Date mit Dracula

1. Juli 2005, 13:36
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Von walachischen Fürsten und geheimnisvollen Schlössern - eine Spurensuche im rumänischen Transsylvanien

Der pure Horror: Dracula sieht aus wie Frankensteins Monster und brüllt wie Godzilla auf Trampeltour. Gnade den Geschöpfen, die vor der Gruft des Grafen Schlange stehen.

Das Schloss des Blutsaugers liegt am Borgo Pass im rumänischen Transsylvanien. Es ist zwar in Wirklichkeit ein Hotel, des Hausherrn Fangzähne sind made in Hongkong und seine Opfer Touristen. Aber das Geisterbahn-Feeling zieht immer noch; auch 103 Jahre nachdem Bram Stoker seinen legendären Roman veröffentlicht hat. Dabei war der irische Autor nie hier. Nie am Borgo Pass, den er sich einfach aus einem Geografiebuch ausborgte und damit den Auftakt zum Tanz der Vampire schuf.

Neben dem "Hotel Dracula", das 1997 Heimstätte des ersten Dracula-Weltkongresses war, gibt es für Vampirjäger auf Pilgerfahrt durch das Karpatenland noch weitere lohnende Stationen: Das Castelul Bran am gleichnamigen Pass etwa. Die Törzburg, wie sie auf Deutsch genannt wird, ist eine wirkliche Burg, mit Türmen, Schießscharten und Verließ. Dass in den Gemäuern aus dem 14. Jahrhundert irgendwann Draculas historische Vorlage, der walachische Fürst Vlad III. Tepes Draculea, gelebt haben soll, ist aber auch nur ein - in Touristenkreisen hartnäckiges - Gerücht. Mit hanging around hat sich hier nur Großvater Dracula, Vlad I., die Zeit vertrieben. Offene Särge oder Knoblauchketten sucht man also vergeblich.

Egal, Fledermäuse beflügeln jedenfalls die Fantasie. Ein paar Gläser Tuica, eine rumänische Obstler-Variante, übrigens auch. Achtung, der milde Schnaps kann verheerende Wirkung erzielen. Und es geschieht nur allzu leicht, dass am Morgen danach ein Fremder aus dem Spiegel schaut - aber Hauptsache, es erscheint überhaupt ein Spiegelbild. Andernfalls wäre es angebracht, Tageslicht für immer zu meiden.

Im mittelalterlichen Städtchen Sighisoara (Schäßburg) ist Schluss mit lustig. Hier saugte sich der gar schreckliche Adelige tatsächlich einige Zeit durchs Leben - bis er dem Stillalter entwachsen war.

Und auch heute noch fließt im zweistöckigen Vlad-Dracul-Geburtshaus im Stadtzentrum kostbarer Saft. Frisch gezapft. Mit dem dritten Bier steigt auch wieder der Blutrausch in den Kopf. Grausam müsse Vlad III. schon gewesen sein, erzählt der Wirt bereitwillig. Sonst hätte der Fürst aus dem Geschlecht Dracula wohl nicht den Beinamen "der Pfähler" (Tepes) erhalten.

Aber das 15. Jahrhundert war halt generell ein eher ungemütliches Zeitalter. Aufspießen, abschneiden oder zerquetschen beherrschte jeder Folterknecht quer durch Europa. Mit seinen brutalen Methoden gelang es dem walachischen Herrscher immerhin, sich eine Zeit lang gegen die auch nicht gerade als zimperlich verschrieenen Osmanen zu wehren. Dafür ist ihm in der rumänischen Geschichtsschreibung ein heroischer Platz reserviert. Was Bram Stoker und danach viele Filmemacher - der erste war 1922 Friedrich Wilhelm Murnau mit seinem Schocker "Nosferatu, eine Symphonie des Grauens" - aus dem historischen Stoff gemacht haben, ist im heutigen Rumänien nicht unumstritten. So mussten beispielsweise Schulbücher, die den echten Vlad und den erfundenen Dracula in einem Atemzug genannt hatten, nun eingestampft werden.

Auch wenn sich der Pfähler ob der Aufarbeitung seines Lebens bis heute schon unzählige Male im Grab umgedreht haben dürfte; davon, dass seine Gebeine jemals freiwillig den Sarg verlassen haben, ist im Kloster Snagov in der Nähe von Bukarest nichts bekannt. Hier soll das alter ego von Bela Lugosi, Christopher Lee und Klaus Kinski begraben worden sein. Der Sarkophag, so steht es geschrieben, sei aber tatsächlich einmal geöffnet worden: 1477, ein Jahr nach Draculs Ermordung, habe ein türkischer Sultan darauf bestanden, den Totenschädel des ehemaligen Erzfeindes zu sehen. Sicher ist sicher. In diesem Sinne: Ein halbes Kilo Knoblauch ist im Supermarkt schon ab zwanzig Schilling zu haben. (Michael Simoner, Der Standard, Printausgabe)

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