"Sie kommt und ist dann wieder vorbei"

Redaktion, 9. Mai 2008, 10:57
  • Artikelbild
    foto: heribert corn

    Sportminister und Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, auf dem Balkon seines Büros, zeigt zur Wiener Ringstraße. "Mich stört es nicht, dass da die größte Fanzone sein wird. Mich hat auch das ÖVP-Stadtfest nicht gestört."

Alfred Gusenbauer sieht Matchbesuche als "klei­ne­ren Teil der Beschäf­tigung" im Juni. Die EM werde nicht veranstal­tet, um Umfrage­werte zu verbessern - ein STANDARD-Interview

Standard: Herr Sportminister, wie wichtig war Ihnen der Sport bei der Regierungsbildung? Hat er in den Überlegungen eine Rolle gespielt?

Gusenbauer: Ich hatte von vornherein vor und habe darauf Wert gelegt, mich um den Sport zu kümmern. Weil er mich interessiert, ich ihn für wichtig halte und weil mir das Spaß macht.

Standard: War da auch die EURO schon im Hinterkopf?

Gusenbauer: Die EURO ist dabei nur ein Aspekt, die kommt jetzt und ist dann wieder vorbei. Mir geht es grundsätzlich um die Rolle des Sports. Die Grünen haben einmal nach einer Wahl gesagt, sie werden sich nicht mit dem Sport abspeisen lassen. Das hat eine gewisse Geringschätzung ausgedrückt. Ich will dokumentieren, wie wichtig der Sport in unserer Gesellschaft ist.

Standard: Sie werden viel zu tun haben mit der EURO. Werden Sie deshalb auch viel zu tun haben?

Gusenbauer: Erstens freue ich mich auf die EURO, das wird ein sensationelles Sportereignis. Außerdem kommen wohl etliche Staats- und Regierungschefs zu Spielen ihrer Teams. Natürlich sitzen wir relativ oft im Europäischen Rat zusammen, aber am Rand der EURO kann man eine ganz andere Gesprächsatmosphäre entwickeln.

Standard: Da kommt Ihnen zupass, dass das Parlament die Sommer_ferien um den Juni verlängert hat.

Gusenbauer: Das Parlament legt seine Sitzungstage autonom fest. Für mich ist wichtig, dass unser Regierungsfahrplan nicht gefährdet wird, aber nachdem es im Juli Parlamentstage gibt, können auch dann noch die erforderlichen Beschlüsse gefasst werden. Und die Ausschüsse tagen normal.

Standard: Sollte die Politik nicht stärker vermitteln, dass die EURO nicht nur eine Gaudee, sondern auch Arbeit darstellt?

Gusenbauer: Es gibt den ganz normalen Regierungsalltag. Und wenn Gäste kommen, muss man sich den Gästen widmen und politische Gespräche führen. Am Abend aufs Match zu gehen ist der kleinere Teil der Beschäftigung.

Standard: Steht schon fest, welche Spiele Sie besuchen?

Gusenbauer: Sicherlich alle Österreich-Spiele, das werden hoffentlich möglichst viele sein. Die Eröffnung in der Schweiz, Halbfinale und Finale sehe ich mir sicher an. Ansonsten Partien, wo Gäste da sind. Kommt der schwedische Premierminister nach Innsbruck, begleite ich ihn natürlich zum Match.

Standard: Sie haben nicht die allerbesten Umfragewerte. Ist die EURO dazu angetan, dass sich daran etwas ändert?

Gusenbauer: Das weiß ich, ehrlich gesagt, nicht. Aber ich nehme nicht an, dass die EURO zu meiner höheren Ehre oder wegen meiner Umfragewerte veranstaltet wird.

Standard: Es gibt Erfahrungswerte.

Gusenbauer: Ich glaube, dass Angela Merkel von der WM profitiert hat. Es war aber auch eine tolle WM, Deutschland war ein hervorragender Gastgeber, die Mannschaft ist weit gekommen und hat attraktiv gespielt. Ich glaube, das alles hat dazu beigetragen.

Standard: Auch so gesehen müssen Sie sich wünschen, dass Österreich gut spielt.

Gusenbauer: Das muss ich mir nicht wünschen, das wünsche ich mir ohnehin. Es wäre insgesamt gut für die Stimmung im Land.

Standard: Sind die Österreicher fähig und bereit, genauso gute Gastgeber zu sein wie die Deutschen?

Gusenbauer: Das glaube ich schon. Österreich wäre nicht eines der größten Tourismusländer der Welt, wenn die Österreicher keine guten Gastgeber wären. Ich wünsche mir, dass bei der Hymne des Gegners nicht gepfiffen wird. Alle Teilnehmer sind unsere Gäste, und wir sind froh, dabei zu sein.

Standard: Wir sind froh – sprechen Sie da für das ganze Land? Haben Sie den Eindruck, dass sozusagen Österreich hinter der EURO steht?

Gusenbauer: Alle Sportbegeisterten sind froh, dass die EURO stattfindet. Dass sich einige Leute aufregen, wird es immer bei solchen Großveranstaltungen geben. Wenn sich einige Kaffeehäuser zur EU_RO-freien Zone erklären – kein Problem. Mich wiederum stört es gar nicht, dass da draußen die größte Fanzone sein wird. Mich hat auch das ÖVP-Stadtfest nicht gestört und der Umstand, dass ich da den ganzen Tag die Beschallung hatte.

Standard: In der Schweiz gab’s zuletzt Fanausschreitungen, Österreich ist keine Insel der Seligen. Haben Sie Sicherheitsbedenken?

Gusenbauer: Ich glaube, Günther Platter hat das gut vorbereitet. Ich glaube nicht, dass es zu gröberen Problemen kommen wird.

Standard: Mit Österreichs Gruppengegnern Kroatien, Polen und Deutschland sind Sie zufrieden?

Gusenbauer: Die Gruppe ist ein mitteleuropäisches Familientreffen. Standard: An den nach Wien größten Städten im Land, an Graz und Linz, läuft die EURO vorbei. Und Wien verpasste die Chance, ein tolles neues Stadion zu errichten.

Gusenbauer: Das Problem ist: Entscheidungen über die Infrastruktur wurden getroffen, lange bevor diese Regierung angetreten ist. Insgesamt wurde versucht, möglichst nach ökonomischen Sparsamkeitskriterien zu organisieren. Und dann gibt es keine Symbolbauten.

Standard: Das Verhältnis Schweiz/ Österreich könnte man als manchmal freundschaftlich, manchmal reserviert beschreiben. Ändert die EURO etwas daran?

Gusenbauer: Die Zusammenarbeit funktioniert wie am Schnürchen. Die Schweiz hat einen sehr pragmatischen Zugang zu den Dingen. Auch zwischen den Bevölkerungen herrscht ein unkompliziertes Verhältnis. Mir fiele nicht auf, dass es in Österreich irgendwelche Ressentiments gegen die Schweiz gibt.

Standard: Dass sie nicht in der EU ist – ein Handicap der Schweiz?

Gusenbauer: Man hat mit Nicht-mitgliedern der EU weniger zu tun als mit Mitgliedern, das ist so. Man kommt, wenn’s nicht gerade eine EURO gibt, seltener zusammen. Wir würden uns natürlich freuen, wäre die Schweiz EU-Mitglied, das ist ein sehr stabiles Land im Zentrum Europas, das wäre sicher ein Gewinn. Aber ob die Schweizer das wollen, ist ihre Entscheidung. Das muss man respektieren.

Standard: Wir wissen, Sie haben sich schon in der Sandkiste als Bundeskanzler gesehen. Nicht auch manchmal als großen Fußballer?

Gusenbauer: Ich bin nie davon ausgegangen, dass ich ein großer Fußballer würde. Mir fehlten die körperlichen Voraussetzungen, ich war ein ziemlicher Wuzl.

Standard: Wer holt den EM-Titel?

Gusenbauer: Das hängt davon ab, wie das Finale Österreich gegen Deutschland ausgeht.

Standard: Dieses Duell kann sich maximal im Semifinale ausgehen.

Gusenbauer: Ah so? Wär auch okay. (Mit Alfred Gusenbauer sprachen Fritz Neumann und Sigi Lüzow - DER STANDARD PRINTAUSGABE - 9.5. 2008)

Zur Person:
Alfred Gusenbauer (48), SPÖ-Parteichef seit 2000, Bundeskanzler/ Sportminister seit 11. Jänner 2007
Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.