Die Hafenstadt Rijeka arbeitet an ihrer Atmosphäre. Sie war schon recht fleißig
Umgehend, gleich am ersten Abend, kam die Antwort auf die Frage, was sich hinter einer Reihe grauer Fassaden verbergen kann. Großartig ist der Blick vom Balkon im sechsten Stock des Hotel Bonavia: Über ziegelrote Dächer hinweg geht er zu den Prachtbauten der Reedereien am Hafen und zu langhalsigen Kränen. Am Horizont schimmern in zarten Blautönen die Silhouetten der Inseln Cres und Krk in der ruhigen, geschützten Kvarner-Bucht, rechter Hand umfasst von der östlichen Küste Istriens, den Lichterketten an der Opatija-Riviera am Fuße des steilen, immergrünen Ucka-Gebirges.
Als Verkehrsknotenpunkt liegt die geschäftige kroatische Hafenstadt Rijeka auf der Reiseroute in Richtung Süden: Unterwegs nach Istrien und Dalmatien und zu den Inseln in der Adria führt kein Weg an ihr vorbei. Und das ist gut so.
Atmosphärisches und Alltagsleben wird man der Stadt, die auf den ersten Blick nicht sonderlich attraktiv erscheint, entlocken können. Auf den Geschmack kommen Besucher bereits im Marktviertel südlich des Stadthafens. Beim Bummel dorthin entlang der Riva erfrischt die Meeresbrise, der Cappuccino in der Café-Bar Karolina wird vom Auslaufen der großen Fährschiffe begleitet - oder zumindest von einer Regatta der Modellbausegelschiffe.
Bei jeder Kochgelegenheit
Mediterran bunt ist das Angebot an Obst und Gemüse im Bauch der Stadt. Hochbetrieb herrscht in der Fischhalle, einer bemerkenswert gut erhaltenen Konstruktion aus dem Jahr 1912. Allein schon wegen der kleinen Kvarner Scampi erwacht der Wunsch nach einer eigenen Kochgelegenheit. Immerhin: Eine Adresse für vorzügliche Bewirtung mit fangfrischem Fisch liegt mit dem Restaurant Feral in einer Seitengasse gleich ums Eck.
Architektonisch vertraut erscheint in Sichtweite des Marktgeschehens das repräsentative Kroatische Nationaltheater Ivan Zajc. Bei seiner Eröffnung im Oktober 1885 galt die erstmals in der Stadt eingesetzte moderne Technik - elektrische Glühbirnen und Telefonapparate - als Sensation. Auch dieses Haus wurde nach einem Entwurf des Wiener Architekturbüros Fellner und Helmer, der Pioniere des maßgeschneiderten Theaterbaus in Europa, realisiert. Höhepunkt der prächtigen Innenausstattung sind wohl die dekorativen Deckenbilder der drei "jungen" Maler vom Atelier "Künstler Compagnie". Franz Matsch, Ernst und Gustav Klimt schufen hier erste eigenständige Arbeiten.
Ballett und Oper stehen ebenso auf dem Spielplan des Theaters wie kroatisches und italienisches Schauspiel. Künstlerische Höchstleistung möchte Nada Matosevic, Gründerin der Philharmonie und deren fulminante Dirigentin, heute bieten. Als Intendantin des Hauses und der "Sommernächte von Rijeka" von Juni bis Ende Juli will sie Rijeka zu einer kulturellen Top-destination machen.
Junge Brückenschläge
Auch moderne Architektur sorgte hier bereits für internationale Aufmerksamkeit: Die Gedächtnisbrücke aus dem Jahr 2001 etwa, über die man in den östliche Stadtteil Susak kommt. Flussaufwärts an der Rjecina steht als industrielles Denkmal die Papierfabrik Hartera. Sie überlebte zwei Weltkriege, aber nicht die Privatisierung. Eingezogen in die hohen Hallen ist die urbane Eventkultur, am 13. und 14. Juni 2008 in Form des "Hartera (Rock-und-Pop-)Festival Rijeka".
Parallel zur Riva verläuft der Korzo - Treffpunkt, Einkaufsstraße und lebhaftes Zentrum Rijekas. Aus der reizvollen Mischung der unterschiedlichsten Baustile ragt nicht ganz in der Mitte der Stadtturm - ein Geschichteerzähler par excellence: Durch das gotische, in ein spätbarockes Bauwerk integrierte Tor führt der Weg in die Altstadt. Darüber die Büsten der Kaiser Leopold I. und Karl VI., sie vergaben die für die Entwicklung relevanten Stadt- und Freihafenrechte. Groß war die Bedeutung, über einen eigenen Seehafen zu verfügen, dementsprechend wurde von der ungarischen Reichshälfte kräftig investiert und aufgebaut.
Auf dem Stadtturm sitzt auch ein doppelköpfiger Adler, das Stadtwappen Rijekas. Ungewöhnlich sympathisch an diesem Exemplar: Beide Köpfe schauen harmonisch in dieselbe Richtung - zur Adria. Der Panoramablick wird komplett, steigt man noch zum Muzejski trg hinauf: In unmittelbarer Nähe befinden sich gleich drei sehenswerte Museen inmitten einer großzügigen Parklandschaft.
Dann allerdings gibt es doch noch gute Gründe, die Stadt wieder zu verlassen und mit dem Bus Nummer 18 nach Kastav zu fahren: Da ist einmal der Charme eines mittelalterlichen Städtchens an sich, mit wunderbarem Panorama auf das Küstenland von 370 Metern Seehöhe. Über die Grenzen bekannt geworden ist das mit zwei Hauben ausgezeichnete Slow-Food-Restaurant "Kukuriku". Sieben Gänge in vier Stunden verlangen nach kurzen Wegen ins Bett - im Herbst plant Patron Nenad Kukurin die Eröffnung eines passenden Hotels. (Brigitte Breth/DER STANDARD/9./10./11.5.2008)