
Irgendjemand hat hier Stilelemente untergegangener Wiener Hochkulturen zu einer Stilmasse verdaut und ausgekotzt.

Eine Demonstration hilfloser Ohnmacht: massive Stützen für die Verblendung des prächtigen alten Grand Autodrom.
Was für ein Segen, dass sich die Erneuerungsbestrebungen der Wiener Vizebürgermeisterin Grete Laska (SPÖ) für den Prater letztlich doch nur auf den Eingangsbereich beim Riesenrad konzentriert haben. Dort türmt sich jetzt eine schaumrollenhafte Kulissenarchitektur zu einem Entree, wie es die Welt wahrlich noch nicht gesehen hat - und eigentlich auch nie sehen wollte.
Doch die Angelegenheit, die wie eine ungewollte Verulkung einer Designeroutlet-Fassadenarchitektur aussieht, bleibt kompakt und ein in sich geschlossener Mikrokosmos. Damit wird sie verschmerzbar, weil für die Besucher aktiv vermeidbar.
Das, was den Prater tatsächlich ausmacht, bleibt glücklicherweise von diesem hässlichen Appendix verschont. Und an dem so gut wie unbeschreiblichen Konzentrat an Abgeschmacktheit lässt sich mit wundervoller Klarheit ablesen, wie hilflos die Stadt Wien mit ihren ungehobelteren Zonen umgeht, wenn sie diese - zum Beispiel für das EM-Fußballpublikum von Welt - zu neuem Glanz aufpolieren will.
Einfassung für das Wilde Der Prater ist und war seit jeher ein ärgerlich wilder, unpolierter Edelstein am Revers der Stadt - und dem wollte man nun eine ordentliche Fassung verpassen, endlich eine deutlich ablesbare offizielle Grenze setzen: Da hört das seriöse Stadtleben auf, hier fängt diese von vornherein verdächtige Zwischenwelt halbseidener Vergnügungen an. In Wirklichkeit ist es natürlich genau umgekehrt.
Das Entree präsentiert sich dem vom Praterstern kommenden Betrachter zuerst in Form von zwei Portalhäusern erstaunlich ungeschickten Formats, zwischen die eine Art Otto-Wagner-Brücke gespannt zu sein scheint. Doch wen oder was die trägt, bleibt ungewiss, wiewohl jedes einzelne gestaltende Element hier weder Inhalt noch Zusammenhang erkennen lässt.
Die Häuser sind in zu hellem Schönbrunner Gelb gepinselt und zwischen grünen Kunststofffenstern mit allerlei schnörkeliger Fassadenmalerei ausgestattet.
Gräuliche Stilmasse
Irgendjemand hat hier im Fiebertraum unzählige Elemente längst untergegangener Wiener Hochkulturen zu einer gräulichen Stilmasse verdaut und ausgekotzt. Ein paar Brocken Barock hier, ein wenig Jugendstil da, ein Klacks Klassizismus dort, zusammengepanscht und zusammengepickt mit ha-ha-lustigen k. u. k-Reminiszenzen auf Plakattafeln.
An den Pseudostukkaturen des Durchgangs sind die ersten Lastwägen bereits hängengeblieben, aus Pseudo-Wagners Brückenbauch quellen jetzt schon die Gedärme der Putzträger und die Styroporeingeweide. Apropos: So schleißige Verarbeitung billigster Materialien sah man noch nie. Auf der runden Platzmitte hinter dem Tor befindet sich ein Oktogon mit einer nur fast aus Bronze gegossenen Figur. Hier apert bereits der Styroporkern aus dem angeschrammten Podest, das so tut, als sei es massiv und für die Ewigkeit gemacht. 32 Millionen Euro wurden hier verbraten - eine Meisterleistung in Sachen unnötiger Investition ins Schäbige.
Stilumnachtung
Wer den Unterschied zwischen Prater und der vorgeblendeten Stilumnachtung mit Händen greifen möchte, begebe sich zum prächtigen alten Grand Autodrom. Das hat man, um dem neuen Ensemble gesamtheitlich zu huldigen, versteckt und eingepackt. Hinter einer neuen, mit dem Titel "Chauffeur Schule" bepinselten Spanholzfassade glänzt da ewiges Chrom, leuchten rote Neonschriften, duftet der alte, geölte Autodromboden unter prächtig mit gefälteltem Nirosta verkleideten Stützen.
Wann wird diese Stadt begreifen, welch Charme und ungeheures Potenzial gerade im Wilden, Ungehobelten steckt? Man muss den neuen Pratereingang als das Nichts begreifen, das den echten Prater nun doch nicht umbringen wird. (Ute Woltron/DER STANDARD-Printausgabe, 6.5.2008)
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Der Standard hat anscheinend ein Problem mit Links zur Konkurrenz.
http://diepresse.com/home/spec... 3/index.do
http://www.falter.at/web/print... php?id=685
ein grandioser artikel, der lediglich daran scheitern muss, dass ein derartig hinterwäldlerisches und spießbürgerliches outing der stadtverwaltung kaum mehr mit worten beschrieben werden kann. nur wer gesehen hat, für welchen schrott die 32 millionen verblasen werden, hat einen eindruck von dieser stadtverwaltung, die derartiges duurchführen lässt.
Wenn ich Angst davor habe mich auf eine Parkbank zu setzen und in einem Kaugummi zu landen... dann ist das für mich der Prater.
Wenn ich Lust darauf habe verdreckte Farben zu erraten, dann gehe ich in den Prater.
Wenn ein Tourist aus einem Bus aussteigt und am liebsten schreien würde, weil er sich einen klassischen, alten (und sauberen) Vergnügungspark vorgestellt hat, dann steht er im alten Teil des Prater...
Liebe Leute... wie lange wart ihr alle schon nicht mehr im Prater?... bevor ihr durch die Berichterstattung auf den Neubau aufmerksam wurdet wohl schon lange nicht...
Interessante Links zur Nachlese:
http://diepresse.com/home/spec... 3/index.do
http://josephgepp.twoday.net/stories/4909005/
all das trifft auf den Prater zu. Der dazu passende architektonisch wertvolle Gegenentwurf zum Jetzigen, beginnt mich brennend zu interessieren.
Diese Zweckbauten wurden, wie schon viele geschrieben haben, billigst behübscht, Styropor, Pressspanplatten, Malereien. Das ist zumindest das was man beim Vorbeifahren sehen konnte. Hinter den Aufbauten befinden sich die Lüftungsausgänge (Klimaanlage). In die Zweckbauten kommen Nutzer, die mit ihren Unternehmen, hoffentlich, Geld verdienen werden. Was schwebt ihnen vor, wo hätte man da Geld einsparen können, bei den "Behübschungen"? Nur so nebenbei: Die Wiederherstellung der Holzrutschbahn (Tobogan) soll 450.000 € kosten, in echtem Geld: 6.200.000 Schilling.
32 Mio € hätte man für Prävention vor Jugendgewalt investieren können. Mehr Streetworker, Jugendvereine und -einrichtungen fördern. Stattdessen wurde alles Mögliche kaputt gespart und Sozialarbeiter hackeln teilweise in prekären Beschäftigungsverhältnissen.
Das wäre ein Investition für die Zukunft.
Stattdessen: keine Ausschreibung und Fragen über Fragen, wo und an wen genau das Geld geflossen ist. Sehr aufschlussreich dazu ist der Falterartikel von J. Gepp: Der Teufel trägt Prater.
Denken sie nur an den zunehmenden Teil von älteren Menschen in unserer Gesellschaft, für deren Pensionen angeblich kein Geld dasein soll, dito an die Finanzierungsprobleme im Gesundheitswesen, der Pflege, für die Ausbildung ist kein Geld da, auch nicht für die Forschung, den Sozialstaat an sich können wir uns angeblich nicht mehr leisten usw.. Trotzdem wird täglich für irgend etwas, für manchen weniger wichtiges, Geld ausgegeben.
Der Falter Artikel: sachlich und informativ. In diesem Artikel, da oben, geht es aber, weniger sachlich, um, zum grössten Teil, gefallen oder nicht gefallen.
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