Design für das Unvollendete

13. Mai 2008, 12:38
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Nokia Designer Rhys Newman: "Handys sollten so gemacht sein, dass sie lange halten und nicht alle 18 Monate ersetzt werden"

Rhys Newman hat eine Idee, die seinem Arbeitgeber wenig Freude bereiten wird. „Handys sollten so gemacht sein, dass sie lange halten und nicht alle 18 Monate ersetzt werden“, sagt der Waliser, der in Los Angeles für Nokia Handys entwirft. „Für Nokia ist das eine provokante Frage: Kann man ein Produkt mit fünf- bis zehnjähriger Lebensdauer auf den Markt bringen?“ Newman ist für das Projekt „Homegrown“ verantwortlich, das den Konzern umweltbewusst machen soll.

„Commodity“

„Schauen Sie auf Ihre Uhr“, sagt der Designer nach einem Blick auf die Rolex am Handgelenk seines Gesprächspartners, „die hat viel gekostet, aber es ist eine Investition fürs Leben und auch noch für Ihre Kinder.“ Auf einem Markt, der Handys zur „Commodity“, einem Verschleißgegenstand gemacht hat, sieht Newman neue Chancen. „Ein Handykauf sollte mehr eine Investition wie ein Laptop werden, bei der man anschließend an Software und Services verdient, und nicht an ständig neuen Handys.“

16 Handys werden von Nokia weltweit pro Sekunde gefertigt, 900 Millionen im heurigen Jahr. In den USA werden täglich bereits 426.000 Mobiltelefone entsorgt. „Jede kleine Entscheidung, die wir beim Design treffen, hat große Auswirkungen“, sagt Newman. Nicht nur bei den Geräten selbst, zieht er den Prototyp eines Ladegeräts aus seiner schwarzen Vorführbox: „Es dauert eine Stunde, ein Handy zu laden, aber die meisten Menschen machen das in der Nacht. Also hängt der Charger sinnlos am Netz und verbraucht Strom“ – von sechs Kraftwerken, auf alle Ladegeräte der Welt hochgeschätzt. Der „zero waste charger“ soll das Problem lösen.

Klimawandel und Ressourcenknappheit

Klimawandel und Ressourcenknappheit sind nur die jüngsten Anforderungen, denen sich Design stellen muss, erklärt Newman einer Runde internationaler Journalisten im Nokia Design Center in London. Es ist das erste Mal, dass Nokia eines seiner beiden Hauptzentren für die Produktentwicklung den kritischen Blicken der Medien öffnet, „vielleicht auch das letzte Mal“, scherzt Alastair Curtis, Nokias Chefdesigner, der das Londoner Studio mit über 300 Mitarbeitern aus 34 Ländern leitet. Das andere große Designzentrum ist am Firmensitz in Espoo bei Helsinki, weitere Standorte gibt es unter anderem in Los Angeles und Tokio.

Die „digitale Welt“ sei für Designer die größte Herausforderung, sagte Curtis. „Wir bewegen uns vom Design von Objekten zum Design von ganzen Systemen. Wir müssen nicht mehr nur das Produkt entwerfen, sondern beobachten, wie Menschen damit umgehen und in ihr Leben integrieren“ – und das weltweit, denn Handys werden längst mehr nicht nur in entwickelten Märkten verkauft, sondern auch in den Shantitowns von Mumbai, Rio de Janeiro oder Accra.

Wetterhandy

„Das Handy verändert das Leben von Menschen auf alltägliche Art. In Indien konnten wir beobachten, welche Bedeutung lokaler Wetterinformation zukommt, weil davon selbst so Dinge wie Wäschewaschen abhängen“, erklärt Curtis. Das Ergebnis der Beobachtung war ein „Wetterhandy“, kein physisches Objekt, sondern ein SMS-Dienst.

„Eine riesiger Teil der Weltbevölkerung macht ihre ersten Erfahrungen mit dem Internet durch Handys“, sagt Curtis, „das wird das Internet nachhaltig verändern“ – und die Geräte, die den Zugang dazu ermöglichen._Waren Handys vor wenigen Jahren fast nur zum Telefonieren da, erweitern sich ihre vielfältigen Funktionen noch während der Lebenszeit eines Handys durch neue Services. „Die digitale Welt ist viel schneller als die des physischen Designs. Wir dürfen daher keine fixfertigen Lösungen kreieren, sondern eine offene Plattform. Wir designen etwas, das nicht fertig ist“, sagt Curtis. Etwas, das erst im Gebrauch durch seine Benutzer seine Gestalt erhält.

Diese Gestalt ist unterschiedlich rund um den Globus, sowohl die Geschmäcker als auch die Bedürfnisse betreffend. „Entdeckende Designforschung“ nennen der Anthropologe Jan Chipchase und die Industriedesignerin Younghee Jung ihre Methode, mit der sie in Teams rund um den Globus ausschwärmen, um Verhalten und Bedürfnisse von Menschen zu beobachten: „Wir sammeln Information im Feld, um den Designprozess zu beeinflussen.“ Ein Beispiel, wie diese Beobachtungen in Produkte einfließen, zog Newman aus seiner Box: Ein Handy für 800 Millionen Menschen, die laut UNO nicht lesen und schreiben können.

„Schön zum Verwenden“

Über all dem steht aber weiterhin, was Design antreibt: „Schön zum Verwenden“, sagt Curtis, „das ist in all unseren Produkten eingebettet. Wenn Konsumenten unsere Produkte nicht als schön und leicht benutzbar sehen, dann haben wir versagt.“ ( Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 10. Mai 2008)

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