Leopard von oben

25. Mai 2005, 11:42
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Vom Ballon aus sieht man Kenia als nicht-teilnehmender Beobachter. Nilpferd und Elefant tun, als wär man gar nicht da - eine Fahrt im Heißluftballon über dem Masai Mara Reservat

Wer in den Himmel will, muss früh aufstehen: Punkt fünf Uhr morgens läutet das Zimmermädchen mit einem kleinen Glöckchen vor dem Zelteingang in der "Mara Intrepids"-Lodge und ruft "Good mornig Sir, your tea is ready!" Weckruf in der Masai Mara - Beginn eines Tages, dessen Höhepunkt eine Fahrt im Heißluftballon über diesem wildreichsten Reservat Kenias werden soll.

Masai Mpele wünschte beim Aufbruch auf die Schnelle noch einen guten Morgen. Er hatte die Nacht über vor den vier Zelten in diesem Winkel der Anlage gewacht. Sein Gewehr trug der Zwei-Meter-Mann mit dem Lächeln eines kleinen Jungen locker geschultert. Sein traditioneller Speer steckte ein paar Meter von hier ersatzweise im Boden. Nicht vor Banditen solle er schützen, erzählte Mpele. Nein, er stehe hier in erster Linie, um allzu aufdringliche Tiere abzuwehren - Nilpferde zum Beispiel, die es nach dem Bad im Talek River ans "falsche" Ufer ziehen könnte.

Die hauchdünne Hülle des Heißluftballons aus reißfestem Nylon wird von Helfern auf dem feuchten Gras der Steppe in unmittelbarer Nähe des Camps ausgebreitet, der geflochtene Weidenkorb herangerückt. Pilot Alan wirft zwei röhrende Ventilatoren mit Riesen-Propellern an, die Luft in die schlaffe Hülle hineinfegen. Zentimeter um Zentimeter richtet sie sich auf, bis die Höhe eines zehnstöckigen Hauses erreicht ist. An seiner breitesten Stelle misst der Ballon dann 30 Meter. Sein Volumen bringt es auf stattliche 7000 Kubikmeter.

Alan lässt einen ersten kräftigen Feuerstoß aus dem Gasbrenner fauchen. Langsam hebt der Ballon ab. Taue werden gekappt. Sprachwirrwarr, Kommandos am Boden und in der Luft, hektische Betriebsamkeit für ein paar Sekunden. Im Zeitlupentempo erreicht der Korb die Gipfel der Affenbrotbäume und steigt langsam weiter auf etwa 250 Meter Höhe. Kein Ruck, kein Schwanken. Fast unmerklich zieht es uns in die Höhe. Am Horizont klettert gerade die Sonne hinter den Hügeln hervor. Die Regenfälle der letzten Tage haben der Savanne auf dem Hochplateau des Masai Mara-Reservats gut getan. Aus Rinnsalen sind wieder Flüsse geworden, aus lehmigen Tümpeln stattliche Wasserstellen, aus ausgelaugten Böden nach längerer Trockenheit über Nacht wieder sattgrüne Weidegründe.

Die Ballonfliegerei in Kenia hat bereits eine jahrzehntelange Tradition und geht auf den englischen Schriftsteller Anthony Smith zurück, der 1962 in seinem Ballon "Jambo" von Sansibar aus übers tansanische Festland hinweg bis zum kenianischen Rift Valley fuhr. Seitdem sind hier unzählige Ballone aufgestiegen - an Bord auch Jackie Kennedy-Onassis, Robert Redford, Paul Simon und Goldie Hawn. Knapp eine Million Schilling kostet ein solcher Heißluftballon in der Anschaffung - Geld, dass spätestens nach 400 Flugstunden wieder eingespielt sein muss, denn länger übersteht er die afrikanische Sonne nicht. Und nicht jeden Morgen kann aufgestiegen werden. Bei Windgeschwindigkeiten von mehr als 24 Stundenkilometern bleibt das Gefährt am Boden.

Als ob der Ballon am Himmel Anker geworfen hätte: Tief unter ihm erwacht die Masai Mara. Büffel baden im Fluss. Nilpferde paddeln im Talek River und grunzen dabei so zufrieden in einer Lautstärke, dass man es oben am Himmel hört. Elefanten duschen sich an einer Wasserstelle. Die ersten Zebras traben über die Steppe. Ein Antilopenjunges reckt sich wie Disneys Bambi. Weder Heißluftballone noch Landrover lösen hier im Normalfall Fluchtverhalten aus. Das ändert sich erst, wenn sie den Tieren viel zu nah kommen sollten.

Alan variiert die Reisehöhe. Er macht es spannend und lässt den Ballon zeitweise nur so knapp über den Baumwipfeln schweben, dass man Blätter pflücken könnte. Und auch der König der Steppe bleibt bei Tagesanbruch nicht länger im Verborgenen: Im Schatten eines Affenbrotbaumes döst ein Leopard. In den Wipfeln über ihm thront ein Geierpärchen wie Rache-Engel, die auf einen neuen Beutezug der Raubkatze hoffen. Als keineswegs gleichberechtigte Kompagnons gesteht ihnen das Gesetz der Wildnis nur das Aas zu.

Alan lässt keine 500 Meter von dieser Stelle den Ballon heruntergehen. Von ferne beäugen Giraffen interessiert, wie die Passagiere aus dem Korb klettern. Helfer haben die Route am Boden mit Geländefahrzeugen nachvollzogen, sind bereits an Ort und Stelle, bergen den Ballon und tischen mitten in der Masai Mara ein Champagnerfrühstück auf: edler französischer Schaumwein Jahrgang '97, frisch gepresster Orangensaft, Rührei und Schinken, Melone, eine Vielzahl kleiner Köstlichkeiten.

Der Leopard hält derweil Abstand. Seinen großen Auftritt vor Publikum hat er erst Punkt 18 Uhr. Die Uhr könnte man danach stellen. Auf der Bar-Terrasse des noblen Zeltcamps wartet zu dieser Zeit das Publikum. In der linken Hand ein Glas Gin-Tonic, in der rechten ein paar Erdnüsse oder Cracker. Geschichten eines spannenden Tages im Herzen Kenias werden ausgetauscht und verebben urplötzlich: atemlose Stelle. Die Raubkatze ist auf der Bildfläche erschienen und schwingt sich keine 30 Meter entfernt in einen Baum am Ufer des schmalen Talek River. Mit Tatzen und Zähnen hangelt sie nach Hammelfleisch, das dort zuvor im Geäst befestigt wurde. Mit einem wuchtigen Prankenhieb reißt der Leopard die Beute herunter und schleppt sie dahin, wo er unbeobachtet ist. Weiter weg, tief hinein in die Wildnis. Dorthin, wo er der Herr ist. Zwei feige Hyänen haben sich zu spät aus dem Halbdunkel hervorgetraut. Für sie bleibt diesmal nichts.

Irgendwann gerät die Sensation zur Normalität. Das Interesse wendet sich wieder den Gin-Tonics zu - Alltag im Camp, Abendunterhaltung nach einer Ballonsafari am Himmel über Ostafrika. (Helge Sobik, Der Standard, Printausgabe)

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