Preisschock als Chance

Redaktion, 02. Juni 2008 14:13

Die Nahrungsmittelkrise wurde von der Förderpolitik des Westens mitverursacht: Zeit zum Umdenken - Analyse

Die Alarmglocken schrillen. Steuert die Welt angesichts des massiven Bevölkerungswachstums und der hinterher hinkenden Nahrungsmittelproduktion in eine Hungerkatastrophe? Mit allen erdenklichen Folgen von Revolten bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen? Thomas Malthus könnte dann doch recht gehabt haben, als er vor über 200 Jahren den Untergang prophezeite, weil die Bevölkerung exponentiell wachse und die Agrarproduktion mit dem Tempo nicht Schritt halten könne.

Sind also Krankheiten und Morde – wie der britische Ökonom prophezeite – die logische Folge, um das Missverhältnis zu korrigieren? Derartige Theorien haben durch die Schocks am Getreidemarkt neue Nahrung erhalten, nachdem sie in den Jahrzehnten davor wegen der chronischen landwirtschaftlichen Überproduktion nahezu in Vergessenheit geraten waren. Tatsächlich sehen Experten im Bevölkerungswachstum einen der Hauptgründe für die aktuelle Krise, allerdings bei weitem nicht den einzigen. Und: Der steigende Bedarf kann – so die zweite gängige These – durch eine Ausdehnung der Produktion gedeckt werden.

Angebot und Nachfrage

Um Angebot und Nachfrage wieder ins Lot zu bringen, müssen freilich zahlreiche Voraussetzungen erfüllt werden. Eine Weichenstellung ist bereits erfolgt: "Der Hunger ist auf die politische Agenda zurückgekehrt", erklärt Joachim von Braun, Generaldirektor des International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington im Gespräch mit dem STANDARD.

Doch das Ursachen-Wirkungs-Geflecht ist angesichts der zahlreichen Einflussfaktoren komplex, die Ökonomen sind sich nicht einmal einig, ob die Preisexplosion von Angebots- oder Nachfrageseite verursacht wurde. Bei Letzterer spielt nicht nur das Bevölkerungswachstum, sondern der steigende Wohlstand in den aufstrebenden Schwellenländern eine große Rolle. Wenn in China tausende McDonald’s und Kentucky-Fried-Chicken-Läden aufsperren, die Bevölkerung von Reissuppe auf Burger und Grillhuhn umsteigt, die Großmacht auch noch die Milchflüsse ins Land lenkt, beeinflusst das die Nahrungsmittelkette massiv.

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gab kürzlich den Schwellenländern, wo plötzlich hunderte Millionen Menschen plötzlich eine zweite Mahlzeit am Tag einnehmen, Schuld an der Misere.

Trotz dieser Entwicklung erwartet beispielsweise die UN-Welternährungsorganisation FAO, dass sich die Nachfragekurve abflachen wird, von 2,2 Prozent Plus in den letzten 30 Jahren auf 1,5 Prozent in den nächsten 30 Jahren. Die Gründe: Der Anstieg der Bevölkerung entspannt sich weitgehend, die Chinesen ernähren sich bereits jetzt fast so kalorienreich wie die Menschen in den Industriestaaten. In Indien steigt der Konsum von Fleisch kaum, dessen zunehmender Verzehr wegen des hohen Futtermittelbedarfs einer der wichtigsten Preistreiber bei Getreide ist.

Missernten

Das Angebot wurde in jüngster Zeit vor allem durch Unwetter und Dürren verknappt, die zu Missernten führten. Zudem wird Getreide zunehmend verspritet oder vergärt, noch dazu mithilfe hoher Subventionen – allein die USA pumpen sieben Mrd. Dollar an Förderungen jährlich in die auch ökologisch umstrittene Energiegewinnung, die trotz Rekordpreisen an der Zapfsäule ohne staatliches Zubrot nicht rentabel ist.

Europa geht einen ähnlichen Weg, die EU bestreitet, dass dadurch die Lebensmittelpreise angeheizt werden. Anders sieht das IFPRI-Mann von Braun, laut dem "ein Viertel bis ein Drittel" der Teuerung auf die Kappe des Biosprits geht. Die zur Ethanol-Erzeugung verwendeten hundert Millionen Tonnen Getreide entsprächen ziemlich genau der Lücke am Weltmarkt. Landen jetzt schon fast 30 Prozent der US-Maisernte im Tank, könnten es – wenn es bei den bisherigen Plänen Washingtons bleibt – bis 2017 an die 100 Prozent sein. Da hagelt es auch Kritik von unverdächtiger Seite. Weltbank-Chef Robert Zoellick, bis vor seinem Wechsel langjähriges Mitglied der Bush-Administration: "Während sich viele in Europa und Amerika Sorgen machen, wie sie ihren Benzintank füllen, kämpfen andere im Rest der Welt darum, ihre Mägen zu füllen."

Die EU bleibt bei ihrer geplanten Anhebung der Biokraftstoffe von zwei auf zehn Prozent bis 2020. "Biokraftstoffe sind viel zu wertvoll, um als Sündenbock für die steigenden Nahrungsmittelpreise abgestempelt zu werden", wehrt sich EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel im Gespräch mit dem STANDARD.

Ähnlich sieht das die österreichische Regierung, die ihre Förderungen für die umstrittene Verstromung von Getreide gerade ausweitet. Und auch bei Biosprit sind die Pläne ehrgeizig, obwohl Klimaforscher wie Wilfried Winiwarter der Ansicht sind, dass die grünen Kraftstoffe wegen des hohen Lachgas-Aufkommens keinen Beitrag gegen die Erderwärmung liefern; ganz abgesehen von umweltschädigenden Effekten wie erhöhtem Wasser- und Düngemitteleinsatz. Doch zurück zum Nahrungsmittelangebot: FAO-Agrarexperte Abdulreza Abbahssian meint, dass die weltweite Anbaufläche auf 2,8 Mrd. Hektar Land verdoppelt werden könne, vor allem im Süden Afrikas und in Lateinamerika gebe es großes Potenzial. Wichtiger – nicht zuletzt wegen der Bedrohung ökologisch sensibler Gebiete durch die Landwirtschaft – sei allerdings die Steigerung des Ertrags, sagt er zum Standard. Allein durch die bessere Ausbildung der Bauern in den Entwicklungsländern ließe sich der Output auf gleicher Fläche verdoppeln, ist die FAO überzeugt.

Investitionen schrumpfen

In den letzten Jahren sind Investitionen in Landwirtschaft, Ausbildung und Forschung allerdings massiv geschrumpft anstatt zu steigen, kritisiert von Braun. Das hängt mit der Förderpolitik des Westens zusammen. Exporthilfen und die Abschottung der eigenen Märkte hätten einen "zermürbenden Effekt auf die Landwirtschaft der Dritten Welt", klagt der Agrarökonom.

Die Einkommen der Bauern in den Industriestaaten bestehen – wenngleich bei rückläufiger Tendenz – zu knapp 30 Prozent aus Subventionen, in Europa liegt der Wert sogar darüber. Ein Abbau der Handelsschranken und Beihilfen würde den Wohlstand der Entwicklungsländer laut Weltbank um 100 Milliarden Dollar erhöhen – jährlich. FAO-Mann Abbassian und IFPRI-Chef von Braun betrachten die hohen Lebensmittelpreise als "große Chance", die Förderungen zu kippen, weil die Bauern genug am Markt verdienen. Und der Aufbau der Landwirtschaft in der Dritten Welt die Versorgung erhöht und Armut lindert.

Vielleicht bewahrheitet sich eine spätere Theorie von Malthus: Jene, wonach Bildungsoffensiven und Besitz für die untersten Einkommensschichten den größten Wohlfahrtseffekt bringen. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11./12.5.2008)

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19 Postings
Deanna Troy
12.05.2008 09:11
die Äpfel

wachsen deswegen nicht langsamer oder schneller.

alles hausgemacht und unnötig.

ein hoher Ölpreis und eine Bankenkrise in Amerika waren ein höchstwillkommener Auslöser zur Preiserhöhung, und alle rennen wie Herdenvieh mit.

die Aktien haben sich nach ein paar Monaten alle wieder erholt, trotzdem beharren die grossen Konzerne auf Ihrer Preiserhöhung, auch wenn z.B. der Reis schon Monate vor der Krise eingelagert war.

José Atento
10.05.2008 00:26
Irrglaube

Können wir noch wählen zwischen hohen Rohölpreisen oder hohen Lebensmittelpreisen.

Nein, wir werden beides bekommen.

left
09.05.2008 21:35

Thomas Malthus lässt grüßen...

gigngogn
10.05.2008 10:14
Der arrogante Herr Malthus und sein Elitedenken wurde schon zu seinen Lebzeiten widerlegt

Chakotay
09.05.2008 20:19
Im Wettlauf gegen den Klimawandel ist noch viel zu tun um nicht zu verlieren

Solange die kapitalistischen Ambitionen nicht beseitigt werden, sehe ich keine gerechte Landwirtschaft für möglich.

Mit Lebensmitteln darf nicht im großen Maße spekuliert und gehandelt werden.
Die USA und EU haben die hohen Preise verursacht in dem sie ihre künstlich verbilligten Produkte Jahrzehnte in der ärmeren Welt verkauften, um so die eigenen Bauern zu sichern.

Nutzpflanzen dürfen in zeiten des Hungers nicht als Treibstoff verwendet werden, weil der Ölpreis zu hoch ist.

Der Fleischkonsum in den "aufsteigenden" Nationen darf nicht übermäßig zunehmen. Die Leute müssen mehr informiert und über die Probleme aufgeklärt werden. Nicht wie die "Fleisch bringts" Werbekampagne in Österreich.

José Atento
10.05.2008 00:33
Keinesfalls einverstanden!

Der Mensch ist wie er ist. Seit Mio. Jahren.
Der Markt regelt Angebot und Nachfrage. Das ganze Leben ist eine Spekulation. Sie nehmen jeden Abend an, dass sie morgen nochmals wach werden und trotzdem werden sie einmal falsch liegen.

Wie sollen Regierungsbehörden den Weltmarkt exakt kennen? Die würden immer nur ein Chaos verursachen, das mit noch größeren Verknappungen enden würde. Der Kommunismus war das lebende Beispiel dieses Antimarktes. Gerade dort hatte es extremen Mangel gegeben.

MundMs
10.05.2008 22:22
Der Markt regelt Angebot und Nachfrage

wirklich???

ohne entsprechende Kennzeichnung weiß der Konsument ja nichteinmal welche Nachfrage sein Kauf erhöht, also kann sich der Markt garnicht den Bedürfnissen der Konsumenten anpassen.
Stattdessen wird die Nachfrage von den Produzenten vorgegeben, die ebenfalls die Verantwortung von sich schieben (der Konsument entscheidet ja).

Solange aber der Konsument nicht wissen kann, wofür er sich entscheidet, gibt es keine Regulation, die einzig und allein auf die Entscheidung des Konsumenten aufgebaut ist.

Es geht also nicht um eine Planwirtschaftliche Umwelzung, sondern um eine gesetzlich verankerte, detailierte Kennzeichnung von Lebensmitteln, ohne der ein Produkt nicht angeboten werden darf.

José Atento
10.05.2008 23:53
Nachfrage wird vom Produzenten vorgegeben???

Der Produzent produziert bekanntlich nur das erfolgreich, was verlangt/nachgefragt wird. Dass Nachfrage auch "angeregt" wird, ist auch möglich.

Der Konsument entscheidet dann nach dem Preis. Steigt der Preis wird er versuchen sein Verhalten anzupassen und weniger zu kaufen. Sinkt der Preis, wird er eventuell sogar mehr konsumieren.

Natürlich funktioniert diese Prinzip nicht immer perfekt. Es gibt auch inelastische Märkte, wie bei Dingen, die unbedingt benötigt werden. Da kann der Konsument nicht einfach weniger kaufen. Das ist dann ein langwieriger Prozess der Anpassung.

"Marktversagen" hängt eher mit dem Versagen der Menschen zusammen, die versuchen den Markt zu manipulieren/regulieren.

hlg
09.05.2008 21:41
der wettlauf gegen den klimawandel...

ist es der ölpreis und lebensmittelpreis nach oben treibt.

das ist so wie beim hasen im wettlauf mit den zwei igeln.

nicht laufen ist die bessere lösung, schon gar nicht wenns nichts zu gewinnen gibt.

der klimawandel, wenn es ihn gibt, hat nichts mit co2 zu tun...

bis wir das begriffen haben, werden hungernde massen von falschen propheten in kriege getrieben, die die angebliche überbevölkerungsproblematik lösen werden...

Chakotay
09.05.2008 22:51
tss

Sie schieben die Schuld auf OPEC, damit sie ihr Luxuriöses Leben mit reinem gewissen weiterführen können. Wollen sie nicht wahrhaben das Chickenbörger auf kosten der Entwicklungsländer so billig ist?
Im dem sie auch den sich anzeichnenden dramatischen Klimawandel, woran die Industrienationen Schuld tragen, abweisen, bewirken sie rein gar nichts.

hlg
10.05.2008 08:32
scheiss zensur! (2. versuch)

rinder, schafe fressen normal gras.

daß profitgier der industriellen fleischerzeugung dazu führt, die grasfresser mit menschennahrung hochzupäppeln, ist der beginn der spirale...

fleisch wurde ZUSÄTZLICH zu getreide produziert, früher, vor gentechnik und kraftfutter.

dadurch werden alle bauern zu modernen leibeigenen der gen- und pharmaindustrie. dank globalisierung weltweit... das schweinefleisch aus der eu wird in hochlohnländern subventioniert aufgekauft und in arbeitsintensiven agrarländern auf den markt geworfen. der bauer kann nicht nahrung produzieren, wie vorher, er muss in eine turnschuhfabrik, die ihrerseits für hochlohnländer produziert oder seinen betrieb industrialisieren und wird so ein weiteres zahnrad des getriebes...

poldus feschusulus
10.05.2008 12:31
falscher Ansatz

solange der Konsument den Muell frisst ist "alles wurscht" bzw. umgekehrt

hlg
10.05.2008 15:11
nein, der konsument im entwicklungsland

hat keine wahl...

das ist der falsche ansatz.

poldus feschusulus
10.05.2008 15:13
aber der

bei uns, heut ist in "Meinung" ein Artikel des Slow food gruenders, find ich sehr treffend

hlg
10.05.2008 15:19
das stimmt...

hlg
09.05.2008 23:27
den klimawandel bestreite ich nicht...

nur den co2 zusammenhang.

unser luxuriöses leben wird schnell zu ende gehen, wenn wir so weiter machen. aber nicht durch temperaturänderungen sondern durch kriege um nahrung und energie.

rinder, schafe und lämmer fressen am liebsten gras, wenn man sie läßt. daß industrielle viehzucht menschennahrung verfüttert um die profite zu steigern, zeigt wie pervers unsere kapitalistischen allüren sind.

der klimawandel ist nur ein weiteres mittel scheinbare verbesserungsmaßnahmen in bare münze zu wandeln, koste es was es wolle und seien es auch menschenleben...

Hintermayer
09.05.2008 19:21
Solange Bauernbund und Raiffeisen

mehr zu sagen haben als das Parlament, sehe ich keine Chance für Änderungen.

Joesi
10.05.2008 15:34

Sie können von Landwirtschaft nicht sehr viel Ahnung haben, denn was Raiffeisen und Bauernbund im kleinen Land Österreich zu sagen haben, dass interessiert in der globalen Agrarpolitik nun wirklich überhaupt niemanden. Leider ist das nicht nur bei Ihnen der Fall, wie die positiven Reaktionen auf Ihr Posting zeigen.

flotter denker
10.05.2008 16:15
Sie haben schon recht

Nur gibts halt international auch ueberall Organisationen, die im Wesentlichen die gleiche Interessenslage vertreten. Und alle zusammen schaffen es, den Subventionswahnsinn aufrecht zu erhalten.

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