
Mario Calabresi arbeitet als Journalist in New York.

Kommissar Luigi Calabresi, der von einer medialen Diffamierungskampagne verfolgt wurde, mit seinem Sohn Mario Anfang der 70er-Jahre.
Wien – Als der Kommissar Luigi Calabresi am 17. Mai 1972 auf der Straße vor seinem Haus – er war auf dem Weg zur Arbeit – von Linksextremisten erschossen wurde, war sein Sohn Mario zwei Jahre alt. Der Mord geschah nach einer medialen Hetzkampagne, man warf Calabresi zu Unrecht vor, am Tod eines jungen Anarchisten schuld zu sein, der wegen des Bombenanschlags auf der Mailänder Piazza Fontana 1969 verhört wurde.
Erst 25 Jahre später wurden Mitglieder der Organisation Lotta Continua, unter ihnen deren ehemaliger Anführer Adriano Sofri, zu Haftstrafen, die mittlerweile aufgehoben bzw. abgemildert sind, verurteilt. Mario Calabresi, ein angesehener Journalist, ist nun New-York-Korrespondent der Tageszeitung "La Repubblica" und publizierte 2007 ein aufsehenerregendes Buch über die "Geschichte meiner Familie im Schatten des Terrorismus", das als "Der blaue Cinquecento" nun bereits auf Deutsch vorliegt (SchirmerGraf).
Es war das erste Mal, dass derart über die Opfer des italienischen Linksterrorismus diskutiert wurde. Calabresi: "In den letzten Jahren wuchs die Verärgerung darüber, dass die Exterroristen der 70er-Jahre in den Medien, sogar im Parlament sehr präsent waren. Man sprach darüber, die 'bleiernen Jahre' abzuschließen und die Exterroristen wieder in die Gesellschaft einzugliedern – aber niemand sprach über die Opfer." Sofri beispielsweise, der mittlerweile unter Hausarrest steht, schreibt Bücher und Zeitungskommentare (auch in der "Repubblica"). Sein jüngstes Buch stand monatelang neben jenem Calabresis ganz oben auf den italienischen Bestsellerlisten.
Calabresi wirkt gelassen, wenn man ihn fragt, wie er nur für dieselbe Zeitung arbeiten kann, für die auch jener Mann schreibt, der, wenngleich seine tatsächliche Schuld polarisierte, für die Ermordung seines Vaters verurteilt wurde. Und immer wieder betont er, ihn interessiere bloß die Wahrheit; wenn ein Richter die Begnadigung entscheidet, akzeptiere er das guten Gewissens. "Ob die Verurteilten länger oder kürzer im Gefängnis sitzen, ändert für uns nichts."
Auch die öffentlichen Auftritte der ehemals Verurteilten bringen ihn weit weniger auf als viele seiner Landsleute: "Wenigstens in der Öffentlichkeit sollten sie zum Schweigen verurteilt sein", sagt Francesca Marangoni, die ein ähnliches Schicksal trägt wie Calabresi, exemplarisch im Cinquecento über die Täter. Die vielen Bücher, die von einst extremen Linken, die gerne zu Che-Guevara-haften Popstars stilisiert wurden, erschienen sind, hätten, Calabresi kalmiert wieder, ihre Berechtigung – solange "nicht auf die Stimmen der Opfer vergessen wird".
Wer seine Strafe verbüßt hat, hat ein Recht darauf, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Jene Schuldigen "können dann zu Exterroristen werden, zu Exhäftlingen – man kann aber niemals zum Exmörder werden!", sagt Calabresi. Er nennt dann gerne seine Mutter Gemma: "Sie sagt, letztlich sei sie es, die zu 'lebenslänglich' verurteilt wurde – was sie erlebt hat, zeichnet sie für immer."
Vergeltung? Calabresi spricht von "Gesten, die helfen, zu versöhnen, friedvoller zu sein". Eine dieser Gesten war 2004 die Verleihung der Goldenen Ehrenmedaille durch Präsident Ciampi an Angehörige der Opfer. Eine weitere ist die offizielle Bestimmung des 9. Mai (dem Tag der Ermordung Aldo Moros, mit der die Gewalt in Italien 1978 einen Höhepunkt erreichte) zum Gedenktag der Opfer, der heuer erstmals stattfand.
Die Diskussion über den Umgang mit Exterroristen ist in Italien lange nicht beendet; Mario Calabresi hat seinen, überaus fruchtbaren Teil zur Debatte beigetragen. (Isabella Hager / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.5.2008)
Lasst die Germanen mal den vorweihnachtlichen Pelz so richtig durchknattern! Vollendetes Kochen nach Art der Kulturgiganten
Christian Steinbacher erntet Wartholzer Literaturehren
Emma Dantes furioser Gesellschaftsroman "Mitternacht in Palermo" mit präzisen szenischen Beschreibungen und Dialogen
Alle 25.000 Blätter wurden digitalisiert - Erhaltung der Originale schwierig - Philosophin wurde 1942 in Auschwitz ermordet
"Sommer des Lebens": Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee wird 70 Jahre alt
Serbischer Philosoph
Der Nachwuchsstar der deutschen Literaturszene äußert sich zur Verteidigung: "Originalität gibt's sowieso nicht, nur Echtheit"
Für "besondere Leistungen im Grenzbereich"
Die erst 17-jährige Autorin Helene Hegemann ist die neue Sensation der deutschen Literaturszene
Katharina Hacker, 2006 Gewinnerin des Deutschen Buchpreises, malt mit ihrem Roman "Alix, Anton und die anderen" Stimmungen
Worum ein Autor des 21. Jahrhunderts einen in Vergessenheit geratenen Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts beneidet
Zahlreiche Starautoren gastieren Anfang April in Salzburg
Neuerlich erzählt Paulus Hochgatterer vielschichtig von Krimi-Verwicklungen in Furth am See
Wer eine Leiche verschwinden lässt, sollte bessere Nerven haben als Ing. Galba, der Leiter der Abwasserreinigungsanlage von Dornbirn
Kostenlose 24-Stunden-Tauschbörse unter freiem Himmel in Neubau - Privatprojekt gegen "Kommerzkäse" im öffentlichen Raum
Bild und Ton: Am 12. Februar feiert Gerhard Rühm seinen achtzigsten Geburtstag - Zwei Salzburger Veranstaltungen
Der Verlag will auch CDs, DVDs, Fernseh- und Kinofilme, Spiele und Merchandisingprodukte entwickeln
Über das Handschreibensterben und das Schwimmen gegen den Strom der digitalen Gezeitengewalt - Ein Nachruf von der Paperworld- Messe in Frankfurt - Ein Essay
Weltuntergänge und Neubeginne von unter anderem John Scalzi, Elizabeth Bear, Robert Sheckley und Dmitry Glukhovsky
Hut ab vor dem Schriftsteller Calabresi, dass er so differenziert sein kann und unglaublich, was sich in Italien abspielt, da kann ein verurteilter Killer ein Buch nach dem anderen publizieren. (Herr Adriano Sofri) Ich lobe für die Herren und Damen linke wie rechte Terroristen einen ordentlichen Tritt in den Hintern aus, gemäß § 5 - du sollst nicht töten und § 7 - du sollst nicht stehlen, für eventuelle politische Motive sind keine Ausnahmen vorgesehen.
unberechtigte vorwürfe? Herrschaften, denen ist damals tatsächlich einer aus dem fenster gefallen (siehe dario fo, tod eines anarchisten), und das zu einer zeit, wo sehr, sehr viele vernommene tollpatschigerweise die stiegen runter fielen, verhöre grün und blau geschlagen überlebten. ist natürlich keine entschuldigung für selbstjustiz, aber ein wenig historische genauigkeit, wenigstens der anschein von unparteilichkeit wäre doch nett, in einer qualitätszeitung.
Nichts gegen Calabresis Buch, aber einige Formulierungen von Frau Hager geben schon Anlass, zu bemerken, dass Bobotown-Standard sich entlang von Geschichtsrevisionen und "unkorrekten" Befindlichkeiten immer mehr nach rechts bewegt. Die beständige Kritik an FPÖ/BZÖ dient mehr und mehr als Feigenblatt dafür.
Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.