"Die Roma tun mir nicht leid"

13. Mai 2008, 11:02
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Die EU finanziert viele Roma-Projekte, die nur auf dem Papier existieren kritisiert Anina Botosová, Roma-Beauftragte der slowakischen Regierung

Die EU finanziert viele Roma-Projekte, die nur auf dem Papier existieren, kritisiert Anina Botosová, die Roma-Beauftragte der slowakischen Regierung, im Gespräch mit András Szigetvari

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Standard: Wie kommt es, dass Sie als Rom den Aufstieg geschafft haben und so viele andere Roma nicht?

Botosová: Sehr einfach: Ich bin nicht im Ghetto aufgewachsen. Meine Mutter war Krankenschwester, mein Vater Konzertmeister. In der Slowakei gilt, dass ein Rom immer weit mehr als ein Weißer beweisen muss, dass er gut ist. Für mich war das ein Vorteil, nach dem Motto: Was mich nicht umbringt, macht mich härter.

Standard: Die slowakische Regierung hat vor rund einem Monat ein neues Roma-Programm vorgestellt. Was sind die Schwerpunkte, wo muss die Regierung handeln?

Botosová: In den Bereichen Gesundheit, Wohnen, Beschäftigung. Aber vor allem in der Ausbildung, im Kampf gegen die Segregation. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus Jarovnice. Dort gibt es zwei Schulen: eine für Roma, die andere für Weiße. Die Roma-Schule besuchen inzwischen so viele Schüler, dass in drei Schichten - Vormittag, Nachmittag, Abend - unterrichtet wird. Die Schule der Weißen steht hingegen fast leer. Ich habe dem Bürgermeister von Jarovnice gesagt, er solle die Roma auch auf die andere Schule schicken. Wenn er das macht, hat er zu mir gesagt, schicken die Eltern der Weißen ihre Kinder lieber in ein anderes Dorf.

Standard: Das ist oft so in der Slowakei, dass Roma getrennt von den Weißen lernen und leben. Ist diese Segregation in den vergangenen Jahren zurückgegangen?

Botosová: Nein, sie hat sich verschlimmert. Wobei das strukturelle Ursachen hat. Die Sonderschulen sollten nur Kinder besuchen, die besondere Betreuung brauchen. Die Schulen werden vom Staat für die Anzahl der Schüler bezahlt, wobei es für jeden Sonderschüler mehr Geld gibt. Also stecken die Direktoren so viele Kinder wie möglich in Sonderklassen. Ein Problem gibt es auch bei den psychologischen Tests, mit denen beurteilt wird, wer in die Sonderklasse muss. Die Roma aus den Ghettos halten bei solchen Tests oft das erste Mal einen Kugelschreiber in der Hand, und können kaum Slowakisch. Wir fordern daher, dass in Zukunft regelmäßig überprüft wird, ob ein Kind in die Sonderschule gehört.

Standard: Die Slowakei bekommt von der EU Millionen zur Förderung der Roma. Warum tut sich eigentlich nichts?

Botosová: Ich will gar nicht an die Vergangenheit denken, das ist so eine Unordnung. Ich habe erst neulich ein Dorf besucht, wo rund eine Million Euro zur Ausbildung von Handwerkern ausbezahlt wurde. Dieses Programm hat aber nur an dem Tag der Geldauszahlung existiert. Dort wird niemand ausgebildet. Es gibt viele solcher Beispiele, wo jemand einen dicken Aktenordner mit all den Programmpapieren vorweisen kann, aber an Ort und Stelle nichts umgesetzt wird.

Standard: Das ist institutionalisierte Korruption. Warum kontrolliert die EU ihre Projekte nicht besser?

Botosová: Das frage ich mich auch.

Standard: Die Arbeit mit Roma scheint vor einem Grundproblem zu stehen: Die Lage ist in den Ghettos so schlimm, dass gar nichts hilft, solange sich nicht auf allen Ebenen etwas tut.

Botosová: Nach meinen Erfahrungen ist es nicht nur so, dass viele Slowaken nicht neben Roma leben wollen, sondern dass auch viele Roma nicht raus aus dem Ghetto wollen. In dieser Umgebung fühlen sie sich nicht minderwertig. Wir müssen also nicht nur die öffentliche Meinung der weißen Slowaken, sondern auch das Denken der Roma selbst ändern. Unsere Gesellschaft ist so aufgebaut, dass ein schweres Los hat, wer sich selbst als Roma bekennt. Aber mir tun die Roma nicht leid. Wenn sie einem leid tun, kann man ihnen nicht helfen. (DER STANDARD Printausgabe 13.5.2008)

Zur Person: Die Kunsthistorikern Anina Botosová arbeitete im Sozialministerium, ehe sie im Juni 2007 zur slowakischen Regierungsbeauftragten für Roma ernannt wurde. Sie erarbeitet Programme und koordiniert die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Ministerien. Ihrem Amt stehen 43 Millionen Slowakische Kronen (ca. 1,4 Millionen Euro) zur Verfügung.
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    Dass Schuldirektoren Roma häufig in Sonderschulen stecken, hat auch eine ökonomische Ursache: Für jedes Kind in der Sonderschule bekommt der Direktor mehr Geld

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