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Das Porphyr-Zimmer der Casa Rocca Piccola mit seiner 400 Jahre alten Holzdecke beherbergt mehrere Porträts von Vorfahren des Marquis. Links unten der Schafhirte Zeppi Mercieca.


Der "Summer Dining Room".

Der Aristokrat betreibt einen Großteil des Wohnbereichs seines Familiensitzes gleichzeitig als Museum, wohl weniger aus Geldnot denn aus dem Anspruch heraus, das Andenken an ein vergangenes Zeitalter zu bewahren. Der Nachfahre johannitischer Kreuzritter kann auf eine fast fünfhundertjährige Familiengeschichte zurückblicken, worüber die verschiedensten Kostbarkeiten in dem Palazzo an der prominenten Republic Street im Zentrum von Valletta Zeugnis ablegen. Umgeben von Orden, Wappen, historischen Dokumenten und Truhen, in denen früher sicher Schätze aufbewahrt wurden, fühlt sich der Besucher zurückversetzt in die Blütezeit Maltas unter dem Malteserorden. Nicholas De Piro lässt es sich nicht nehmen, Touristen höchstpersönlich durch seine Gemächer zu führen, deren Wände teils düstere Gemälde von Meistern aus dem 16. bis ins 20. Jahrhundert zieren. In einer Glasvitrine sind neben Tafelsilber Schachfiguren aus Elfenbein ausgestellt. Erwähnenswert ist, dass bei den maltesischen Spielfiguren die Königin keine Krone trägt, dafür der Läufer einen gespaltenen Kopf. Ob da ein Zusammenhang besteht, lässt der Marquis unbeantwortet.
Das sogenannte Himmelbettzimmer ist eine besondere Sehenswürdigkeit des Hauses. Das kunstvoll geschnitzte Mobiliar aus Mahagoni war das Ehebett von Orsola De Piro D'Amico, die in dem Bett nach ihrer Heirat im Jahr 1867 neun Kinder gebar. Alle neun Kinder blieben am Leben, was für damalige Verhältnisse eher eine Ausnahmeerscheinung darstellt, daher werden dem Bett magische Fähigkeiten zugeschrieben. "Wenn Sie einen Kinderwunsch hegen, so berühren Sie dieses Bett", empfiehlt der Marquis, selbst Vater von vier Kindern.
Die abgedunkelten Räumlichkeiten der Casa Rocca Piccola spenden zwar Schutz vor der Frühlingssonne, doch die geschichtsträchtige Stille der alten Palastmauern tauscht man auch gern wieder gegen einen Platz in einem der belebten Cafés an Vallettas Uferpromenade oder einen Spaziergang mitten in den saftig grünen Feldern von Gozo, der Schwesterinsel von Malta.
Die verwinkelten, staubigen Straßen des kleinen Dorfes Xewkija nahe Gozos Hauptstadt Victoria wirken wie ausgestorben. Die Bewohner sind vor der drückenden Mittagshitze in ihre kühlen Häuser geflüchtet und halten Siesta. Nur auf den Mauern der Häuser tummeln sich dutzende kleine Eidechsen, die sich farblich kaum von den sandfarbenen Ziegeln abheben. Eines dieser Gebäude ist das Zuhause von Giuzeppe ("Zeppi") Mercieca und seiner Familie. Mehr als 40 Jahre lang verdienten Zeppi und seine Frau Marjanna ihren Lebensunterhalt als Schafhirten. Heute teilen sie im Rahmen von Projekten der Ager Foundation ihr Wissen rund um die Schafhaltung und Käseproduktion mit interessierten Touristen. Die Ager Foundation ist eine Non-Profit-Organisation, die sich dem Schutz der natürlichen Ressourcen auf Basis eines verantwortungsbewussten Ökotourismus und nachhaltiger ländlicher Entwicklung verschrieben hat. Mit diesem Konzept haben die Verantwortlichen der Ager Foundation aus der Not eine Tugend gemacht, denn in den vergangenen 20 Jahren haben viele gozitanische Bauern althergebrachten Landwirtschaftstechniken den Rücken gekehrt. Zum Teil wechselten sie in der Hoffnung auf bessere Verdienste in den Tourismus, andere suchten ihr Glück in der Ferne und emigrierten.
In einem einfachen, aber sauber gehaltenen Aufenthaltsraum haben Zeppi und Marjanna Mittagstische gedeckt sowie einen Tisch zu Präsentationszwecken. Während Marjanna in der Küche mit den Töpfen klappert, beginnt Zeppi mit seinen Ausführungen zur Käseproduktion. Zuerst gießt er die Schafsmilch durch ein steriles Geschirrtuch. Das eigentliche Geheimnis der Käseproduktion liegt aber darin, der Milch die Haut eines Kalbmagens (Lab) beizugeben. Nach dem Mittagessen, während die Masse noch rasten muss, führt Zeppi den Schafstall vor. Ein schwarzes Babyschaf lässt sich ohne großen Widerstand von Zeppi auf den Arm nehmen. Der Schäfer wiegt das Kleine behutsam in seinen großen Händen, während er schildert: "Wir haben dieses Schaf geschenkt bekommen und wollten es mit der Flasche aufziehen. Aber nun hat es bereits Zähne am Oberkiefer ausgebildet."
Als er erklärt, dass die viel zu frühe Entwicklung des Gebisses darauf hindeutet, dass das kleine Schaf die nächsten Wochen wohl nicht überleben wird, bekommt sein sonst so verschmitztes Lächeln einen traurigen Zug. "So ist eben die Natur", meint Zeppi bedauernd. Als er es wieder laufen lässt, beginnt das kleine Schaf, die Blüten im Blumentopf des Nachbarhauses anzuknabbern.
Die Teilnahme an Projekten der Ager Foundation wie Kochkursen oder traditionellem Fischfang soll Einheimischen und Fremden einen Einblick in die "Normalität" der Gozitaner abseits vom Massentourismus vermitteln. Aber auch die gozitanischen Gastgeber profitieren von ihren Erfahrungen mit dem Ökotourismus: Der Kontakt mit den Reisenden im Rahmen der Ager Foundation gibt ihnen das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, auch ganz ohne Familienwappen. (Marietta Gross/DER STANDARD/RONDO/16.5.2008)
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