige, globale Kapitalismus ausreichend starke Antagonismen, um seine unendliche Reproduktion zu verhindern?

Es gibt zumindest vier solcher Antagonismen: die drohende ökologische Katastrophe, die Unangemessenheit von privatem Eigentum im Falle des sogenannten "intellektuellen Eigentums", die sozio-ethischen Implikationen der neuen technisch-wissenschaftlichen Entwicklungen(insbesondere die Biogenetik) und, last, but not least, die neuen Formen der Apartheid, neue Mauern und Slums.

Die ersten drei Widerstände betreffen die Domänen, die Michael Hardt und Toni Negri die "Commons" nennen, die gemeinsame Substanz unserer sozialen Existenz, deren Privatisierung ein gewalttätiger Akt ist, dem nötigenfalls auch mit Gewalt widerstanden werden muss. Einerseits gibt es die Commons der äußeren Natur, die durch Verschmutzung und Ausbeutung (von Rohstoffen bis zu natürlichen Lebensräumen) bedroht werden; die Commons der inneren Natur (das biogenetische Erbe der Menschheit) und schließlich die Commons der Kultur, das unmittelbar sozialisierte "kognitive" Kapital, besonders Sprache, unsere Kommunikations- und Erziehungsmedien, aber auch die von uns allen geteilte Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs, der Elektrizität, Post etc. Wenn wir Bill Gates erlauben würden, seine Monopolstellung zu behaupten, dann hätten wir die absurde Situation erreicht, dass ein Privatmann buchstäblich die Software-Struktur unseres grundlegenden Kommunikationsnetzes besitzt.

Wir beginnen langsam, die zerstörerischen Potenziale zu begreifen, die entfesselt werden, wenn wir der kapitalistischen Logik erlauben, Amok zu laufen. Nicholas Stern hatte recht, als er die weltweite Klimakrise als "das größte Marktversagen der Menschheitsgeschichte" charakterisierte. Steht denn die Notwendigkeit, einen Ort für globale politische Aktion zu schaffen, die fähig ist, Marktmechanismen zu neutralisieren und zu kanalisieren, nicht für eine im eigentlichen Sinne kommunistische Perspektive? Die Idee der Commons rechtfertigt die Wiederbelebung der kommunistischen Idee: Sie erlaubt, die fortschreitende "Einschließung" der Commons als Prozess der Proletarisierung derer zu sehen, die dabei von ihrer eigenen Lebenssubstanz ausgeschlossen werden. Im Kontrast zum klassischen Bild der Proletarier, die "nichts als ihre Ketten zu verlieren haben", sind wir daher alle in Gefahr, alles zu verlieren: Wir sind alle davon bedroht, zu leeren Cartesianischen Subjekten reduziert zu werden, allen substanziellen Inhalts beraubt, auf genmanipulierter Basis in einer lebensfeindlichen Umwelt dahinvegetierend. Diese Bedrohung unseres gesamten Daseins macht uns gewissermaßen alle zu potenziellen Proletariern. Um zu verhindern, dass wir tatsächlich dazu werden, bleibt nur präventives Handeln.

... der Protestbewegung

Das wahre Erbe von 68 ist am besten in der Formel "Soyons realistes, demandons l'impossible!" ("Seien wir realistisch, verlangen wir das Unmögliche!") zusammengefasst. Die wahre Utopie ist der Glaube, dass das existierende globale System sich unendlich weiter reproduzieren kann; der einzige Weg, wirklich realistisch zu sein, ist das ins Auge zu fassen, was innerhalb der Koordinaten dieses Systems schlichtweg unmöglich scheinen muss. (Slavoj Zizek / Übersetzung: Philipp Blom, DER STANDARD/Printausgabe, 19.05.2008)

Zur Person:
*Slavoj Zizek, geboren 1949 in Ljubljana, Philosoph und Psychoanalytiker, leitet das Birkbeck Institute for the Humanities in London; zuletzt erschien von ihm bei Suhrkamp das Buch "Parallaxe"; dem hier dokumentierten Beitrag zu den FW-Zukunftsgesprächen folgen im Wochenrhythmus Auftritte von Wladimir Sorokin und Dirk Baecker.
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    Slavoj Zizek beim Eröffnungsvortrag der neuen Festwochenreihe "Reden über die Zukunft" im Museumsquartier

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