Kritik am Umgang mit Medien

Medienanwältin fordert "Ordnungsruf" für jene Behörden, die sensibles Material an Medien weiter geben

Wien/Amstetten - Nach der Diskussion um die mediale Berichterstattung über den Amstettner Inzest-Fall hat nun auch eine Auseinandersetzung über die Namensnennung und Veröffentlichung von Bildern seitens der Exekutive und Behörden begonnen. Mit der Nennung des Familiennamens des Verdächtigen und seiner Opfer vor laufender Kamera habe die Polizei das Vertrauen der Opfer missbraucht, sagte Astrid Zimmermann vom Medienhaus Wien. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft St. Pölten, Gerhard Sedlacek, wies diese Vorwürfe zurück.

Intimsphäre verletzt

Die Wiener Medienanwältin Maria Windhager kritisierte, es gebe "kein Bewusstsein für den Opferschutz". Den Behörden fehle es grundsätzlich an einem "adäquaten Umgang mit den Persönlichkeitsrechten der Opfer". Die Veröffentlichung der Bilder des Amstettner Verlieses stellt nach Ansicht Zimmermanns eine "Verletzung der Intimsphäre der Opfer" dar und bringe die Ermittlungen nicht weiter.

Ordnungsruf

Juristin Windhager äußerte "großes Unbehagen, dass die Polizei so viel preisgibt". "Es wäre Aufgabe eines Opferanwalts, einen wirksamen Opferschutz auf allen Ebenen durchzufechten." Im Zusammenhang damit regte die Anwältin einen "Ordnungsruf der Staatsanwaltschaft" an. Die sei jedoch nicht möglich, meinte Sedlacek am Freitag: Etwa liege die Nennung der vollen Namen der Kinder Elisabeth F.s durch den Leiter der Jugendwohlfahrt Amstetten, Hans-Heinz Lenze, bei live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenzen "im Bereich der verwaltungsbehördlichen Verantwortung". Auch gegenüber der Polizei könne die Staatsanwaltschaft keinen Ordnungsruf erteilen, da diese "dienstrechtlich nicht der Polizei vorgesetzt" sei. Das wäre laut Sedlacek Aufgabe des Innenministeriums.

Dass die Medien die vollen Namen nannten, sei zwar "problematisch". Der volle Name der im Krankenhaus liegenden Tochter des Beschuldigten und der von Elisabeth F. sei aber schon vor dem Auffliegen des mutmaßlichen Verbrechens bekanntgewesen. Schon am 21. April hätte die Polizei nämlich via Fernsehen einen Suchaufruf gestartet, weil das Spital dringend Informationen von der vermeintlich verschollenen Mutter der schwer kranken 19-Jährigen benötigte.

Staatsanwalt: Foto-Veröffentlichung "zulässig"

Im konkreten Fall wurde die Veröffentlichung von Bildern und Namen mit der zuständigen Staatsanwaltschaft St. Pölten abgesprochen. Die Freigabe der Fotos des mutmaßlichen Täters habe Ermittlungszwecken gedient und sei in der Strafprozessordnung (§ 169 StPO) geregelt, sagte Sedlacek. Auf den drei von der Staatsanwaltschaft freigegebenen Verlies-Bildern seien "keine höchstpersönlichen Details" zu sehen, weshalb die Veröffentlichung zulässig sei. So seien etwa die Polizei-Fotos des Schlafraums nicht freigegeben worden, da sie die Intimsphäre der Opfer zeigen, meinte Sedlacek.

Zweites Mal zum Opfer gemacht

Zimmermann stieß sich vor allem an der öffentlichen Nennung der Familiennamen der Opfer seitens der Behörden und der Polizei: "Spätestens, wenn sie ihre momentane Schutzzone verlassen, werden sie ein zweites Mal zum Opfer gemacht." Durch das Bekanntsein ihrer Nachnamen erschwere sich das Fußfassen an einem anderen Ort. "Wie kommen die Opfer dazu, dass sie eine neue Identität annehmen müssen?", fragte sie. Der dadurch entstandene Schaden für Elisabeth F. und ihre Kinder sei "nie wieder gutzumachen". "Offensichtlich gilt der Opferschutz für die Polizei nicht", konstatierte Zimmermann.

Keine Zurückhaltung

Peter Vitouch, Professor für Medienpsychologie an der Universität Wien, hatte im APA-Gespräch den Eindruck, die Polizei rede sich in Bezug auf die Öffentlichkeitsarbeit - konkret die Pressekonferenzen vor laufenden Kameras - im gegenständlichen Fall "etwas von der Seele". Er "wundere" sich über die polizeiliche Medienarbeit: "Manche äußern sich ohne Zurückhaltung."

Der Exekutive wäre daher ein professioneller Kommunikationsberater anzuraten, waren sich Vitouch und Zimmermann einig. Die Ermittler seien laut Vitouch puncto Medienarbeit "in gewisser Weise alleingelassen" und bräuchten eine Kommunikationsschulung. Zimmermann: "Das ist ein Fall von Krisenkommunikation." Die Beiziehung von Spezialisten wäre geboten.

Vitouch meinte, den Medien könne man keinen Vorwurf machen, wenn sie etwa die Verlies-Bilder publizieren. "Dies ist in erster Linie die Bringschuld der Polizei und Justiz", meinte der Wissenschafter, "Journalisten können nicht päpstlicher sein als der Papst." Laut Zimmermann liege die Letztverantwortung dennoch bei den Medien. Auch wenn die Polizei "Fehler" gemacht habe, "müssen die Medien das Medienrecht einhalten".

(APA)

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24 Postings
Privaträume = Privatsphäre!

Auf den drei von der Staatsanwaltschaft freigegebenen Verlies-Bildern seien "keine höchstpersönlichen Details" zu sehen, weshalb die Veröffentlichung zulässig sei. So seien etwa die Polizei-Fotos des Schlafraums nicht freigegeben worden, da sie die Intimsphäre der Opfer zeigen, meinte Sedlacek.
Die Intimsphäre beschränkt sich nicht auf das Schlafzimmer. Ich möchte nicht dass Fotos meiner Wohnung - Badezimmer, Wohnräume etc. öffentlich publiziert werden. Das würde ich als Verletzung meiner Privatsphäre empfinden.
Ähnlich ging es NK, ihr Verlies war schließlich auch ihr zuhause, hier ist es genauso.

Der User finanziert die Medien!

Die Grausamkeiten dieser Tat werden uns noch wochenlang stückerlweise serviert werden.

Es ist nur eine Frage der Zeit bis wir wissen, dass F. auch die Tochter seiner Tochter mißbraucht hat ...ein Kind mit ihr hat ... er auch in Thailand "pervers" war .. und selbst bei seinen Geschäftspartner zu gewaltätigen Äußerungen neigte ..

Weiter dauert es sicher nicht mehr lange bis 2 Millionen für ein Bild der Opfer geboten werden und tatsächlich auch einen gemacht und weltweit veröffentlicht wird .. inklusive eines bedauernden Begleitschreibens wer beim Opferschutz aller versagt hat .. und was da zu unternehmen gewesen wäre ..

Opferschutz bedeutet auch Zivilcourage, das Rückrat diese Infos nicht zu kaufen sondern aktiv dagegen vorzugehen.

Dienstrechtliche Implikationen

hat die Sache auch, wie jemand gepostet hat. Dienstaufsicht des Innenministeriums über die tröpfelnd Details herausrückenden Sicherheitsorgane, um genau zu sein.

Es hat überhaupt keinen Sinn, etwas

geheimhalten zu wollen, was schon jeder weiß. Jeder Amstettner kennt das Haus, und jeder kann sich im Telefonbuch überzeugen, wer da drin wohnt, wenn er ihn nicht sowieso kennt. Es wäre geradezu unfreiwillig grotesk, wenn in dieser Situation nur die Polizei stur nur von den "F." reden würde; die Medien würden trotzdem schreiben, was sie wollen (siehe Foto- und Filmmaterial, das ja auch nur aus dem privaten Umfeld gekommen ist).
Wenn Details aus dem Ermittlungsakt bekannt werden, würde ich mir (cui bono) auch zuerst den Anwalt und seine Kanzleiangestellten vorknöpfen, bevor ich die Polizei oder Staatsanwaltschaft verdächtige.

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ich denke nicht, dass es unfreiwillig grotesk wäre.
jeder amstettner kann zwar im telefonbuch nachschlagen aber er muss zuerst einmal das telefonbuch aufschlagen. wenn man den vollen namen einfach so "serviert" bekommt, dann prägt er sich ein, so wie der name einer berühmten person. den nachnamen von Madonna kann man sicher auch leicht herausfinden und trotzdem hat ihn nicht jeder sofort parat.

herr polzer macht mit fotos weiter -

nicht genug damit, dass er den täter als intelligent bezeichnete und als triebstark halb exkulpierte -, und herr fellner pixelt porträts auf sein titelbild.

die nö polizei veröffentlicht zizerlweise weitere details, die wie ein porno rezipiert werden. männer, es reicht!

Die STA sollte Lesen lernen.......

Zitat §169 StpO....Über weitere Anordnung der Staatsanwaltschaft kann sie öffentlich bekannt gemacht werden, wenn die Ausforschung des Beschuldigten oder die Auffindung einer anderen Person andernfalls wenig erfolgversprechend wäre und der Beschuldigte einer vorsätzlich begangenen Straftat...

Der Täter ist bereits verhaftet also keine Ausforschung und andere Opfer sind nicht aufzufinden weil es keine imKeller mehr gibt!
Erstaunliche Intelligenzriesen sind bei der STA in NÖ tätig oder sie sind unverschämt!
Ich will damit den Täter nicht schützen aber die hanebüchene ,windige Argumentation für Rechtsbrüche durch die Behörden und die STA nerven! Auch die STA steht nicht über dem Gesetz!!

Schweinerei!

Ich fand es befremdlich, wie schnell der volle Name und ein Bild der Geschädigten publiziert wurden.

Und wenn die ehelichen Kinder jetzt von "Ekel" in den Verhören sprechen, verstehe ich nicht, wie das nun in die Öffentlichkeit kommen kann.

Gibt es keine Schweigepflicht für Polizeiverhöre?
Gibt es keine ärztliche Schweigepflicht?

Oder kann man das in diesem Fall einfach missachten!!

Was mich persönlich stört, ist der Umstand, dass....

....... bereits zwei oder drei Tage später im News das Foto der Geschädigten (Mutter der sieben Kinder) gezeigt wurde!

Ein Foto aus dem Hauptschulalbum!

Da gehört einfach eine Verantwortung den Medien!

Und dazu gehören hohe Entschädigungszahlungen!

Weiters: Der Oberst Polz, welcher alle Details - auch schon im Giftfall Krems und in der Schießerei mit den falschen Polizisten - preis gibt!

Was mich aber seit Kampusch am meisten wundert:

Die bereitwilligen Auskünfte der behandelnden Ärzte und Psychologen!

Gilt für die keine ärztliche Schweigepflicht?

Tja am selben Abend der Entdeckung der Opfer wurde der Opferschutz von unserem tollen schwarzen Innenminister in der ORF Diskussion in die Welt posaunt, aber sich dafür real hat er sich nicht eingesetzt!

Platter misst stets mit zweierlei Maß -- dasselbe in Sachen Datenschutz.

Es geht die nackte Angst um

in den Amts- Polizei- und Politfunktionärsstuben, dass der `Schwarze Peter´ bei einem selbst hängen bleiben könne.
Darum wird die internationale mediale Meute mit Details gefüttert, was das Zeug hält.

die anwältin ist echt gut und hat wirklich erfahrung, das sieht man auf anhieb

in dem umkreis von amstätten und umgebung spricht sich der name der opfer und des verdächtigen sowieso hin windeseile herum

ob da polizisten was sagen oder nicht und zeitungen was schreiben oder nicht, ist da schon egal

Nicht

bloß der Inzestfall, sondern auch der mangelnde Opferschutz sind Symptome ein und derselben Gesellschaft. Österreich bleibt aktuell ein offenes Buch.

Offen und frei drüber reden dürfen

Es ist die ganze österreichische Gesellschaft involviert, und die Diskussion gehört zur Verarbeitung dieses sozialen Verbrechens. Die Medien sind die Verantwortlichen dafür, daß die Gesellschaft als Ganzes sich hier beteiligt. Wir sind alle involviert, es geht nicht um die Intimsphäre beileibe nicht! Ein Inzest betrifft uns alle, ganz Österreich ist hier involviert. Also bitte dies nicht zur privaten und intimen Sphäre zurückschieben wollen.

Unerhört....

Weder lebe ich in Amstetten noch kenne ich Opfer und Täter , ich verwahre mich dagegen als involviert bezeichnet zu werden!
Diese ihre "Sippenhaftungstheorie" empfinde ich als unerhört!
Wenn sie die Anrainer des Tatortes meinen so könnten sie recht haben aber bitte was hat ein Bregenzer oder Wiener für eine Mitverantwortung ..
Außer dass er keine Zeitung kaufen sollte die diese Tat mediengeil ausschlachtet! Diese Mitverantwortung hat jeder zu tragen, dass Medien kein Geschäft mit dem Unglück einzlner machen können!

Der gemeinsame Schoß

Es ist die allgemein üblich gewordene Gesetzesmissachtung, von Kärntens Ortstafeln bis zu den Parteiakten des Innenministeriums, vom Überqueren der Straße bei rot bis bis zur Missachtung der Zebrastreifen DER gemeinsame Schoß, aus dem das alles kroch, bis zu F.'s Untaten.

Offensichtlich ist die Atmosphäre "Nur Idioten halten sich an die Gesetze" - und DIE muss radikal verändert werden.

Tragödie

Ich sehe da kein Problem, dass die Verlies-Bilder, die keine höchstpersönlichen Details vorweisen, veröffentlich wurden.

Aber es dürfen auf keinen Fall die Bilder von den Kindern hergezeigt werden!!! Das wäre wirklich sehr traurig. Ich bin ja jetzt noch ganz entsetzt, dass ein Mann zu so einer Tragödie fähig ist. Das sind ja alles wirkliche Personen und keine Moviestars!!

@roxanne
Eigentlich wollte ich mich dazu nicht äußern, aber sie müssen mir bitte etwas erklären:
wie können sie so entsetzt sein, dass ein Mensch so was tun kann? Leben sie in sooo behüteten Kreisen, dass sie nie von Bösem hörten und meinen, das gäbs nur im TV?
Haben sie noch nie von KaZets gehört? Haben sie noch nie von echten Kriegen mit Gräueltaten gehört? Haben sie noch nie von überaus bösen Taten überaus böser Menschen gehört? Wissen sie nicht, dass Menschen zu allen Abgründen des Bösen, ebenso wie zu allen Höhen des Guten fähig sind? Bitte, antworten sie mir, ich meins ehrlich. Denn für mich sind die Menschen ein Phänomen, die so entsetzt sind, dasses sowas gibt. Außer sie kannten ihn persönlich, das wär evtl. was anders.

zack - schon erschienen die Bilder der Kinder groß im nächsten Boulevardmonatsmagazin.

Heut im Fernsehen hat man sogar anschaun können wo der "Teufel" oft mit seiner Familie gegessen hat (er hat eine pizza capicosa bestellt und ist auf dem einen tisch links neben dem Eingang gesessen ist. Dann wurde auch noch sein Lieblingsbadeplatz an der Ybbs gezeigt wo er auch gern gegrillt hat (leider wurde ober er da die Kotllettes eher blutig oder durch am liebsten hatte)...

Es ist zum kotzen...

Der Mediengeilheit und Sensationslust des Volkes sind keine Grenzen gesetzt. Dann wird noch ein Film darüber gedreht...die Nachbarin schreibt ein Buch darüber und die Kinder bekommen eine Fernsehshow....

mir doch egal ...

ICH möchte informiert werden, egal von wem ....

fernseher abdrehen,

oder gar nicht erst aufdrehen. in den internetmedien die entsprechenden klicks vermeiden. man _kann_ etwas tun..

Der Mann ist zu diesem Verbrechen fähig gewesen.

Tragödie ist verharmlosend.
Es reicht, dass die Polizei verharmlost, wir müssen das nicht auch noch tun.

Eine MEDIENANWÄLTIN

im Dienst der VERHEIMLICHUNG.

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