8000er im Überflug

19. Juli 2005, 11:36
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Die Begegnung mit der nepalesischen Hauptstadt Katmandu ist eine Herausforderung für unerfahrene Asienreisende. Es lohnt sich, sie anzunehmen

Mit einer Panorama-Karte ausgerüstet drücken sich die Passagiere die Nasen an den zerkratzten Mini-Fenstern des Buddha-Air-Fliegers flach. Die Hostess geht von Reihe zu Reihe: "Cho-Oyu, this one", wiederholt sie geduldig, deutet auf das Papier und dann auf einen der Gipfel vor dem Fenster.

Die weißen Berge da draußen tragen Namen, die einem Extrembergsteiger verheißungsvoll in den Ohren klingen dürften: Karyolung, Cho-Oyu, Gyachungkang, Pumori und Nuptse - 6511, 8201, 7652, 7161 und 7855 Meter. Neun benannte 8000er-Gipfel und mindestens ebenso viele ohne Namen umfasst das Himalaya-Massiv auf nepalesischem Gebiet. Insgesamt ragen hier mehr als 1300 Bergspitzen über 6000 Meter hinaus.

Aber wann kommt endlich er? Seinetwegen haben die Reisenden das Flugzeug bestiegen, das sie in einer halben Stunde vom versmogten Katmandu in die klaren Bergeshöhen brachte. Auf der Karte ist er als Sagarmatha verzeichnet, in Klammern steht darunter Everest. 8848 Meter, 27.940 Ft. Als er sich langsam ins Blickfeld schiebt, ist er selbst für Nicht-Bergsteiger unverwechselbar. Sein Gipfel ragt in Form eines Dreiecks klotzig über alle anderen hinaus. Die Wolkenstreifen an den Flanken sind sein Markenzeichen.

Das beschreibt auch Jon Krakauer in seinem Bericht über eine verunglückte Everest-Expedition ("In eisigen Höhen"), bei der 1996 zwölf Bergsteiger ums Leben kamen: "Weit in den Jetstream hinaufragend, riß der Berg ein mit bloßem Auge erkennbares Loch in den mit über 200 Stundenkilometer dahinfegenden Orkan, wobei er eine diesige Fahne aus Eiskristallen verströmte, die wie ein Seidenschal nach Osten wehte."

Der Pilot dreht eine Ehrenrunde, damit auch alle den höchsten Berg der Erde bewundern können. Dann nimmt er wieder Kurs auf Katmandu. In der Stadt zeichnen sich die Schneegipfel des Himalaya nur mehr an sehr klaren Tagen, am ehesten noch im Herbst, ab.

Jetzt verhindert, so wie meist, dichter Smog die freie Sicht. Die Luft der nepalesischen Hauptstadt ist durch Staub und durch die Abgase der Autos und unzähliger Lasten-Mopeds, der so genannten Tuk-Tuks, extrem verschmutzt. Nicht nur deswegen kann sich die Begegnung mit Katmandu für Europäer ohne Asien-Erfahrung durchaus als Herausforderung erweisen: Schmutz, Lärm, Verkehrschaos und vor allem die extreme Armut all jener, die hier auf der Straße leben.

Ist der anfängliche Schock überwunden und das schlechte Gewissen durch Rationalisierung beruhigt (der Tourismus ist die Haupteinnahmequelle Nepals), kann der Besucher die Augen öffnen für die bunte Vielfalt.

Darin eintauchen lässt sich am besten in der Altstadt. Hier hat sich traditionelle Kunst und Architektur der Newar-Kaste, der Ureinwohner Nepals, erhalten. Die mehrstöckigen Ziegel-Häuser sind so wie die Tempel mit kunstvoll geschnitzten Holzverzierungen geschmückt. Herzstück ist der Durbar Square, der Palastplatz, wo sich 50 Tempel, Schreine und Heiligtümer versammeln, fast alle mehrere Jahrhunderte alt. In den engen Straßen der Altstadt reiht sich ein Geschäft an das andere: schmale, oft winzige Läden mit bunt gemischtem Angebot, Mini-Garküchen mit dampfenden Eintopfgerichten, improvisierte Werkstätten, in denen auf uralten Nähmaschinen gearbeitet wird - ein riesiger Basar.

Von den überfüllten Hauptstrassen, in denen sich die Menschen freundlich aneinander vorbei schieben und sich die schwer beladenen Tuk-Tuks und die vielen Fahrrad-Rikschas hupend und klingelnd ihren Weg bahnen, führen kleine Seitengässchen zu den Innenhöfen Kathmandus, die sich wie Bienenwaben aneinander fügen. Hier mischt sich privates mit öffentlichem Leben.

Ein Mann im Anzug überquert langsam den Platz, eine Gruppe von Kindern spielt Fußball, daneben wäscht sich ein Mädchen am Brunnen im Hof die langen, dunklen Haare - die quirlige Stadt macht Atempause.

Lebhafter geht es auf den Hauptstraßen zu. Einwanderer aus anderen Teilen Asiens, besonders aus Tibet, Indien oder der Mongolei beziehungsweise ihre Nachfahren prägen das Straßenbild. Im dichten Gedränge leuchten die wunderschönen Farben der Seiden-Saris der Frauen. Männer hingegen tragen meist westliche Kleidung. Über 40 verschiedene Volksgruppen leben im multikulturellen Königreich Nepal. Das Macht-, Wirtschafts- und Bildungszentrum Katmandu wirkt auf alle wie ein Magnet.

Offizielle Staatsreligion ist der Hinduismus, neben Buddhismus und Islam gibt es außerdem noch eine Vielzahl ethnischer Religionen. Mit der Abgrenzung nehmen es die Gruppen selbst nicht so genau. Es herrscht Toleranz statt Fanatismus - wird zumindest von offizieller Seite versichert.

Religion ist in Nepal ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Vor den zahlreichen Schreinen und Statuen stehen Trauben von Menschen, die beten und ihre Opfergaben darbieten.

In Pashupatinath ist die spirituelle Anziehungskraft besonders

stark zu spüren. Die ausgedehnten Tempelanlagen am Bagmati-Fluss gehören zu den wichtigsten Pilgerstätten für Hindus aus ganz Südasien und sind vermutlich über 2000 Jahre alt. Viele Gläubige kommen hierher, um sich ihren letzten großen Wunsch zu erfüllen - in Pashupatinath zu sterben. Die Toten werden in Anwesenheit der Angehörigen und Freunde auf einem Scheiterhaufen verbrannt, ihre Asche wird in den heiligen Fluss gestreut.

Auf dem Platz vor dem Haupttempel Pashupatinaths herrscht rege Geschäftstätigkeit. Auf den Marktständen stapeln sich Opfergaben, Räucherstäbchen, Pulver in leuchtenden Farben, Buddha-Statuen, aber auch Schmuck und Souvenirs. Als Tourist findet man sich schnell von einer ganzen Schar fliegender Händler eingekreist, die Schnitzereien oder bestickte Tücher anbieten. In safranfarbene Tücher gehüllte Asketen posieren gegen Entgelt für Fotos.

Ob in Bodnath, wo einer der größten Stupa der Welt steht, oder in Swayambhunath, dem buddhistischen Gegenstück zu Pashupatinath, ob in den Tempelbezirken Patans oder auf dem Hauptplatz in Bhaktapur: Reisen in Nepal heißt an vielen Plätzen auch Reisen in eine ferne, mystische Welt. Um dann unvermittelt wieder zurück geholt zu werden in eine Realität, die kontrastreicher nicht sein könnte - und deren Buntheit auch der dickste Smog nichts anhaben kann. Margit Wiener

Info: Beste Reisezeit nach dem Monsun ab Ende September mit klarer Sicht und sommerlichen Temperaturen und im März.
Flüge: Lauda-Air Linienflug Wien-Katmandu nonstop jeden Mittwoch, Rückflug Donnerstag (Zwischenlandung in Delhi); 6.10.-15.12. zusätzlich Freitag Hin- und Samstag Rückflug.
Impfungen: sind nicht vorgeschrieben, werden aber empfohlen (wie Hepatitis, Typhus, Cholera), Auskünfte erteilen z.B. Tropeninstitute und Tropenmediziner.
Empfehlenswerter Veranstalter in Katmandu: "Explore Nepal", P.O. Box 536, Kamaladi, Katmandu, Nepal. Tel. 00977/1/247079.

www.info-nepal.com
www.explore-nepal-group.com.np

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