"Auf Deutsch bin ich stärker"

12. Mai 2008, 18:54
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Gestik, Mimik, emotio­nale Bedeutung eines Wortes: Kommunikation ist mehr als nur reine Sprache, binationale und bikulturelle Paare kennen die Feinheiten, die den Unterschied machen

Selbst wenn Paare die gleiche Sprache sprechen, kommt es schnell zu Missverständnissen. Persönliche Geschichte und Erfahrung bestimmen, welche Gefühle mit bestimmten Begriffen verbunden werden. Auch das soziale und kulturelle Umfeld beeinflusst, wie Worte, Gesten und Mimik verstanden werden. Für binationale und bikulturelle Paare ergeben sich dadurch besondere Herausforderungen. Der Verein Fibel veranstaltete dazu mit der Psychotherapeutin Elisabeth Jupiter einen Workshop zum Themenschwerpunkt "Sprache und Kommunikation in bikulturellen Partnerschaften". Die Workshop-Teilnehmerinnen hatten unterschiedliche Geschichten aus ihren Beziehungen zu erzählen.

Der Ton macht die Musik

Probleme entstehen bei der Paar-Kommunikation oft durch Feinheiten: Ungenaue Ausdrücke, falsche Betonungen oder Gesten können zu Irrtümern führen. Die Lautstärke ist ebenfalls ein Faktor: Was in einigen Ländern als normal empfunden wird, gilt woanders schon als "schreien".

Bei binationalen Paaren kann gerade die non-verbale Kommunikation so unterschiedlich sein, dass das gesprochene Wort die einzige Möglichkeit zur präzisen Kommunikation darstellt, wie eine Workshop-Teilnehmerin anmerkt. Einige Paare sprechen zu Hause Französisch oder Englisch, was für beide nicht die Muttersprache ist. Daraus ergeben sich automatisch Probleme in der Alltagskommunikation: Die Teilnehmerinnen sind sich einig, dass man in der Muttersprache weiß, wie viel ein Wort "wiegt", was sich aber in einer Fremdsprache oft nicht so konkret abschätzen lässt.

Ein Begriff besitze immer auch einen konnotativen Gehalt, sagt Jupiter. Das bedeutet, dass neben der rein begrifflichen, denotativen Ebene mit einem Wort ein "Nebeninhalt" verbunden wird. Das Wort "Meer" verbinden wohlhabendere EU-BürgerInnen meist eher mit "Strand, Sommer, Sand, Urlaub", wie auch eine kleine Übung in der Workshop-Gruppe zeigt. Ein afrikanischer Flüchtling, der auf beschwerlichem Wege über das Meer nach Europa gelangt, wird jedoch negative Erinnerungen damit verbinden.

Neue Sprache, neues Leben

Eine Fremdsprache kann auch eine Chance bieten, traumatische Erlebnisse besser verarbeiten zu können, weiß Jupiter aus langjähriger Erfahrung als Psychotherapeutin. Einerseits steht der/die MigrantIn in einem neuen emotionalen und kulturellen Kontext. Andererseits kann er/sie sich manchmal durch die Fremdsprache von in einer anderen Sprache Erlebtem distanzieren. "Vieles ist einfacher, einiges ist aber auch schwieriger in der Muttersprache auszudrücken", sagt Jupiter. Jupiter bietet daher die Möglichkeit, in ihren Therapiesitzungen in den Sprachen Englisch, Italienisch, Französisch und Spanisch zu sprechen. "Gerade wenn es sehr emotional wird, fallen die PatientInnen in ihre Muttersprache zurück", berichtet Jupiter.

Eine Workshop-Teilnehmerin kennt aus eigener Erfahrung, wie eine neue Sprache Veränderungen mit sich bringt. Sie kam erst nach ihrem 30. Lebensjahr nach Österreich, Deutsch bezeichnet sie als ihre "Erwachsenensprache". "Ich bin stärker auf Deutsch und drücke Dinge anders aus", meint sie.

Teufelskreis fehlende Kommunikation

Viele Frauen die in einer binationalen/-kulturellen Partnerschaft leben, entwickeln häufig das Gefühl grenzenlos hilfsbereit und großzügig sein zu müssen. Oft steht das im Zusammenhang mit den schwierigen Lebensumständen nach der Einwanderung des Partners. Besonders das seit 1. Jänner 2006 in Kraft getretene Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz erschwert den Weg vom Asylwerber zum "Familienangehörigen".

Die Partnerinnen sehen es als ihre Pflicht, ihre eingewanderten Männer bei Behördenwegen zu unterstützen. So kann ein Teufelskreis entstehen: Die Frauen fühlen sich vielleicht bald ausgenutzt, und die Partner, die die Sprache des Landes noch nicht so gut beherrschen, können sich schnell entmündigt oder klein gehalten fühlen. Die Ungewissheit, ob der Partner überhaupt bleiben darf, übt einen weiteren hohen psychischen Druck aus. Ausreichende Kommunikation und Geduld sind in dieser Situation über den weiteren Verlauf der Beziehung entscheidend.

Die Fibel

Der "Verein Fibel – Fraueninitiative Bikulturelle Ehen und Lebensgemeinschaften" besteht seit Anfang der 90er Jahre und widmet sich durch Beratungen, Veranstaltungen, Workshops und Öffentlichkeitsarbeit binationalen und bikulturellen Partnerschaften. Der Verein möchte darauf aufmerksam machen, dass binationale und –kulturelle Partnerschaften längst keine "exotische" Randerscheinung mehr sind. Im Jahr 2006 war rund jede fünfte Ehe binational. Die materielle Basis wird von der Frauenabteilung der Stadt Wien (MA 57), der MA 17, dem Bundesministerium für Frauen, Medien und Öffentlicher Dienst und dem Bundesministerium für Gesundheit Familie und Jugend zur Verfügung gestellt. (jus, derStandard.at, 12. Mai 2008)

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