End of Tape

9. April 2008, 19:00
12 Postings

Ich hatte gar nicht gewusst, dass F. noch einen Festnetzanschluss hat

Es war vergangene Woche. Da hörte ich in F.s Stimme Enttäuschung mitschwingen. Schließlich dürfte ich nicht der erste gewesen sein, der den Gag nicht kapiert hatte. Aber dass auch ich ihn gar nicht verstanden hatte, dürfte F. eben getroffen haben.

Schließlich kenne ich F. schon ewig. F. ist nämlich so lange Fotograf, wie ich Journalist bin. Und wir wissen beide nicht mehr, wie viele und welche Geschichten wir gemeinsam gemacht haben. Nur dass es viele sein müssen, wissen wir. Und dass wir mittlerweile blind wissen, was und wie der andere tickt. Das ist wichtig. Denn auch wenn Knipser und Tippse gemeinsam arbeiten, heißt das nicht, dass sie immer im Duett auftreten. Nur dem Produkt darf man das halt nicht ansehen.

Handylos

Das ist auch heute nicht leicht – aber als F. und ich begannen, war das Handy längst nicht omnipräsent. Also kommunizierten wir über Anrufbeantworter: F. textete auf meinen, ich auf seinen. Und jeder von uns hatte ein heute antik anmutendes Plastikgerät im Handgepäck, um dem eigenen Anrufbeantworter Töne vorzuspielen. Auf dass er uns die letzten Meldungen verriete.

Das hatte – unter anderem – zur Folge, dass ich F.s Festnetznummer bei heute auswendig weiß. Oder besser: Meine Finger könnten sie immer noch blind wählen – obwohl das seit Jahren nicht mehr nötig ist. Aber F.s Handynummer habe ich mir nie gemerkt. Wozu auch?

Alte Ansage

Als ich dann letztens nach F. suchte, landete ich weder im Telefonnirvana noch auf F.s Mailbox, sondern hörte eine längst vergessen Ansage: "Fotostudio F. Nachrichten bitt nach dem Pfeifton." Und obwohl er jahrelang geschlafen hatte, war der pawlowsche Hund in mir nach dem Pfiff da: Ich grüßte mit einem uralten Spitznamen. Doch als mir das auffiel, war es zu spät: Eine dieser emotionsfreien frühen Automatenstimmen, die man heute fast aktiv suchen muss, sagte "End of Tape" – und ich flog aus der Leitung.

Zuerst dachte ich an eine Panne. Dann an einen Witz: F. hatte wohl in eine Anfall von Nostalgie seine Mailbox mit dem Analog-Anrufbeantwortertext geladen. Aber was sollte "End of Tape?". Beim dritten Mal wählte ich F.s Festnetznummer (ich hatte gar nicht gewusst, dass er die noch hatte): "Fotostudio F..." Piep. "End of Tape." Besetztzeichen.

Rückruf

Auf mein SMS meldete sich F. dann umgehend: Nein, alles sei in Ordnung. Nein, er habe keine Kommunikationsprobleme. Ja, die Umleitung sei Absicht – er habe es satt, 40 Mal am Tag seine Mobilbox anzurufen. Das koste Zeit. Und, nein, der Anrufbeantworter sei weder voll noch kaputt: "Ich fand, dass diese Ansage fast wie ein Kommentar zu Zeit und Technik klingt. Du nicht?"

F. war stolz auf seinen Gag. Und jetzt dementsprechend enttäuscht. Schließlich waren wir uns immer einig gewesen, dass es mit Kunst, Bonmots und Statements zur Zeit ähnlich ist wie mit Witzen: Wenn die Botschaft nicht ankommt, ist das selten nur Schuld des doofen Empfängers. Und obwohl ich wirklich glaube (und es F. mehrfach versicherte), dass das in diesem Fall doch so ist, war am nächsten Tag wieder seine Mobilbox eingeschaltet. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 13. Mai 2008)

Jeweils montags und donnerstags eine Stadtgeschichte Thomas Rottenberg
Share if you care.