granitene seen – Dine Petrik

9. Mai 2008, 18:39
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du nichts! wortlos wertloses nichts. die mutter, wortwörtlich, fortrennen, nicht flennen, gehen bleiben gehen, wohin gehen, hart werden, härten, und GEHEN

aber ich, grünblau um die nase, gefleckt vom gehetzten zufassen, los lassen, zupacken, mit klammen fingern, saukalt, oktober, am schrä- gen himmel steht frost, hoch über mir schwärme, ein schwarm hoher wünsche, gen süden hin fliehen? mit den vögeln, den winden, aus eisigen landschaften? ich? landflüchtig? mit den winden, ich, mit zwei händen, gefrorenen fingern – zehn kinderfinger im lehm fassen rüben, ruckzuck hüben drüben eiskalte rüben, gekrümmt, mit gekrümmtem rücken, gehen, fliehen? ruckzuck rucksack zu, und verschwinden mit sieben rüben nach drüben, zum hügel hügeln, entgehen den zwei händen, den mutterhänden, zehn fingern, den hügelwänden entgehen? wohin gehen mit – wie alt? um den hügel? du nichts! wortlos wertloses nichts, null und nichts bist du, kannst du – nicht eine zahl die sich bannen ließe ins blatt, null und nichts auf dem blatt; wie die mathe sich abstaubt. sich ab aus dem blatt staubt, fort weg, wie ein nichts ist und fehlt, wurzel ziehen? bald ist zahltag, wie was schularbeiten, mähen gehen! die mutter, wortwörtlich, fortrennen, nicht flennen, gehen bleiben gehen, wohin gehen, hart werden, härten, und GEHEN!

aber ich, eine andere, ich? stecke fest, keine zehn, haupt und neben sächlich, ich stecke fest, gehe vor vor zurück, hör nicht auf die wie klappernden knie, lass den blick halb auf halb gegen osten süd osten versüden, bevor ich wer weiß was kopf über unter gehe in mutters flaublauem wortsee, dem diesig blauen, blau steht dir, die mutter, du kaust keuchst, du kotzt alles blau, eingebläut hast du nichts, innen nichts, außen mehr, aber geh, das vergeht, geh mach, geht vorüber, kopf über kopf unter, zu geht’s, noch geschwinder, fängst an zu gehen und du gehst nicht, verstehst nichts, in sieben hügeln hängt wein zwischen stelen und stöcken, geschultert den stiel, der dich stützende schützende stich schaufelstiel geht dir weit übers kinn, geh, der steht dir, die mutter, dein neues spielzeug, ein kinderspiel kinderstiel, sagt die mutter, ein kinderspiel, nur hinein stechen, um stechen, zu, stich um stich schwerer lehm, aber geh, schwielen? was blasen? geh, hände blut, frischer mut, du, bis d’ heirat’st is’s gut! spielst mit sense und pflug, sagt die mutter, macht mut, die mutter, geh, lehm auf lehm, mutterstiel, halb verstaut von vor kraft, bäumt sich auf, WIE? WAS? du wirst gehen aus der haftwand, der krafthand, dem lehm und stein land, geh lautlos geh weinen wo hart werden, härten, mach blau, zieh dein lehmblaues kleid an, dein sonntagskleid an und dann geh, muss wo leben sein, überleben wo irgendwo liegt das kleid, liegt es auf fiedelgeigen, zudeckt es die klarinetten, die wie du warten, warten auf, wer drauf spielt, es dich lehrt, sing dich ein, sing: der kommt heim, Vater kommt zu dir heim, hüpf hinein in das kleid, nein, erst wasch es, erst wasch dich, erst zuerst wasser, zum brunnen, zwei und dreißig meter tief blaues wasser, der kübel voll, triefend voll, wie wenn wasser auf wasser sich – schwer wie lehm, geht, es geht, herzt dein kreuz, stehst auf zehenspitzen, gib acht! bist fast zehn, alt genug, ums herum kriegen gehts, hoch überdrehn, deißig mal das rad über kopf hoch, ein kopfüber kopfunter gehendrehn! geh mach, mach mach tu, dies und das und das vieh am verdursten, noch fünf sechs kübel, macht stark, bist schön stark verwachsen mit den granitenen seen, mutters blick kann schön toben, zerloben, zerstechen, brechen, wenn DU, aber ich –

zur steinfeldgasse hinaus gehts ins steinfeld, zum acker, den stein feldacker umackern, geh, wie? steine im schuh, steine steine, den pflug aus der schar werfen steine, der pflug und die kühe und ihre gekrümmten rücken, gebäumt, aufgebäumt deine hiebe, triefrot deine wut deine fortwut, und wie du schlägst, striemen auf ihre rücken, du rackerst nicht minder, sonst kannst du nichts, weißt du nicht, dass du’s lebenslang nicht vergisst, unvergessen die schläge, die striemen, striemen die in dir striemen, in deinem kopf, zu füßen steine, gehen, du musst gehen, du wirst hier versteinern, heraus aus der furche, den steinen, sie wachsen heraus, du wächst viel zu schnell, hast zu große füße, zu kleine schuh, NEIN, die mutter, genug platz für die zehen! jeder schritt ein verwunden, tu weiter du, aber ich –

einen gibts, der dich rettet, er kommt, krieg ist aus, warten, abwarten, er kommt, du wirst sehen, wirst dem fremden entgegen gehen fallen fliegen, nicht weinen, nur er – wird er staunen, DU, meine kleine? so groß? knapp zwei warst du als ich – wird er dich aufheben, wirst du ihn festhalten, wird ihm sein steingrauer hut, sein soldatenhut ihm vom kopf fallen – heißt vermisst gefallen, mutter? iss fertig! du hasst sterz, sterz! ihr rutscht gern die hand aus, weil du, aber ich –

dreschzeit ist und september, du hast geburtstag, hast garben zu schleppen, schleppst gerste, roggen an, zu, heran, schwere garben, du schleppst, wirfst ab, gehst, kommst wieder, kommst schleppend wieder, die linke, die rechte, zehn finger kinderfinger in gersten garben, die beine im feuer, es brennt, steckst fest in garben, in ähren, wie feuerstiche, zerstochene beine, blut rinnt, schneller schneller! die dreschmaschine keucht kaut, kotzt stroh, will haben, was ist, komm geh! wie wenn feuer auf feuer sich, nein, nicht heulen, heul ja nicht! die dreschmaschine heult lauter, dich nieder: geh tu! du hängst in der ecke, japst luft, ein dreckiges bündel nichts, du schläfst nicht, aufgaben und nicht gemacht, schularbeiten, die mutter liegt im spital, weil DU –

bist allein mit dem vieh, nachts allein mit der angst, versorgst hof stall feld und dich selber, allein mit den hexen, umschleichen das haus, überspannt! bist bäuerin bauer bist knecht und magd und hast angst? beinah zehn! und bei vollmond hexen, schlaf ja nicht ein! fest das kreuz in die hand, aber ich, schon taghell, wie zerdroschen zerschlagen, im stall das vieh am verhungern verdursten, schnell klee rüben stroh schneiden, füttern ausmisten melken und wie am spieß schreien die säue, schnell hund und katz, neunzehn hühner und du, im herd kein feuer, heiz ein, erst hack holz, papier und reisig, es brennt, nein, kein wasser, schöpf wasser, den linde aufwallen lassen, zweimal und setzen, milch, drei löffel zucker, die jagd zur schule, der bus! im bauch geglugger, der linde, fünf sechs stunden ziehen, heim zu dir muss er ziehen –

aber ICH? ich bin alles, aus sieben hügeln: zigeunerisch, ungarisch, bin kroatisch, bin hunnisch, ich, das macht schön, macht schön stark, alles ich, lust und frust, hau’s ins tastenbrett, balle sätze: gefahr droht? ich mich ändern? du geh, ich geh nicht verloren an krummen stilen, dem ICH, das lange an steinen gelegen hat, wuchsen äste zum kampf bei dem bleiben, gehen, mach die tür auf, lehmblau, wie der sommer geneigt steht auf nichts zu warten, betäubt vom duft alter hügel voll grüner zeiger, den ruß gewesen stoß ich durch die kiemen – genug gefinkelt mit ton und fuge, am tisch zehn finger mit mir hoch im einklang – bis zu den wurzeln herz lieder singe ich, lass’ web kugeln rolln zwischen monden und mond und die sonne die funken rasend die sinne bannt, lacht sich aus, rollt mir den buckel herab und versinkt in eine beglückende ohnmacht – (Dine Petrik, ALBUM/DER STANDARD, 10/11.05.2008)

Zur Person:
Dine Petrik, geboren 1942 im mittleren Burgenland, Tochter eines Musikers, um diesen 1945 betrogen. Erwachsen geworden in Wien (lebt dort seit 1960). Abendschulungen, u.a. Handelsschule, Wiener Kunstschule. Diverse Jobs, vom Bürolehrling bis zur Sekretärin. Zwei Kinder großgezogen. Freie Autorin seit Ende der Achtzigerjahre. Mehrere Preise und Stipendien. Unveröffentlicht in verschiedenen Verlagen: Essays, Gedichte, Reiseliteratur. Zuletzt erschien von ihr: "Bibliotheca Alexandrina, Unterwegs auf Weltwunderboden" (Sonderzahl Verlag), "Ausgewählte Gedichte" (Podium Porträt, Band 32) sowie eine biografische Arbeit über die Lyrikerin Hertha Kräftner in der Anthologie "Alles ist in mir" (Edition Art & Science).
  • Dine Petrik: "du geh, ich geh nicht verloren an krummen stilen, dem ICH, das lange an steinen gelegen hat, wuchsen äste zum kampf bei dem bleiben, gehen, mach die tür auf, lehmblau, wie der sommer geneigt steht auf nichts zu warten, betäubt vom duft alter hügel voller grüner zeiger."
    foto: heribert corn

    Dine Petrik: "du geh, ich geh nicht verloren an krummen stilen, dem ICH, das lange an steinen gelegen hat, wuchsen äste zum kampf bei dem bleiben, gehen, mach die tür auf, lehmblau, wie der sommer geneigt steht auf nichts zu warten, betäubt vom duft alter hügel voller grüner zeiger."

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