Arbeitskräfte für die Wirtschaft nach FH-Art oder der schnelle Einblick ins große wissenschaftliche Ganze: Was die neue Studienarchitektur bringt, ist noch im Fluss
Ein englisches Wort geistert durch die Universitätslandschaft: "Employability", also die Frage, wie "beschäftigungsfähig" AkademikerInnen nach ihrem Studium sind - und sein sollen. Neuen Schwung erhält die Diskussion durch die Einführung der Bachelorstudien im Rahmen der Bologna-Architektur. Für StudentInnen, Universitäten und Arbeitgeber stellt sich die Frage: Was kann der Bachelor, was muss er noch lernen und wie werden die neuen AbsolventInnen sich in der Arbeitswelt machen?
Eine Diskussionsrunde mit Bildungs-ExpertInnen, veranstaltet von Uniport und dem Bologna-Büro der Uni Wien und moderiert von derStandard.at-Redakteurin Anita Zielina, widmete sich diesen Fragen.
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"Machen wir uns nichts vor, der Bachelor hat in der Öffentlichkeit noch keine Akzeptanz", bringt Fadi Sinno vom ÖH-Referat für Bildungspolitik seine Ansicht zur neuen Studienarchitektur auf den Punkt. Wer sich darauf verlasse, mit dem Bachelor direkt in den Beruf einzusteigen, sei schlecht dran, so der Studierendenvertreter.
Für Wirtschaftskammer-Generalsekretär Reinhold Mitterlehner ein Grund mehr für die Universitäten, auf Praxisbezogenheit zu achten: "HTL und FH haben vorgemacht, wie das funktioniert". Es gehe natürlich nicht nur um die Verwertbarkeit von Hochschulstudien, aber die Wirtschaft stehe den momentanen Bachelorstudien noch etwas ratlos gegenüber. Mitterlehner zeigte sich aber zuversichtlich, dass sich das Angebot durchsetzen wird: Der Bachelor bringe sowohl der Wirtschaft als auch den Studierenden Vorteile.
Die schönen Ideale
"Wir haben keine Vorschriften, wie der Bachelor aussehen sollen, auf der nationalen Ebene gibt es keine gesetzlichen Regelungen. Ich finde es bedenklich, dass der Wettbewerb steuern soll, was an Universitäten angeboten wird", kritisierte der Vorsitzende der Curricularkommission der Uni Wien, Herbert Hrachovec, das Schielen nach der Wirtschaft. Dadurch würde die jeweilige Konjunkturlage am Arbeitsmarkt die Bildung bestimmen. Der Staat könne nicht die schönen Ideale des universitären Bildungswesens in Anspruch nehmen und gleichzeitig untergraben, indem das Bildungswesen kommerzialisiert werde.
Johanna Ettl, stellvertretende Direktorin der Arbeiterkammer Wien, sieht auch in anderen Bereichen Schwierigkeiten: Wie bringe man zum Beispiel in einem Bachelor, in den de facto ein Master "hineingequetscht wird", noch ein Auslandssemester unter. Die Überlegung, nach dem Bachelor Berufserfahrung zu sammeln und dann wieder in das Studium einzusteigen, um den Master zu absolvieren, sei außerdem eher selten realistisch. An diesem Defizit müsse man arbeiten: "Der Bachelor soll ja keine Sackgasse sein".
Was ist ein Bachelor?
Eine Studie der Wirtschaftskammer Österreich besage, dass es in Österreich zehn verschiedene Typen des Bachelor existieren, so Ettl. Der Bachelor, das unbekannte Wesen ohne genaue Definition? Arthur Mettinger, Vizerektor für Entwicklung der Lehre und Internationalisierung, definiert den Bachelor, als schnelle Möglichkeit "fundamentale Kenntnisse, Denkweisen und Methodologie eines Faches" zu erwerben. Wichtig ist dem Vizerektor außerdem, dass eine gewisse Transparenz der Curricula (Lehrpläne) erreicht wird – sowohl für die Studierenden als auch für zukünftige ArbeitnehmerInnen, "damit sie sich ein Bild machen können, welche Fähigkeiten im Laufe seines Bachelor-Studiums erreicht wurden."
Den Wechsel erleichtern
ÖH-Vertreter Sinno wünscht sich klare Richtlinien. Es gebe zum Beispiel nach einigen Bachelor-Studien nicht die Möglichkeit, einen entsprechenden Master zu machen. Ebenso sei der Institutionenwechsel zwischen FH und Uni mit bürokratischen Hürden gespickt. "Die Durchlässigkeit muss größer werden", meint auch Hrachovec. So müsse die Bürokratie abnehmen und es auch möglich sein, dass Studierende prinzipiell die Möglichkeit haben, einen Bachelor an einer Universität und einen Master an einer Fachhochschule zu machen.
"Die meisten Bachelor-Angebote gibt es in ingenieurwissenschaftlichen Studien, in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften", meint Ettl. Es sei notwendig, hier rasch eine Vergleichbarkeit zwischen FHs und Unis zu schaffen. Der wahre Konkurrenzkampf, so Mitterlehner, stehe nicht zwischen Master und Bachelor bevor, sondern zwischen Fachhochschulen und Uni-Bachelors.
"Mit dem Beruf auseinandersetzen"
Hrachovec ortet in der Diskussion um die Umstellung auf die Bolognaarchitektur seitens der Uni oft die Einstellung einer "pikierten alten Dame, die reagiert, als würde ein unsittliches Ansinnen an sie gestellt werden, nur weil gefordert wird, sich doch auch mit dem Beruf auseinanderzusetzen."
Auch Vizerektor Mettinger betonte, dass das Thema Berufstauglichkeit von den Universitäten nicht ausgespart werden dürfe. "Zur Gesellschaft, zum Leben, gehört eben auch der Arbeitsmarkt".
Ettl strich heraus, dass im Prinzip alle AkademikerInnen "employable" seien, die Frage sei, ob adäquat. Oft würden AbsolventInnen in Bereichen landen, die mit ihrer Ausbildung nichts zu tun haben. Es gehe nicht unbedingt darum, welche fachlichen Qualifikationen mit einem Bachelor erworben werden, vielmehr spielt das Erlernen der Selbstorganisation eine Rolle: "Es ist heute nicht mehr der Fall, dass ein Job lebenslang ausgeübt wird. Daher ist es wichtig, dass auch in Zeiten der Arbeitslosigkeit eine Fähigkeit zur Selbstorganisation da ist", sagt Ettl.
Neue Wege
Und wie könnte man die Studienarchitektur so umbauen, dass sowohl Studierende als auch Arbeitgeber davon profitieren?
Hrachovec sieht einen Bedarf nach offeneren Kooperationen und disziplinar übergreifenden Themen im Studium: Jemand, der Kenntnisse im Programmieren und in Philosophie habe, täte sich viel leichter, Content-Netzwerke als Orte sozialer Interaktion zu begreifen. Ein Kommunikationswissenschafter, der eine Schwerpunktausbildung in Naturwissenschaften absolviert, wäre ideal für das Berufsbild des Wissenschaftsjournalisten ausgebildet. "Das sind Kombinationen, die die Schönheit besitzen, in den Disziplinen der Wissenschaften neue Akzente zu setzen", so Hrachovec.(jus, derStandard.at, Mai 2008)