Die Nahrungsmittelkrise wurde von der Förderpolitik des Westens mitverursacht: Zeit zum Umdenken - Analyse
Die Alarmglocken schrillen. Steuert die Welt angesichts des massiven Bevölkerungswachstums und der hinterher hinkenden Nahrungsmittelproduktion in eine Hungerkatastrophe? Mit allen erdenklichen Folgen von Revolten bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen? Thomas Malthus könnte dann doch recht gehabt haben, als er vor über 200 Jahren den Untergang prophezeite, weil die Bevölkerung exponentiell wachse und die Agrarproduktion mit dem Tempo nicht Schritt halten könne.
Sind also Krankheiten und Morde – wie der britische Ökonom prophezeite – die logische Folge, um das Missverhältnis zu korrigieren? Derartige Theorien haben durch die Schocks am Getreidemarkt neue Nahrung erhalten, nachdem sie in den Jahrzehnten davor wegen der chronischen landwirtschaftlichen Überproduktion nahezu in Vergessenheit geraten waren. Tatsächlich sehen Experten im Bevölkerungswachstum einen der Hauptgründe für die aktuelle Krise, allerdings bei weitem nicht den einzigen. Und: Der steigende Bedarf kann – so die zweite gängige These – durch eine Ausdehnung der Produktion gedeckt werden.
Angebot und Nachfrage
Um Angebot und Nachfrage wieder ins Lot zu bringen, müssen freilich zahlreiche Voraussetzungen erfüllt werden. Eine Weichenstellung ist bereits erfolgt: "Der Hunger ist auf die politische Agenda zurückgekehrt", erklärt Joachim von Braun, Generaldirektor des International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington im Gespräch mit dem STANDARD.
Doch das Ursachen-Wirkungs-Geflecht ist angesichts der zahlreichen Einflussfaktoren komplex, die Ökonomen sind sich nicht einmal einig, ob die Preisexplosion von Angebots- oder Nachfrageseite verursacht wurde. Bei Letzterer spielt nicht nur das Bevölkerungswachstum, sondern der steigende Wohlstand in den aufstrebenden Schwellenländern eine große Rolle. Wenn in China tausende McDonald’s und Kentucky-Fried-Chicken-Läden aufsperren, die Bevölkerung von Reissuppe auf Burger und Grillhuhn umsteigt, die Großmacht auch noch die Milchflüsse ins Land lenkt, beeinflusst das die Nahrungsmittelkette massiv.
Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gab kürzlich den Schwellenländern, wo plötzlich hunderte Millionen Menschen plötzlich eine zweite Mahlzeit am Tag einnehmen, Schuld an der Misere.
Trotz dieser Entwicklung erwartet beispielsweise die UN-Welternährungsorganisation FAO, dass sich die Nachfragekurve abflachen wird, von 2,2 Prozent Plus in den letzten 30 Jahren auf 1,5 Prozent in den nächsten 30 Jahren. Die Gründe: Der Anstieg der Bevölkerung entspannt sich weitgehend, die Chinesen ernähren sich bereits jetzt fast so kalorienreich wie die Menschen in den Industriestaaten. In Indien steigt der Konsum von Fleisch kaum, dessen zunehmender Verzehr wegen des hohen Futtermittelbedarfs einer der wichtigsten Preistreiber bei Getreide ist.
Missernten
Das Angebot wurde in jüngster Zeit vor allem durch Unwetter und Dürren verknappt, die zu Missernten führten. Zudem wird Getreide zunehmend verspritet oder vergärt, noch dazu mithilfe hoher Subventionen – allein die USA pumpen sieben Mrd. Dollar an Förderungen jährlich in die auch ökologisch umstrittene Energiegewinnung, die trotz Rekordpreisen an der Zapfsäule ohne staatliches Zubrot nicht rentabel ist.
Europa geht einen ähnlichen Weg, die EU bestreitet, dass dadurch die Lebensmittelpreise angeheizt werden. Anders sieht das IFPRI-Mann von Braun, laut dem "ein Viertel bis ein Drittel" der Teuerung auf die Kappe des Biosprits geht. Die zur Ethanol-Erzeugung verwendeten hundert Millionen Tonnen Getreide entsprächen ziemlich genau der Lücke am Weltmarkt. Landen jetzt schon fast 30 Prozent der US-Maisernte im Tank, könnten es – wenn es bei den bisherigen Plänen Washingtons bleibt – bis 2017 an die 100 Prozent sein. Da hagelt es auch Kritik von unverdächtiger Seite. Weltbank-Chef Robert Zoellick, bis vor seinem Wechsel langjähriges Mitglied der Bush-Administration: "Während sich viele in Europa und Amerika Sorgen machen, wie sie ihren Benzintank füllen, kämpfen andere im Rest der Welt darum, ihre Mägen zu füllen."
Die EU bleibt bei ihrer geplanten Anhebung der Biokraftstoffe von zwei auf zehn Prozent bis 2020. "Biokraftstoffe sind viel zu wertvoll, um als Sündenbock für die steigenden Nahrungsmittelpreise abgestempelt zu werden", wehrt sich EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel im Gespräch mit dem STANDARD.
Ähnlich sieht das die österreichische Regierung, die ihre Förderungen für die umstrittene Verstromung von Getreide gerade ausweitet. Und auch bei Biosprit sind die Pläne ehrgeizig, obwohl Klimaforscher wie Wilfried Winiwarter der Ansicht sind, dass die grünen Kraftstoffe wegen des hohen Lachgas-Aufkommens keinen Beitrag gegen die Erderwärmung liefern; ganz abgesehen von umweltschädigenden Effekten wie erhöhtem Wasser- und Düngemitteleinsatz.
Doch zurück zum Nahrungsmittelangebot: FAO-Agrarexperte Abdulreza Abbahssian meint, dass die weltweite Anbaufläche auf 2,8 Mrd. Hektar Land verdoppelt werden könne, vor allem im Süden Afrikas und in Lateinamerika gebe es großes Potenzial. Wichtiger – nicht zuletzt wegen der Bedrohung ökologisch sensibler Gebiete durch die Landwirtschaft – sei allerdings die Steigerung des Ertrags, sagt er zum Standard. Allein durch die bessere Ausbildung der Bauern in den Entwicklungsländern ließe sich der Output auf gleicher Fläche verdoppeln, ist die FAO überzeugt.
Investitionen schrumpfen
In den letzten Jahren sind Investitionen in Landwirtschaft, Ausbildung und Forschung allerdings massiv geschrumpft anstatt zu steigen, kritisiert von Braun. Das hängt mit der Förderpolitik des Westens zusammen. Exporthilfen und die Abschottung der eigenen Märkte hätten einen "zermürbenden Effekt auf die Landwirtschaft der Dritten Welt", klagt der Agrarökonom.
Die Einkommen der Bauern in den Industriestaaten bestehen – wenngleich bei rückläufiger Tendenz – zu knapp 30 Prozent aus Subventionen, in Europa liegt der Wert sogar darüber. Ein Abbau der Handelsschranken und Beihilfen würde den Wohlstand der Entwicklungsländer laut Weltbank um 100 Milliarden Dollar erhöhen – jährlich. FAO-Mann Abbassian und IFPRI-Chef von Braun betrachten die hohen Lebensmittelpreise als "große Chance", die Förderungen zu kippen, weil die Bauern genug am Markt verdienen. Und der Aufbau der Landwirtschaft in der Dritten Welt die Versorgung erhöht und Armut lindert.
Vielleicht bewahrheitet sich eine spätere Theorie von Malthus: Jene, wonach Bildungsoffensiven und Besitz für die untersten Einkommensschichten den größten Wohlfahrtseffekt bringen. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11./12.5.2008)