Störche und Studenten

11. Mai 2005, 15:56
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Gleich neben dem modernen Madrid liegt das altehrwürdige Alcalá de Henares. Für junges Leben in der alten Stadt sorgen tausende Studierende aus aller Welt

Alcalá de Henares erinnert manchmal an eine moderne Metropole. Sobald der aus amerikanischen Spielfilmen vertraute Sirenenton der spanischen "Ambulancia" durch die engen Straßen heult, fühlt sich der Besucher - akustisch - nach New York versetzt. Ist die Sirene verklungen, verschwindet auch der Eindruck von Großstadt. Wirklich laut geht es in dem 160.000-Einwohner-Städtchen nie zu, es sei denn, Real Madrid gewinnt die Champions-League oder die malerische Kathedrale im Zentrum Alcalás läutet ihre Mittagsglocken.

Die unzähligen Störche auf den Dächern und Kirchen, auf spanisch ciguëñas, lassen sich davon nicht stören. Sie sind den vergangenen Winter über in Alcalá geblieben, was der Stadt nach gängigem Glauben für die nächsten Jahre besonderes Glück bescheren sollte. Den ganzen Tag lang kreisen sie über den Dächern der Stadt, und nächtens erfüllen sie Alcalá mit einem dem Neuankömmling unheimlichen Klappern.

Mittags, wenn die Einheimischen Siesta halten, spazieren nur Touristen und Studenten durch die Säulengalerien der autofreien Calle Mayor. Auch die Plaza Cervantes liegt fast menschenleer in der grellen Mittagssonne. Erst früh abends wird der Platz zum gastronomischen und gesellschaftlichen Zentrum, wenn zwischen Blumenwiesen und Plastiksesseln die ganze Stadt mit Kind und Kegel Leben im öffentlichen Raum zelebriert.

Miguel de Cervantes - die Statue des berühmtesten Mannes Alcalás steht mitten am Platz - blickt hoheitsvoll auf das allabendliche Treiben herab. Der Dichter von Don Quijote ist in der Stadt allgegenwärtig. In der Kirche Santa María la Mayor steht das steinerne Becken, das dem spanischen Nationaldichter zur Taufe gereichte. Dem verbürgten Geburtshaus, in dem der Dichter am 29. September 1547 das Licht der Welt erblickte, ist gleich ein Cervantes-Museum angeschlossen, natürlich besitzt Alcalá auch ein Theater Cervantes und ein Cervantes-Institut. Das - angebliche - Wohnhaus ist aber umstritten: Gleich mehrere spanische Städte wollen dem Nationaldichter ein Zuhause gegeben haben.

Alcalá ist stolz auf seine Kulturgeschichte und findet für diese auch weltweite Anerkennung. Im Bürgerkrieg wurde die von einer pompösen Befestigungsmauer umringte Altstadt auf einen vergleichsweise kleinen Kernbereich zusammen gebombt - ein Schicksal, das Alcalá mit vielen spanischen Städten teilt. 1998 wurde dieser Teil der Stadt zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt, was dem malerischen Zentrum nicht nur einen Hauch von Ewigkeit verleiht, sondern auch zur Zerstörung vierstöckiger Bausünden aus den 60-er und 70-er-Jahren führte.

In diesem geschichtsträchtigen Viertel befindet sich eine der ältesten Universitäten Europas, über zehntausend junge Menschen aus der ganzen Welt studieren hier. Das verleiht Alcalá einerseits einen Hauch von Weltstadt, andererseits aber auch den pubertären Charme einer amerikanischen College-Town. Doch die Einheimischen lassen sich nicht verdrängen, und so bietet das Straßenbild der Universitätsstadt eine bunte Melange aus Generationen und Nationen.

Die für eine Kleinstadt überdurchschnittliche Beisldichte ist vor allem den vielen Studenten zu verdanken. Kaum ein Tag, an dem nicht Einweihungs-, Begrüßungs-oder Abschiedsfeste gefeiert werden. Kaum eine Ecke, wo nicht Bierreklame lockt und sich scharenweise Jugendliche die Klinke in die Hand geben. Und wer einmal das spanische Nachtleben genossen hat, weiß: es beginnt spät und dauert dafür umso länger.

In den Discos in Alcalá versammelt sich vorwiegend das junge, einheimische Publikum, während die Studenten von außerhalb die Bierlokale, cervecerias, bevölkern. Dort wird oft zu jedem Bierchen ein Teller Tapas serviert, und manch durstiger Sparefroh nimmt so nach und nach ein ganzes Abendessen zu sich: spanische Tortilla, getrockneter Thunfisch, gebratene Schweinslende, lomo, oder pikanter Serrano-Schinken. In der Bar "Nino" in der Calle Mayor treffen melancholisch blickende Einheimische und Fremde auf der Suche nach Authentizität aufeinander: Der Seniorchef gibt lautstarke Anweisungen quer durchs Lokal und versorgt seine Gäste, äußerst preisgünstig, mit so pikanten Dingen wie frittierten Schweinsohren, orejas, oder gekochten Schnecken, caracoles.

Wem Alcalá doch einmal zu eng wird, der hat die spanische Metropole gleich vor der Haustüre. Die Zugverbindung ins nur dreißig Kilometer entfernte Madrid ist modern und schnell: 40 Minuten vom Hauptbahnhof in Alcalá zur Estación Atocha im Zentrum der Millionenstadt.

Der Kontrast zwischen dem modernen Madrid und dem altehrwürdigen Alcalá ist enorm: Auf der einen Seite das bürokratische Zentrum eines zentralistischen Staates, eine politische Schöpfung der spanischen Könige, die erst durch die rasante verkehrstechnische Entwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts zur wirklichen geistigen und kulturellen Hauptstadt des Landes avancierte. Praktisch angrenzend daran, das über viele Jahrhunderte Gewachsene, das bereits den Römern als Bleibe diente und von den Mauren seinen Namen erhielt - al-Kal'a, die Festung.

Die nahe Metropole und die jungen Zuwanderer auf Zeit beleben Alcalá, geben der Stadt etwas von ihrer Urbanität. Wer etwa spätnachts Lust auf Tapas bekommt, geht - ganz wie in einer Weltstadt - einfach in einen der kleinen Straßenläden, die fast durchgehend offenhalten. Der Heimweg führt dann wieder weit weg von der Metropole: Das geheimnisvolle Klappern der Störche begleitet die frühmorgendlichen Spaziergänger. Hannes Uhl

Infos: Oficina de Turismo Alcalá, Tel. 0034 / 91 / 889 26 94 www.euro-red.com/alcala/ oder alcala.henares.net

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