Imageschaden

Redaktion, 26. Mai 2008, 20:56

Der eigentliche Skandal um den Amstettener Keller ist nicht, dass man nun bei Sisi und Franzl nicht mehr...

... nur an das Kaiserpaar denkt, an Bürstenbackhendlbart und Veilchensorbet, sondern auch an Sisi und F. Der eigentliche Skandal ist auch nicht die Ignoranz der Nachbarn oder dass man nun die Geiseln in Algerien vergessen hat, ja nicht einmal der ungeheuerliche Inzest selbst ist der Skandal, sondern die widerliche Scheinmoral, die nun aus allen Medien trieft wie brauner Saft aus einer faulen Frucht.

Wenn etwa in der Kronen Zeitung die Thailandaufenthalte, bei denen sich der Ingenieur möglicherweise mit zwangsprostituierten Minderjährigen verlustiert hat, als Herrenurlaube beschönigt werden, ist das ebenso verlogen und zum Kotzen, wie wenn man die Summe alles Bösen nun nur in Josef F. kulminiert sieht, während parallel dazu Menschenhandel toleriert wird, sich Staatsbeamte mit Minderjährigen beglücken, Asylbewerber keine Arbeitserlaubnis erhalten außer in der Prostitution, man Menschen um vier Uhr nachts aus den Betten reißt, um sie abzuschieben.

Der eigentliche Skandal ist, dass man in Österreich denkt, außer den wenigen schrecklichen Einzelfällen, in denen jemand seine Fantasie auslebt, wäre alles gut.

Insofern ist der belgische Effekt - niemand kennt den Ministerpräsidenten, aber jeder Marc Dutroux -, der Österreich zwar nicht als Land der Kinderschänder, aber dafür als Reich der Kellerverliese und Weggesperrten, als Land der Bunker, Bunkerer und Buckler erscheinen lässt, vielleicht heilsam.

Neben vielen charmanten, aufrechten, liebenswerten und großartigen Menschen ist Österreich immer noch ein Land der Sprachlosigkeit und seelischen Verstümmelungen, in dem es viele verdruckste, verklemmte und gebrochene Eigenbrötler gibt. Ein Land ohne Zivilgesellschaft, wo eine Aufklärung niemals stattgefunden hat, ein Land der biederen Familientyrannen und Kellerdespoten, die nach ihren eigenen Gesetzen leben, ein Land der Alltagsfaschismusdümmlichkeiten.

Da kommt der Ball, der uns jetzt zugespielt wird, gerade recht. Die EURO gibt den Austriaken die Chance, sich einen Monat lang selbst zu vergessen und auch der Welt ein anderes Bild zu präsentieren als das der Eingesperrten und Verliese.

Die EURO ist die Gelegenheit, der Welt zu zeigen, dass Österreich auch anders ist, offen, weltbesoffen, aufgeschlossen, tolerant. Ein Land voller Naturschönheiten und netter Menschen, denen man freilich allen - dieser pickige Nachgeschmack wird bleiben - eine blühende, manchmal bestialische Fantasie zutraut.

Egal, wie einfallslos der Fußball ist. (Franzobel; DER STANDARD Printausgabe 22. April 2008)

  • Der Ball [3]

    Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886 - In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf

  • Sommermärchen [12]

    Es war einmal in einem Land der grantigen Zwerge und mieselsüchtigen Riesenherzen...

  • Es wird Zeit [3]

    Es wird nun wirklich Zeit, dass sich die EURO aus ihrer Höhle traut und sich den Menschen zeigt

  • Bitte Zahlen! [13]

    Ich sage ja nicht, dass ich ruhig schlafe. Im Gegenteil mitten in der Nacht...

  • Das Blau Algeriens [2]

    Algier, Karwoche, frühsommerliche Temperaturen. Gelb blühende Mimosen, wilde Orchideen, ein strahlend blauer Himmel und...

  • Fußballfrühling [86]

    In den niederträchtigen niederländischen Medien hieß man Österreich ei­ne C-Klasse-Mannschaft und das schwächste Team der EURO...

  • Gewaltig [20]

    Wie sagte einst der unfassbare Helmut Qualtinger? Simmering gegen Kapfenberg, das ist Brutalität...

  • Schiedsrichters Einsamkeit [26]

    Während meiner Schülerligazeit gab es die Legende, ein Schüler hätte auf eine rote Karte dermaßen respondiert,...

  • Imageschaden [40]

  • Luxusproblem [18]

    Manchmal drückt die Sprache etwas aus, das es gar nicht gibt. In der Autobiografie des bekannten Fußballkommentators...

  • Europameister! [30]

    Auch wenn es niemand für möglich hält, wird Österreich bei der EURO...

  • Harlem Rapid [39]

    Eigentlich wollte ich eine Weile lang nichts mehr von Fußball hören, nichts von Hörn­chen, die Schneckerl heißen, nichts von Gurkerln und Jausengegnern ...

  • Fußball, Porno, Pyramiden [70]

    Manchmal denke ich, dass Fußball eine Art Ersatzbefriedigung ist, die vor allem junge Menschen...

  • Matchbox [18]

    Ein Afrikaner hat unlängst gemeint, dass ihm das Leben in Mitteleuropa wie zwischen zwei elektrischen Drähten vorkommt - wehe...

  • Bärlauchparty [28]

    Ich kann mich noch gut an die Enttäuschung meiner Frau erinnern, als sie erstmals einen Vanillerostbraten serviert bekam...

  • Zum Niederknien [12]

    Es begann mit einem geschwollenen Knie. Als gelernter Hypochonder bin ich gleich zur Not­fall­medizin, Wartezeit drei Stunden...

  • Wuzl und Wuzlerin [23]

    Meine Tante Karin trinkt nicht nur, sie ist auch Kettenraucherin. Früher hat sie Rothändle...

  • Fremdschämen [30]

    Tiere haben sich im Laufe der Evolution enorm entwickelt. Fledermäuse...

  • Hurenwurst [36]

    Einmal habe ich einem fremden Autofahrer beim Radwechsel geholfen. Zum Dank...

  • Oba Córdoba Oba [43]

    In meiner Erinnerung war jener 21. Juni 1978, an dem es zur Transsubstantiation...

  • Der Stimmenimitator [23]

    Zumindest in Filmen werden ausdauernd Leichen und Bewusstlose im Kofferraum eines Autos transportiert. Ich erinnere nur...

  • Torstangenbewässerer [70]

    In Österreich etwa hat in den letzten 20 Jahren eine beispiellose Verdeutschung...

  • Pflanzerei [1]

    Warum weinen Menschen? Woher kommt die vermehrte Augenflüssigkeit bei Traurigkeit? Weil...

  • Über die Ungerechtigkeit [1]

    Im Zentrum von Buenos Aires gibt es ein unscheinbares Parkstück...

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Posting 1 bis 25 von 40
1 2
jan miron11
01
17.5.2008, 00:42
treffend

ist doch vortrefflich beschrieben, was in den österreichischen Nachbarschaften und Seelen so vor sich geht. Auch vor sich geht.
Bravo Franzobel!

unkrautvagetnix
 
11
10.5.2008, 11:39

Ist ja alles schön und richtig was er mit seiner Message sagen will,aber es kommt mir doch zu verbittert rüber.
Man könnte schon sagen,Franzobel ist die männliche Version von Frau Jelinek.
Egal wie erfolgreich und gut ihre Stücke sind,solche Menschen können einem nur Leid tun.

Albertine
02

wahrscheinlich können deshalb so viele Poster mit dem Text nicht umgehen, weil er ihnen was aufzeigt, wovor sie gut und gerne die Augen verschließen (tun wir doch alle so gerne, nicht!?). Auch auf der österreichischen "Insel der Seligen" gibts Prostitution, Abschiebung, Menschenhandel, Missbrauch, Gewalt, usw. und ich möcht nicht wissen wie viele Perverse, die einfach zu hohe Positionen haben und deshalb tun was sie wollen (was auch toleriert wird!). Ich frag mich, wieso die Menschen hier das ständig runterspielen. Es ist nicht so, dass Österreich schlimmer wär als andere Länder, nein, das Problem ist, dass hier keiner kapiert, dass wir genau die gleichen Probleme haben wie andere.

Affe&Affe
00
War das Kaiserpaar nicht eh genau bizarr, wie dieses Freak?

Jack Spider
01
dieser kommentar ist:

pauschal, viel zu einfach, vielleicht auch einfach schwach.

Chrise in Wien
00
Habe gehört...

...das in den Stadien jetzt auch die Spielerkabinen in den Ersten, oder zumindest ins Parterre verlegt werden. Aus Imagegründen versteht sich.

Sarah Blum
44
UND ICH MEINE

DER ERSTE GUTE TEXT ZU DEM THEMA; UND AUCH DER SCHÖNSTE.

Euripides
62

Franzobel: wenn alle so dümmlich sind, dann pack deine Koffer und wandere aus !

jan miron11
00
17.5.2008, 00:53
Euripides

würde er das gesagt haben?
Er wurde in hohem Alter ins Exil geschickt.
Nur weil man einen kritischeren Blick auf sein eigenes Land hat? So zu reagieren? Da gibt es wirklich Unterschiede zu anderen Kulturen, bestimmt nicht allen, da werden der Blick und die Ansichten, die Kommentare und Essays der Schriftsteller ernst genommen, auch kritisiert, aber es finden Dialoge statt, Diskurs, um auf Euripides zurück zu kommen. Es gäbe was zu lernen. Gott sei Dank. In diesem Sinne....

omar_lopez
12

lies den text nochmals... oder bist du wirklich derart dümmlich, einen solchen kommentar loszulassen?? geh und schreib der krone leserbriefe!

ik äa
00

quasi NEURO

IcyBox
86
Icch

sag mal: Franzobel raus!!

dacube
53
100 Punkte,

Herr Literat!

die mittlere plaudertasche
12
heute bin ich einmal froh,

keine kolummne in der zeitung zu haben und mit buchstaben und leerzeichen füllen zu müssen.

und daher auch nicht über jede grauslichkeit die irgedwo passiert was schreiben zu müssen und gequält, weil mein auftrag, einen zusammenhang mit der blöden EURO '08 (reg.TM) aus dem bleistift zuzzeln zu müssen.

die worte .....Die EURO ist die Gelegenheit, der Welt zu zeigen, dass Österreich auch anders ist,..... sind peinlichstes jubelpostillengestammel, gesponsort vom verband der würstelbudenbetreiber österreichs.
.

momodeluxe
54
na da hamma uns was eingebrockt

ein land voller hobby-literaturkritiker, -fußballegsberten und -püschologen, und keiner kann sinnerfassend ein kleines textlein lesen.

das ist wohl noch schlimmer, als franzobel es befürchtet haben mag.

Scio, non scio
01
gute beschreibung von franzobel

Rumo von Zamonien
20

nicht schlecht.

übrigens1
00

ob wir die Euro-Chance nutzen??
die Stenzel wollte ja schon den Ring zusperren

di mike
59

"...ist Österreich immer noch ein Land der Sprachlosigkeit und seelischen Verstümmelungen, in dem es viele verdruckste, verklemmte und gebrochene Eigenbrötler gibt."

sprach jemand, der sich nicht einmal in eine Hobby-Fußballmannschaft integrieren kann.

Walter Kaiser
31
Nicht einmal in eine Hobby-Fußballmannschaft?

Das ist echt ihr Maßstab?

di mike
15

Das ist so ziemlich das niedrigst mögliche auf meiner Skala.

Quintus Beckloeffel
11
"Neben vielen charmanten ... Menschen ist Österreich immen noch ein Land .... , in dem es viele ... gebrochene Eigenbrötler gibt."

Wo haben Sie denn Ihre Schriftsteller-Lehre gemacht?

Walter Kaiser
00
Abgesehen davon, daß er etwas anderes als sie schrieb ...

Was genau ist ihr Problem mit dem Satz?

Quintus Beckloeffel
04

Abgesehen davon, dass Franzobel (abgesehen von meinem Tippfehler "immen"/"immer") genau das geschrieben hat, was ich zitiert habe, ist nicht mein, sondern sein (und offenbar Ihr) Problem das der mangelnden Einsicht in die Fehlerhaftigkeit einer Gegenüberstellung:

Österreich ist ein Land neben Ländern, nicht ein Land neben Menschen. In sprachlich korrektem Einklang mit seiner offenkundigen Intention hätte Franzobel also schreiben können: "Neben charmanten Menschen gibt es in Österreich Eigenbrötler" (Gegenüberstellung von Menschen) oder "Ausser einem Land, in dem charmante Menschen wohnen ist Österreich ein Land, in dem Eigenbrötler leben" (Gegenüberstellung verschiedener Landesmerkmale).

Walter Kaiser
00
Danke für die Aufklärung.

Ich hab mich in die Suche nach einem Rechtschreibfehler verbissen.

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