Styropor für die Ewigkeit

Redaktion, 05. Mai 2008 20:36
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    Foto: cremer

    Irgendjemand hat hier Stilelemente untergegangener Wiener Hochkulturen zu einer Stilmasse verdaut und ausgekotzt.

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    Eine Demonstration hilfloser Ohnmacht: massive Stützen für die Verblendung des prächtigen alten Grand Autodrom.

Das Feine am neuen Eingang zum Wiener Wurstelprater: Man kann ihn umgehen - was aber gar nicht notwendig ist, denn die stümperhafte Klischeeorgie dort ist weltweit einzigartig

... und als solche würdig, genauer betrachtet zu werden.

* * *

Was für ein Segen, dass sich die Erneuerungsbestrebungen der Wiener Vizebürgermeisterin Grete Laska (SPÖ) für den Prater letztlich doch nur auf den Eingangsbereich beim Riesenrad konzentriert haben. Dort türmt sich jetzt eine schaumrollenhafte Kulissenarchitektur zu einem Entree, wie es die Welt wahrlich noch nicht gesehen hat - und eigentlich auch nie sehen wollte.

Doch die Angelegenheit, die wie eine ungewollte Verulkung einer Designeroutlet-Fassadenarchitektur aussieht, bleibt kompakt und ein in sich geschlossener Mikrokosmos. Damit wird sie verschmerzbar, weil für die Besucher aktiv vermeidbar.

Das, was den Prater tatsächlich ausmacht, bleibt glücklicherweise von diesem hässlichen Appendix verschont. Und an dem so gut wie unbeschreiblichen Konzentrat an Abgeschmacktheit lässt sich mit wundervoller Klarheit ablesen, wie hilflos die Stadt Wien mit ihren ungehobelteren Zonen umgeht, wenn sie diese - zum Beispiel für das EM-Fußballpublikum von Welt - zu neuem Glanz aufpolieren will.

Einfassung für das Wilde Der Prater ist und war seit jeher ein ärgerlich wilder, unpolierter Edelstein am Revers der Stadt - und dem wollte man nun eine ordentliche Fassung verpassen, endlich eine deutlich ablesbare offizielle Grenze setzen: Da hört das seriöse Stadtleben auf, hier fängt diese von vornherein verdächtige Zwischenwelt halbseidener Vergnügungen an. In Wirklichkeit ist es natürlich genau umgekehrt.

Das Entree präsentiert sich dem vom Praterstern kommenden Betrachter zuerst in Form von zwei Portalhäusern erstaunlich ungeschickten Formats, zwischen die eine Art Otto-Wagner-Brücke gespannt zu sein scheint. Doch wen oder was die trägt, bleibt ungewiss, wiewohl jedes einzelne gestaltende Element hier weder Inhalt noch Zusammenhang erkennen lässt.

Die Häuser sind in zu hellem Schönbrunner Gelb gepinselt und zwischen grünen Kunststofffenstern mit allerlei schnörkeliger Fassadenmalerei ausgestattet.

Gräuliche Stilmasse

Irgendjemand hat hier im Fiebertraum unzählige Elemente längst untergegangener Wiener Hochkulturen zu einer gräulichen Stilmasse verdaut und ausgekotzt. Ein paar Brocken Barock hier, ein wenig Jugendstil da, ein Klacks Klassizismus dort, zusammengepanscht und zusammengepickt mit ha-ha-lustigen k. u. k-Reminiszenzen auf Plakattafeln.

An den Pseudostukkaturen des Durchgangs sind die ersten Lastwägen bereits hängengeblieben, aus Pseudo-Wagners Brückenbauch quellen jetzt schon die Gedärme der Putzträger und die Styroporeingeweide. Apropos: So schleißige Verarbeitung billigster Materialien sah man noch nie. Auf der runden Platzmitte hinter dem Tor befindet sich ein Oktogon mit einer nur fast aus Bronze gegossenen Figur. Hier apert bereits der Styroporkern aus dem angeschrammten Podest, das so tut, als sei es massiv und für die Ewigkeit gemacht. 32 Millionen Euro wurden hier verbraten - eine Meisterleistung in Sachen unnötiger Investition ins Schäbige.

Stilumnachtung

Wer den Unterschied zwischen Prater und der vorgeblendeten Stilumnachtung mit Händen greifen möchte, begebe sich zum prächtigen alten Grand Autodrom. Das hat man, um dem neuen Ensemble gesamtheitlich zu huldigen, versteckt und eingepackt. Hinter einer neuen, mit dem Titel "Chauffeur Schule" bepinselten Spanholzfassade glänzt da ewiges Chrom, leuchten rote Neonschriften, duftet der alte, geölte Autodromboden unter prächtig mit gefälteltem Nirosta verkleideten Stützen.

Wann wird diese Stadt begreifen, welch Charme und ungeheures Potenzial gerade im Wilden, Ungehobelten steckt? Man muss den neuen Pratereingang als das Nichts begreifen, das den echten Prater nun doch nicht umbringen wird. (Ute Woltron/DER STANDARD-Printausgabe, 6.5.2008)

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Kalvarienberg
03.06.2008 18:14
Da hat wohl wer im Rathaus das Wort "Wurstelprater" falsch verstanden...

Katana79
20.05.2008 23:43
explore 5D heisst er natürlich...

der haufen, der das geplant hat...

Katana79
20.05.2008 23:40
explore O5...

nennt sich der haufen, der das geplant hat...

yonas reinl
 
20.05.2008 13:55

der artikel macht ja richtig lust, sich die ganze geisterbahn (od besser schauergschicht) in natura anzuschauen

Affe&Affe
07.05.2008 13:50
Ich bin optimistisch, den Abriss noch locker zu erleben...!

ljack
07.05.2008 15:33
Absolut!

Spätestens nächsten Sommer ist davon nix mehr übrig. Nur unser Steuergeld ist weg :-(

Signore Cefalù
07.05.2008 13:39

Der Standard hat anscheinend ein Problem mit Links zur Konkurrenz.
http://diepresse.com/home/spec... 3/index.do
http://www.falter.at/web/print... php?id=685

viridisdens
07.05.2008 13:37
sisi-disney

ein grandioser artikel, der lediglich daran scheitern muss, dass ein derartig hinterwäldlerisches und spießbürgerliches outing der stadtverwaltung kaum mehr mit worten beschrieben werden kann. nur wer gesehen hat, für welchen schrott die 32 millionen verblasen werden, hat einen eindruck von dieser stadtverwaltung, die derartiges duurchführen lässt.

Roman Seidl
07.05.2008 12:40
spenden sammeln für den abriss

ich wünsche mir eine kampagne herbei die spenden für den abriss von gretes albträumen sammelt - ich will sie nicht jeden tag ansehen müssen...

graugänschen
07.05.2008 12:34
klotzen statt kotzen

Wenn ich Angst davor habe mich auf eine Parkbank zu setzen und in einem Kaugummi zu landen... dann ist das für mich der Prater.
Wenn ich Lust darauf habe verdreckte Farben zu erraten, dann gehe ich in den Prater.
Wenn ein Tourist aus einem Bus aussteigt und am liebsten schreien würde, weil er sich einen klassischen, alten (und sauberen) Vergnügungspark vorgestellt hat, dann steht er im alten Teil des Prater...
Liebe Leute... wie lange wart ihr alle schon nicht mehr im Prater?... bevor ihr durch die Berichterstattung auf den Neubau aufmerksam wurdet wohl schon lange nicht...

futurezonez
12.05.2008 20:43
"Wenn ich Angst davor habe mich auf eine Parkbank zu setzen und in einem Kaugummi zu landen"

jaja, manchen scheißt's permanent so richtig ins leben rein und obendrein erwischt's immer nur die gleichen. ;-)

Herbert Lorenz
07.05.2008 12:30
Danke Grete LasVegas !!!!!!!!!!!!!!!

Danke Grete LasVegas !!!!!!!!!!!!!!!

Signore Cefalù
07.05.2008 12:16
Signore Cefalù
07.05.2008 13:54

Link funkt leider nicht und der zum Falter-Autor wurde unterschlagen. Naja

Spätrot
07.05.2008 11:37
Grindig, halbseiden, billig, unattraktiv, langweilig, abstossend, wild zusammengewürfelt, Anziehungspunkt für Gsindl, alt, vergammelt, Geruch von verkrachten Existenzen, abgründig, unecht, kitschig, banal, schlampig, zwielichtig, wuchernd gewachsen,

all das trifft auf den Prater zu. Der dazu passende architektonisch wertvolle Gegenentwurf zum Jetzigen, beginnt mich brennend zu interessieren.

The Dude
07.05.2008 14:37
Ich frage mich viel eher warum das Rathaus im Prater überhaupt was hinbauen muß...

Wenn das da abgesehen von den hübschen mehrstöckigen Garagenbauten an der Ausstellungsstraße der einzige Output der millionenteuren Beratungstätigkeit von Mongon ist, dann gute Nacht.

Spätrot
07.05.2008 15:26
Sie haben vollkommen recht, warum tun die was?

Wo doch Nichtstun die viel weniger teure und vor allem weniger anstössige Alternative gewesen wäre.

The Dude
07.05.2008 15:35
Allerdings.

Manchmal ist weniger (bis nichts) mehr. Und vor allem: nicht SO teuer...

Is ja grundsätzlich schön, wenn die Stadt zuviel Geld hat, aber das könnte man ja theoretisch auch auf sinnvolle Art investieren.

Spätrot
07.05.2008 18:11
Das Ensemble besteht hauptsächlich aus relativ simplen Stahlbetonhohlkörpern, reine Zweckbauten also.

Diese Zweckbauten wurden, wie schon viele geschrieben haben, billigst behübscht, Styropor, Pressspanplatten, Malereien. Das ist zumindest das was man beim Vorbeifahren sehen konnte. Hinter den Aufbauten befinden sich die Lüftungsausgänge (Klimaanlage). In die Zweckbauten kommen Nutzer, die mit ihren Unternehmen, hoffentlich, Geld verdienen werden. Was schwebt ihnen vor, wo hätte man da Geld einsparen können, bei den "Behübschungen"? Nur so nebenbei: Die Wiederherstellung der Holzrutschbahn (Tobogan) soll 450.000 € kosten, in echtem Geld: 6.200.000 Schilling.

Spätrot
07.05.2008 18:32
Wenn ich mir das so überlege, ist eigentlich zu billig gebaut worden.

The Dude
08.05.2008 10:24

Das ist ja das Problem, billig gebaut und vom Rathaus teuer bezahlt.

Signore Cefalù
07.05.2008 15:34

32 Mio € hätte man für Prävention vor Jugendgewalt investieren können. Mehr Streetworker, Jugendvereine und -einrichtungen fördern. Stattdessen wurde alles Mögliche kaputt gespart und Sozialarbeiter hackeln teilweise in prekären Beschäftigungsverhältnissen.
Das wäre ein Investition für die Zukunft.
Stattdessen: keine Ausschreibung und Fragen über Fragen, wo und an wen genau das Geld geflossen ist. Sehr aufschlussreich dazu ist der Falterartikel von J. Gepp: Der Teufel trägt Prater.

Spätrot
07.05.2008 17:08
Auch ihnen kann ich nur recht geben, es ist immer eine Frage was einem im Moment wichtiger ist.

Denken sie nur an den zunehmenden Teil von älteren Menschen in unserer Gesellschaft, für deren Pensionen angeblich kein Geld dasein soll, dito an die Finanzierungsprobleme im Gesundheitswesen, der Pflege, für die Ausbildung ist kein Geld da, auch nicht für die Forschung, den Sozialstaat an sich können wir uns angeblich nicht mehr leisten usw.. Trotzdem wird täglich für irgend etwas, für manchen weniger wichtiges, Geld ausgegeben.
Der Falter Artikel: sachlich und informativ. In diesem Artikel, da oben, geht es aber, weniger sachlich, um, zum grössten Teil, gefallen oder nicht gefallen.

Grauzone
 
07.05.2008 09:41
Danke...

...für diesen genialen "auf den Punkt gebrachten" Artikel, ich war gestern dort, habs zum ersten mal gesehen und war regelrecht geschockt... bittteee wo ist mein Prater, was haben die gemacht..?? aua das tut wirklich weh :-(((((

Heinz Anderle
 
07.05.2008 06:24
Zuckerbäcker-Architektur...

... des Rathaus-Stalinismus.

Wien darf nicht Moskau werden!

Dr. Heinz Anderle, Sozialdemokrat und Freigeist

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