
Dine Petrik: "du geh, ich geh nicht verloren an krummen stilen, dem ICH, das lange an steinen gelegen hat, wuchsen äste zum kampf bei dem bleiben, gehen, mach die tür auf, lehmblau, wie der sommer geneigt steht auf nichts zu warten, betäubt vom duft alter hügel voller grüner zeiger."
aber ich, eine andere, ich? stecke fest, keine zehn, haupt und neben sächlich, ich stecke fest, gehe vor vor zurück, hör nicht auf die wie klappernden knie, lass den blick halb auf halb gegen osten süd osten versüden, bevor ich wer weiß was kopf über unter gehe in mutters flaublauem wortsee, dem diesig blauen, blau steht dir, die mutter, du kaust keuchst, du kotzt alles blau, eingebläut hast du nichts, innen nichts, außen mehr, aber geh, das vergeht, geh mach, geht vorüber, kopf über kopf unter, zu geht’s, noch geschwinder, fängst an zu gehen und du gehst nicht, verstehst nichts, in sieben hügeln hängt wein zwischen stelen und stöcken, geschultert den stiel, der dich stützende schützende stich schaufelstiel geht dir weit übers kinn, geh, der steht dir, die mutter, dein neues spielzeug, ein kinderspiel kinderstiel, sagt die mutter, ein kinderspiel, nur hinein stechen, um stechen, zu, stich um stich schwerer lehm, aber geh, schwielen? was blasen? geh, hände blut, frischer mut, du, bis d’ heirat’st is’s gut! spielst mit sense und pflug, sagt die mutter, macht mut, die mutter, geh, lehm auf lehm, mutterstiel, halb verstaut von vor kraft, bäumt sich auf, WIE? WAS? du wirst gehen aus der haftwand, der krafthand, dem lehm und stein land, geh lautlos geh weinen wo hart werden, härten, mach blau, zieh dein lehmblaues kleid an, dein sonntagskleid an und dann geh, muss wo leben sein, überleben wo irgendwo liegt das kleid, liegt es auf fiedelgeigen, zudeckt es die klarinetten, die wie du warten, warten auf, wer drauf spielt, es dich lehrt, sing dich ein, sing: der kommt heim, Vater kommt zu dir heim, hüpf hinein in das kleid, nein, erst wasch es, erst wasch dich, erst zuerst wasser, zum brunnen, zwei und dreißig meter tief blaues wasser, der kübel voll, triefend voll, wie wenn wasser auf wasser sich – schwer wie lehm, geht, es geht, herzt dein kreuz, stehst auf zehenspitzen, gib acht! bist fast zehn, alt genug, ums herum kriegen gehts, hoch überdrehn, deißig mal das rad über kopf hoch, ein kopfüber kopfunter gehendrehn! geh mach, mach mach tu, dies und das und das vieh am verdursten, noch fünf sechs kübel, macht stark, bist schön stark verwachsen mit den granitenen seen, mutters blick kann schön toben, zerloben, zerstechen, brechen, wenn DU, aber ich –
zur steinfeldgasse hinaus gehts ins steinfeld, zum acker, den stein feldacker umackern, geh, wie? steine im schuh, steine steine, den pflug aus der schar werfen steine, der pflug und die kühe und ihre gekrümmten rücken, gebäumt, aufgebäumt deine hiebe, triefrot deine wut deine fortwut, und wie du schlägst, striemen auf ihre rücken, du rackerst nicht minder, sonst kannst du nichts, weißt du nicht, dass du’s lebenslang nicht vergisst, unvergessen die schläge, die striemen, striemen die in dir striemen, in deinem kopf, zu füßen steine, gehen, du musst gehen, du wirst hier versteinern, heraus aus der furche, den steinen, sie wachsen heraus, du wächst viel zu schnell, hast zu große füße, zu kleine schuh, NEIN, die mutter, genug platz für die zehen! jeder schritt ein verwunden, tu weiter du, aber ich –
einen gibts, der dich rettet, er kommt, krieg ist aus, warten, abwarten, er kommt, du wirst sehen, wirst dem fremden entgegen gehen fallen fliegen, nicht weinen, nur er – wird er staunen, DU, meine kleine? so groß? knapp zwei warst du als ich – wird er dich aufheben, wirst du ihn festhalten, wird ihm sein steingrauer hut, sein soldatenhut ihm vom kopf fallen – heißt vermisst gefallen, mutter? iss fertig! du hasst sterz, sterz! ihr rutscht gern die hand aus, weil du, aber ich –
dreschzeit ist und september, du hast geburtstag, hast garben zu schleppen, schleppst gerste, roggen an, zu, heran, schwere garben, du schleppst, wirfst ab, gehst, kommst wieder, kommst schleppend wieder, die linke, die rechte, zehn finger kinderfinger in gersten garben, die beine im feuer, es brennt, steckst fest in garben, in ähren, wie feuerstiche, zerstochene beine, blut rinnt, schneller schneller! die dreschmaschine keucht kaut, kotzt stroh, will haben, was ist, komm geh! wie wenn feuer auf feuer sich, nein, nicht heulen, heul ja nicht! die dreschmaschine heult lauter, dich nieder: geh tu! du hängst in der ecke, japst luft, ein dreckiges bündel nichts, du schläfst nicht, aufgaben und nicht gemacht, schularbeiten, die mutter liegt im spital, weil DU –
bist allein mit dem vieh, nachts allein mit der angst, versorgst hof stall feld und dich selber, allein mit den hexen, umschleichen das haus, überspannt! bist bäuerin bauer bist knecht und magd und hast angst? beinah zehn! und bei vollmond hexen, schlaf ja nicht ein! fest das kreuz in die hand, aber ich, schon taghell, wie zerdroschen zerschlagen, im stall das vieh am verhungern verdursten, schnell klee rüben stroh schneiden, füttern ausmisten melken und wie am spieß schreien die säue, schnell hund und katz, neunzehn hühner und du, im herd kein feuer, heiz ein, erst hack holz, papier und reisig, es brennt, nein, kein wasser, schöpf wasser, den linde aufwallen lassen, zweimal und setzen, milch, drei löffel zucker, die jagd zur schule, der bus! im bauch geglugger, der linde, fünf sechs stunden ziehen, heim zu dir muss er ziehen –
aber ICH? ich bin alles, aus sieben hügeln: zigeunerisch, ungarisch, bin kroatisch, bin hunnisch, ich, das macht schön, macht schön stark, alles ich, lust und frust, hau’s ins tastenbrett, balle sätze: gefahr droht? ich mich ändern? du geh, ich geh nicht verloren an krummen stilen, dem ICH, das lange an steinen gelegen hat, wuchsen äste zum kampf bei dem bleiben, gehen, mach die tür auf, lehmblau, wie der sommer geneigt steht auf nichts zu warten, betäubt vom duft alter hügel voll grüner zeiger, den ruß gewesen stoß ich durch die kiemen – genug gefinkelt mit ton und fuge, am tisch zehn finger mit mir hoch im einklang – bis zu den wurzeln herz lieder singe ich, lass’ web kugeln rolln zwischen monden und mond und die sonne die funken rasend die sinne bannt, lacht sich aus, rollt mir den buckel herab und versinkt in eine beglückende ohnmacht – (Dine Petrik, ALBUM/DER STANDARD, 10/11.05.2008)
Die Sprache enthält die Wendung: Grenzen setzen. Ich behaupte, dass der "Setzung" genannte Vorgang, der "die Welt" hervorgebracht hat, auf einem permanenten Prozess der Grenzsetzungen beruht
Im Kaffeehaus entdecke ich niemanden, der Peter Altenberg ähnlich sieht. Es sitzen nur Touristen herum, kichern und trinken aus Plastikflaschen
Der Bezirk hat kein eigenes Krankenhaus, wir müssen ins AKH oder auf die Baumgartner Höhe
Die Frau auf dem Rücksitz hatte sich geweigert, den Sicherheitsgurt anzulegen; die Augenlider geschlossen - Der Fahrer nähert sich der Grenze, die Ausfallsquote ist kalkulierbar
In den letzten paar Jahren hin und wieder - nur so blitzschnell zwischendurch - überlegt, wer zuerst sterben wird. Auf prägnant Wienerisch: wer überbleibt
Wir sind Berg- und Talpfleger, Markierungsmaler und Toteneinsammler, Schneeschaufler im Winter und Wasserspender im Sommer, auch Jodlercombo für Heimatabende
Geteiltes Haus, geteilte Katze. Stehen die beiden Haushälften zu unser aller Wohl fest zueinander, ist das mit einem gut einjähri-gen Miniaturtiger so eine Sache
Der Bauer füllte trüben Most in die Gläser. Da drüben bin ich in die Schule gegangen, erzählte er. Wenden an der tschechisch-österreichischen Grenze
Diese Tixo-Grenzerfahrung hätte im Grunde für sich allein schon unvergesslich sein können. Einfacher, auffälliger und eindeutiger kann ein Reizauslöser kaum sein
Wir warten aber jetzt wirklich nicht mehr lange, hörst du, fang an mit deiner Vorstellung! Aber die Vorstellung hat bereits begonnen
Ein schäbiger, ungemein staubiger, einst schwarzer Mini-Pick-up hält - Der Lenker gefällt mir nicht - Clemens Berger
Immer neue Arbeitskräfte wurden angeworben. Die Löhne waren niedriger als versprochen, ein großer Teil wurde für Unterkunft und die Bahnfahrt abgezogen
Danke Österreich: Du hast mich zum Deutschen gemacht! Fortan erfülle ich mit Freuden sämtliche Nationaltugenden
Nachdem meine Schwester völlig erschöpft nach Hause gefahren war, war ich jetzt mit der Pflege meiner Mutter an der Reihe. Nach mir sollte mein Bruder kommen
Ich konnte nicht lokalisieren, woher die Quallaute stammten. Und nach wie vor war ich mir im Unklaren, was da hinter einer der Mauern vor sich ging
Diese Leseerfahrung von Begrenzung und Grenzenlosem, woher rührt sie, worauf läuft sie hinaus? Rührt sie von etwas Wirklichem her, läuft sie auf etwas Wirkliches hinaus?
Ihr Antrag wurde abgelehnt. Sie werden abgeschoben. Weil Sie barfuß sind. Weil in Ihrem Pass ein Stempel fehlt. Weil Sie stinken. Weil Sie auf dem Passfoto lächeln
Ich räkelte mich in der Sonne, gedanklich aufgehoben im derzeitigen Frieden, zumindest in Wien. Es geht mir gut, flüsterte die Gedankenstimme, und wieso geht es mir gut?
Als sie beim Schwanz des Pferdes angekommen war, trat es nach ihr, und die hölzerne Trennwand, die es an ihrer Stelle traf, krachte splitternd zusammen
Das innere Leben war aufregender als unsere registrierbaren Manifestationen. Die Barrikaden in Paris schienen die Welt in strahlende Rotation versetzt zu haben
Der Kellergang glich einem Stollen, in dem sich der Schimmel- und Modergeruch staute, der aus dem Boden und den unverputzten Wänden drang
Ich komme zur Wohnungstür um zwei Uhr früh, und da stehen meine Hausschuhe vor der Tür, sagt er. Ich will die Tür aufsperren, und da steckt der Schlüssel von innen
Mein Herz fängt an, langsamer zu schlagen. Ich habe um elf Uhr dreißig den Zug bestiegen mit voraussehbar pünktlicher Ankunft
Mir ist übel. Ich öffne das Fenster, um Luft hereinzulassen. Als ich mich umdrehe, höre ich ein langgezogenes Pfeifen; es prallt etwas gegen die Wand über meinem Tisch
manche wurden rasend vor wut, da sie glaubten, ich wolle ihnen die antwort auf die letzte frage vorenthalten. mein bruder erzählte der zeitung, ich wäre debil
Jubel empfing die einmarschierenden deutschen Truppen in Österreich. Nie wieder stieß die Wehrmacht bei Überschreitung nationaler Grenzen auf solche Begeisterung
Ich habe mich manchmal gefragt, ob und wie sich dieses Jahrhundert der Kriege, der Zwischen- und Nachkriegszeiten auf uns Nachgeborene ausgewirkt hat
Woher kannst du Albanisch? Es klingt, als frage er mich, wie ich die Reise vom Mars hierher auf die Erde überstanden habe. Du bist bestimmt ein Flüchtlingskind
In der Dunkelheit des Zimmers, was spielt sich da ab? Offenbar ist es dir ein Bedürfnis zu reden. Im Grunde möchtest du reden wie ein Kind zu Vater und Mutter. Voller Vertrauen
Er drehte sich um, ohne stehenzubleiben. Zwei Männer liefen hinter ihm her. Er konnte sie kaum erkennen. Außer, dass sie das Gleiche trugen. Uniformierte!
Das sind Geschichten, die diese Leute immer wieder erzählen, Geschichten, die wir glauben können oder auch nicht. Wir neigen dazu, solche Geschichten lieber nicht zu glauben
Luggis Arm hielt seinen Leib zusammen. Es tat wohl, zusammengehalten zu werden. Er setzte ihn auf den Rücksitz, und zu beiden Seiten saßen Schemen neben ihm
er durfte sich auf den sessel setzen und zuhören. zuhören, wie es da zugeht, wie sie das machen, wie er funktioniert, der finanzalltag und wir hören jetzt nachträglich zu
Ich beschloss, den 17. April zu meinem Todestag zu machen, wenn man sich schon in Bezug aufJesus Christus nicht einigen konnte. Und ich wollte unsterblich sein
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