Rundschau: Der Nebula-Gewinner und die Nekropole

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coverfoto: kiepenheuer & witsch

Michael Chabon: "Die Vereinigung jiddischer Polizisten"

Gebundene Ausgabe, 422 Seiten, € 20,60, Kiepenheuer & Witsch 2008.

US-Erfolgsautor Michael Chabon hat sich in seinen Romanen und Kurzgeschichten nicht nur immer wieder mit jüdischer (Alltags-)Geschichte befasst, seit den Nuller-Jahren verbindet er dies auch mit einer Hinwendung zur Phantastik - und dem erklärten Ziel herkömmliche Genregrenzen zu überwinden. Im 2000 geschriebenen Roman "Die unglaublichen Abenteurer von Kavalier & Clay" (Pulitzer-preisgekrönt und sehr empfehlenswert) geschah dies noch eher peripher in Form einer Geschichte über zwei Cousins, die anhand des von ihnen erfundenen Superhelden The Escapist zum Symbol für die Goldene Ära der Comics in den USA werden; einen kleinen - und höchst passiven - Auftritt hat in dem Buch auch der Golem. Für seinen ebenso gelungenen Roman "Die Vereinigung jiddischer Polizisten", im Mai mit dem diesjährigen Nebula-Award ausgezeichnet, hat Chabon das Genre des Alternativweltromans gewählt.

Die Atombombe fiel auf Berlin, die USA führten Krieg auf Kuba - es ist nicht einfach ein Ereignis, das zu einem veränderten Ablauf der Geschichte führte. Das eine für den Roman entscheidende ereignete sich aber im Jahr 1948: Der Staat Israel überlebte nur drei Monate, ehe er von seinen Nachbarn vernichtet wurde und die aus Europa evakuierten Juden sich erneut auf der Flucht wiederfanden. Angesiedelt wurden sie schließlich in der Region um die Stadt Sitka in Alaska, in der nun, 60 Jahre später, etwa 3,2 Millionen Juden leben. Chabon schildert in unglaublicher Detailfülle eine gleichermaßen bizarr und vertraut wirkende Welt, in der osteuropäische und US-amerikanische Züge mit arktischer Umgebung und der zurückgedrängten Gesellschaft der dortigen UreinwohnerInnen kollidieren (für die zahlreichen im Text vorkommenden jiddischen Ausdrücke empfiehlt sich übrigens das Glossar im Anhang).

Die beschriebene Welt ist in jeder Beziehung dicht: Bunt, zugleich nahezu hermetisch vom Rest der Welt abgeschlossen (speziell was die Lebenswelt der verschiedenen in Sitka vertretenen orthodoxen Sekten betrifft) und bedrückend: Denn der Sonderstatus Sitkas als Bundesdistrikt läuft aus - die Reversion lässt es an die USA zurückfallen. Nur eine Minderheit der Juden wird bleiben dürfen, die anderen sind nirgendwo auf der Welt gewollt. In der allgemeinen Atmosphäre des Niedergangs agiert als exemplarische Figur Meyer Landsmann, ein desillusionierter Polizei-Detective in seinen Vierzigern. Religiöser Fundamentalismus und der Umstand, dass seine Ex-Frau Bina zu seiner neuen Vorgesetzten wird, machen ihm die Ermittlungen im jüngsten Mordfall schwer. Erst recht, als sich erweist, dass diese Ermittlungen von oberster Stelle nicht erwünscht sind, und dass das Opfer ein Tzaddik ha-Dor, ein Messias seiner Generation, war.

Chabons blumige Beschreibungen ("er spricht wie ein Wurstrezept mit Fußnoten") und die sarkastische Grundhaltung der ProtagonistInnen sorgen für Lacher am laufenden Meter - doch ist es der Humor, der auf einer tiefen Traurigkeit gedeiht. "Die Vereinigung jiddischer Polizisten" ist, wie viele gute Werke aus der Phantastik, als Parabel zu lesen: auf die in diesem Falle fortdauernde Geschichte der Diaspora, aber auch auf die durchaus problematischen Entwicklungen abgeschlossener Gesellschaften und die Siedler-Konflikte Israels. In den letzten Kapiteln, als sich die Hintergründe des Mordfalls langsam offenbaren, nähert sich die Romanwelt der unseren wieder auf erschreckende Weise an, wenn es um die Machenschaften des - mit wesentlich mehr Macht ausgestatteten - christlichen Fundamentalismus geht ...

Ein exzellent geschriebenes, vielschichtiges Buch, das seiner grenzüberschreitenden Intention vollauf gerecht wird.

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