Das Weißbuch zu den schwarzen Bergen

  • Manche Inselchen, die aus dem Wasser ragen, beherbergen Kirchen oder Klöster.
    foto:montenegro.travel

    Manche Inselchen, die aus dem Wasser ragen, beherbergen Kirchen oder Klöster.

  • Still ist es hier am Skadar-See, wo nur ein paar Fischerboote durchs Wasser pflügen.
    foto:montenegro.travel

    Still ist es hier am Skadar-See, wo nur ein paar Fischerboote durchs Wasser pflügen.

Immer kontrastreich, aber nie in Schwarzweißmalerei präsentiert Montenegro seine unbeschriebenen Seiten

Sternförmig verweisen die Straßen der Hauptstadt auf Glanzlichter im verschwiegenen Hinterland. Am Plav-See, rund zwei Autostunden östlich von Podgorica, dominieren aber beredte Minarette das Grenzgebiet zu Albanien und zum Kosovo. Nur eine Herberge gibt es an dem Gebirgssee zwischen den schneebedeckten, weißen Bergen Montenegros.

Der junge Chef des Hotel Plavsko Jezero parliert hier ohne Pause mit seinem Handy. In perfektem Rudi-Carrell-Deutsch. "Beim Studium in Holland habe ich durchs Fernsehen Deutsch gelernt", erklärt der selbstbewusste Mann im hintersten Winkel des Landes seinen Akzent, während der Koch, mit Anzug, Nickelbrille und dem Gehabe eines Assistenzprofessors, die feinsten Speisen kredenzt. Die vom Chef empfohlene Wanderung zum noch höher gelegenen Rid-See, einem angeblich bezaubernden Eissee, wird zur Suche nach dem heiligen Gral. Frohen Mutes folgt man dem einzigen Schild über die Almen mit gemütlichen Heuschobern. Spätestens wenn man auf einen Holzarbeiter trifft, der kopfschüttelnd die Worte "Meine Kinder!" aus seinem Gedächtnis hervorkramt, wird klar: Gutes Kartenmaterial wäre wichtig gewesen.

Ebenso beschaulich wie in den Bergen geht es noch am Skadar-See zu, der aber klar die Richtung vorgibt: Auf schmalen, wilden Straßen will er umfahren werden, eine Reise für sich wäre er wert, gäbe es in diesem kleinen Land nicht so viel zu sehen. Man teilt sich den größten See des Balkans zwar mit dem Nachbarland Albanien, die Schönheit seiner an Pflanzen und Tieren reichen Natur aber ist unteilbar.

Still ist es hier, auch in Virpazar, dem touristischen Zentrum des Sees, nur ein paar Fischerboote pflügen durch das ruhige Wasser, weiter drüben in Donji Murici waschen Frauen die Wäsche im See, schleppen Esel Kanister voll Wasser hinauf zu den Häusern. Die Inselchen, die aus dem Wasser ragen, beherbergen meist Kirchen oder Klöster, von denen manche von Mönchen bewohnt werden. Ungemütliche Zellen gab es früher auf der Insel Grmozur: Auf die nahe dem Ufer liegende Gefängnisinsel brachte man nur Nichtschwimmer, sowohl Insassen als auch Wärter. Letztere wurden selbst zu unfreiwilligen Dauergästen, wenn ihnen ein anvertrauter Häftling entkam.

Durch eine malerische Landschaft geht es vom Hinterland wieder hinunter zur Küste, schließlich kommt man nach Ulcinj, dem venezianischen Dulcigno. In dem ehemaligen Piratenstützpunkt und Sklavenmarkt hielt man einst Miguel Cervantes gefangen, ehe es dem spanischen Dichter dort ein einheimisches Mädchen angetan haben soll: die Vorlage für Don Quijotes Dulcinea.

Schnappschüsse

Über die Hafenstadt Bar mit der oberhalb gelegenen Ruinenstadt Stari Bar, einem Machu Picchu im Kleinen, vorbei am beliebtesten Fotomotiv des Landes, der Hotelinsel Sveti Stefan, gelangt man in die von einer mittelalterlichen Befestigung umgebene Stadt Budva. Heute ist sie so etwas wie die Partystadt des Landes, und was der Publizist und Balkankenner Spiridion Gopcevic vor hundertdreißig Jahren konstatierte, gilt jedenfalls nicht mehr: "Der einzige Betrunkene Montenegros ist - ein österreichischer Schuster, der deshalb auch in der grössten Verachtung steht."

Viel ruhiger als in Budva geht es, wenn es auch komisch klingen mag, auf der Halbinsel Lustica zu, wo sich die Bucht von Kotor schließt. Genau gegenüber von Herceg Novi gelegen, versprechen schon die kyrillischen Buchstaben auf der Ortstafel, dass das Fischerörtchen Rose, ehemals Zollstation, immerfort blüht. Nur fünf Leute leben über den Winter in diesem Dorf mit seinen schmalen Gässchen, Steinhäusern und den zwei Kirchlein. "One for the catholics, and one for the christs", lässt Daria keinen Zweifel daran, dass die Orthodoxen hier die wahren Christen sind. Die junge Frau hat Belgrad gegen Rose getauscht und arbeitet als Kellnerin in einer der Konobas, wo köstlicher Fisch und kunstvoll drapierte Meerestiere serviert werden.

Hier, wo die Wellen sanft an die Mole schlagen und die Lichter drüben in Herceg Novi sich wie Glühwürmchen vor den Bergen versammeln, setzt sich das Mosaik Montenegros wieder ganz langsam zusammen. (Georg C. Heilingsetzer/DER STANDARD/Printausgabe/17./18.5.2008)

Informationen: montenegro.travel
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