Manchmal drückt die Sprache etwas aus, das es gar nicht gibt. In der Autobiografie des bekannten Fußballkommentators...
... Marcel Reif heißt es: "Da erkannte ich, was geschieht." Auch "es passierte, was passiert ist" geht sich in der Zeitenfolge nicht ganz aus, denn wie will passieren, was bereits passiert ist? Nicht viel anders verhält es sich beim Wort Charakterschwein. Was soll das sein? Ein Schwein mit Charakter? Jemand, der beim Charakter Schwein gehabt hat? Oder ein charakterloses Schwein? Wenn ich mich recht erinnere, heißt so etwas Oxymoron und zählt zu den Luxusproblemen unserer Existenz.
Auch das Wort Luxusproblem ist genau genommen ein Oxymoron. Wie kann ein Problem Luxus sein? Das geht nur umgekehrt. Einer aber, zumindest sagt man so, hat ein Luxusproblem. Josef Hickersberger nämlich, der sich bald für einen Tormann entscheiden muss. Alexander Manninger hat gegen Deutschland danebengegriffen, brilliert aber in der Serie A mit Siena. Helge Payer hat gegen Holland nicht immer glücklich ausgesehen, ist aber Meister geworden und kann auf eine kontinuierliche Spielpraxis verweisen. Oder Jürgen Macho, der zwar die meiste Sicherheit ausstrahlt, aber zu Gehirnerschütterungen neigt und in Griechenland Höhen und Tiefen erlebt. Alle drei sind hervorragende Torhüter, aber allen dreien traut man auch Fehler zu, wie sie österreichischen Torstehern immer wieder unterlaufen sind. Friedl Koncilia etwa hat einst gegen die selige DDR den Ball einmal zu oft aufspringen lassen, was zu einem Freistoß samt Tor führte. Pepi Schicklgruber ist gegen Parma mit dem Ball ins eigene Tor gehüpft, Franz Wohlfahrt war in Lettland (oder war es Weißrussland?) indisponiert. Und dann war der Sonnenstich von Kurt Schmied 1954 in Lausanne. Hickersberger hat dasselbe Problem wie Klinsmann vor zwei Jahren - es ist vielleicht der einzige Luxus, den er mit seiner Mannschaft hat.
So viel zur Sicherheit im Nationalteam. Gar kein Luxusproblem ist die Sicherheit der Fans, von der man in letzter Zeit kaum etwas hört. Immer wenn ein Thema totgeschwiegen wird, kann man sicher sein, dass es anderswo intensiv diskutiert wird. Denn dass keine Terrorgefahr mehr besteht und die EURO kein Angriffsziel mehr ist, nur weil niemand davon spricht, wird niemand glauben. Und absolute Sicherheit kann es nicht geben, nirgendwo. Natürlich darf man sich von dieser Angst nicht das große Fest verderben lassen (dafür wird der Regen da sein), aber es ist kein Luxus, an dieses Problem zu denken, damit nicht passiert, was schon passiert ist - und wem etwas. Charakterschweine gibt es schließlich überall. (Franzobel; DER STANDARD Printausgabe 13.05.2008)