ÖFB-Präsident Friedrich Stickler sieht die einzige Chance für den heimischen Kick in "einer vernünftigen" Nachwuchsarbeit
ÖFB-Präsident Friedrich Stickler ist sich der Bedeutung der EURO natürlich bewusst. Da aber auch diese Form der Weihnacht einmal vorbei sein wird, sieht er die einzige Chance für den heimischen Kick in "einer vernünftigen" Nachwuchsarbeit. Christian Hackl fragte nach.
Standard: Blicken wir in die Zukunft. Es ist der 29. Juni, das Finale der EURO wurde gerade abgepfiffen. Was würden Sie gern sagen?
Stickler: Es ist ein Riesenerfolg, wir sind zufrieden, haben alle unsere Ziele erreicht. Österreich kann auf sich als Veranstalter stolz sein. Und auch auf die Nationalmannschaft.
Standard: Übers Nationalteam könnten Sie vermutlich früher bilanzieren. Realistisch nach der Vorrunde.
Stickler: Wir sind als krasser Außenseiter ins Turnier gegangen und haben uns besser geschlagen als uns alle zugetraut haben, wäre ein schöner Satz. Aber die Rolle als Veranstalter wird im Vordergrund stehen. Die ist für Österreich eine enorme Herausforderung, eine große Chance.
Standard: Sie werden nicht müde, die Bedeutung der EURO zu betonen. Hat die Nation die Dimension noch immer nicht begriffen?
Stickler: Die EURO ist noch immer weit weg. Nehmen wir Deutschland her, obwohl ich diesen permanenten Vergleich vermeiden möchte. Denn eine WM ist etwas anderes, hat andere Dimensionen. Dagegen sind wir fast klein. Das Bewusstsein, was auf uns zukommt, wird knapp vor dem Turnier Platz greifen. Wir dürfen die Menschen nicht überfordern, das Runterzählen der Tage bringt nichts. Man kann sich ja auch nicht eineinhalb Jahre lang auf Weihnachten freuen, nicht einmal ein paar Monate. Ist das Fest da, feiert man es.
Standard: Lernt man als Präsident des Fußballbundes oder als Chef der Lotterien die österreichische Seele besser kennen?
Stickler: In der Wirtschaft werden sie auch kritisiert, falls das Unternehmen nicht floriert. Aber es fehlt die Emotion, das ist eine Beurteilung der Arbeit. Ich betrachte es wie eine Pyramide. Da ist die Wirtschaft, da geht es relativ sachlich zu. Dann kommt die Politik, da wird es emotionaler, aber es bleibt halbwegs sachlich. In der Kultur wird es teilweise irrational. Im Fußball gelten all diese Kriterien nicht, da wird es ganz extrem.
Standard: Als Lotterien-Boss wäre "der alte Stickler" aber nie Teil einer Ö3-Comedy geworden, oder?
Stickler: Es ist ein Gewöhnungsprozess, man wird mit Vorurteilen konfrontiert, die man kaum entkräften kann. Behauptet einer, der Stickler versteht nichts vom Fußball, ist das eigentlich eine unglaubliche Frechheit. Gekränkt bin ich aber nicht. Das Irrationale und die Emotionen sind Teil des Fußballs, machen den Reiz aus. Außerdem ist es faszinierend, dass der Kleine gegen den Großen ab und zu eine Chance hat.
Standard: Es heißt, der Weg ist das Ziel. Dachten Sie, dass derart große Steine auf der Strecke liegen? Die Leistungen des Teams sind nicht gerade fulminant, Teamchef Josef Hickerberger wurde nicht zuletzt von Ihnen infrage gestellt.
Stickler: Die Vergabe der EURO an uns und an die Schweiz war ein unglaublicher Sieg. Das würde heute nicht mehr gelingen, es war die letzte Chance. Ich rechnete nicht damit, dass uns die Stadionfrage so lange begleiten würde. Das war eine Hürde, Klagenfurt wackelte. Möglicherweise ist es ein österreichisches Phänomen, dass wir zwar dabei sein wollen, aber die letzte Konsequenz in der Umsetzung fehlt. Wer A sagt muss auch B sagen. Wir zögern beim B. Man sollte wissen, dass man nichts geschenkt bekommt. Du musst auch Geld in die Hand nehmen. Ich bin überzeugt, dass die EURO alle Investitionen zurückverdienen wird.
Standard: Die sportlichen Steine?
Stickler: Dass wir so große Probleme haben würden, habe ich nicht erwartet. Wir erwischten eine Phase in der Wellenbewegung, die abwärts zeigte. Die Dramatik habe auch ich unterschätzt, die Talsohle war nicht erreicht. Das hat mit dem Bosman-Urteil zu tun, Legionäre sind billiger als die Entwicklung von heimischen Spielern. Es wurde zu spät begonnen, die Nachwuchsarbeit zu professionalisieren. Das Umdenken hat stattgefunden, der österreichische Weg ist eingeschlagen. Ein derartiges Projekt braucht eine Anlaufzeit von zehn Jahren. Hickersberger wird es aber schaffen, in den 140 Tagen bis zur EURO das Beste rauszuholen.
Standard: Wie kann sich der Kick nach der EURO positionieren? Der ÖFB will bis 2012 der modernste Sportverband sein. Was nützt das, wenn die Liga kracht, der Abstand zur Spitze deutlicher wird?
Stickler: Wir müssen querdenken, die Strukturen verbessern, die Schnittstelle zwischen Amateur- und Profifußball in den Griff bekommen. Unsere einzige Chance ist die Nachwuchsarbeit. Die Klubs und die Trainer haben das akzeptiert. Wäre ich einer der großen Geldgeber, würde ich einen ausgefuchsten Coach engagieren. Den Jose Mourinho. Ich würde ihm sagen, sammle die verrücktesten Typen im Nachwuchsbereich ein, gib zwei vernünftige und erfahrene Spieler dazu. Und in drei Jahren bist du in der Bundesliga.
Standard: Und was ist realistisch?
Stickler: Vernünftige Arbeit. Die muss ja nicht unbedingt in einer Akademie erfolgen. Es geht auch darum, die schrillen Spieler nicht zu verlieren. Ein Wayne Rooney wäre bei uns von jeder Akademie geflogen.
Standard: Wer wird Nachfolger von Josef Hickersberger?
Stickler: Man wird das nach der EURO bekanntgeben, bis zu diesem Zeitpunkt schweigen wir. Natürlich strecken wir Fühler aus, alles andere wäre fahrlässig. Wir nehmen Bayern München als Vorbild. Die haben Jürgen Klinsmann einfach präsentiert. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 21.01.2008)
Zur Person:
Friedrich Stickler (59) ist seit 1986 Vorstandsdirektor der österreichischen Lotterien und seit 7. April 2002 Präsident des österreichischen Fußballbundes.