
Niemand wollte Gouardos Geschichte, die 28 Jahre vom heute toten Adoptivvater vergewaltigt und sechsmal von ihm geschwängert wurde, hören. Als sie von Amstetten las, meldete sie sich bei Medien.
Noch unglaublicher ist die öffentliche Reaktion: Vertuschen, Verdrängen, Schweigen. Nach dem Tod des Peinigers kam wenigstens die Stiefmutter 2007 vor Gericht. Sie hatte Lydia unter anderem in siedendes Wasser geworfen und den Vergewaltigungen - manchmal drei pro Tag - anspornend beigewohnt; zudem hatte sie sich selbst an einem Sohn vergangen. Lydia Gouardo wünschte einen offenen Prozess. Seltsamerweise verwies das Gericht aber das Publikum vor die Tür.
Das Urteil war eine mehrjährige Haftstrafe, doch sie wurde auf Bewährung ausgesetzt. Das Berufungsgericht bestätigte den Schuldspruch vor zwei Wochen - nur wenige Zeitungen berichteten.
Bürgermeister: "Beschmutzen Sie Coulommes nicht"
Eine Journalistin der Zeitung Libération begab sich immerhin nach Coulommes, 60 Kilometer östlich von Paris. Der frühere Bürgermeister erklärte ihr: "Ja, ich wusste es, das ganze Dorf wusste es. Aber beschmutzen Sie Coulommes nicht. Was die Leute untereinander treiben, hat uns nicht zu beschäftigen." Lydia Gouardo erklärte ihrerseits: "Ich bin wütend auf meine Nachbarn. Einige wohnten schon damals dort und sagten nichts."
Am Unglaublichsten ist die Untätigkeit der Behörden. "Niemand wollte meine Geschichte hören", sagt die Frau, die kaum je zur Schule gegangen ist und heute mit ihrem Freund und ihren Kindern auf dem Bauernhof ihres Vaters lebt. Die Gendarmerie sei mehrmals alarmiert worden, habe aber nie reagiert. Beim Prozess gab es dazu keine Unterlagen - auch nicht vom Spital, wo das Mädchen mehrmals wegen Verbrennungen behandelt worden war. Ähnlich ging es ihr, als sie ihre Kinder gebar. "Wenn die Krankenschwestern fragten, wer der Vater sei, sagte ich, wie es ist. Niemand hat jemals reagiert."
Von Le Parisien gefragt, was sie zu dem Inzestfall in Amstetten meine, erklärte Lydia Gouardo diese Woche: "Ich sagte mir, dass sie (Elisabeth F.) mehr durchgemacht hat als ich. Ich habe Lust, dieser Frau zu helfen. Vielleicht gibt es andere solche Fälle in den Dörfern, wo die Leute ihre Läden schließen." Andere französische Zeitungen und Fernsehsender, die ausführlich aus Amstetten berichten, ignorierten die Aussage der Französin. In ihrem eigenen Land, wo Inzest kein Delikt ist, ist Lydia Gouardo kein Medienthema. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD-Printausgabe, 2.5.2008)
die schlussfolgerung von stefan braendle ist falsch: in frankreich ist inzest zwar keine straftat, aber vergewaltigung und sexuelle ausbeutung von abhaengigen und minderjaehrigen sehr wohl. der vater war ihr adoptivvater, "blutschande" war es also nicht. ganz schlimm finde ich den satz des franzoesischen buergermeisters. das treibt einem die zornesroete ins gesicht. wundern taete es mich nicht, wenn in amstetten aehnlich vorgegangen wurde, man einfach die laeden schloss und nichts wissen wollte. aus angst um den ruf der gemeinde.
"In ihrem eigenen Land, wo Inzest kein Delikt ist, ist Lydia Gouardo kein Medienthema."
Das suggeriert einen Kausalzusammenhang. Nur: Bei Lydia Gouardo war es gar kein Inzest (Adoptivvater).
Das beleuchtet schön die derzeit grassierende Idiotie, immer vom "Inzest-Fall" von Amstetten zu schreiben. Wäre das Verbrechen denn so viel weniger schrecklich, wenn Elisabeth Fritzl nicht das leibliche Kind von Josef Fritzl gewesen wäre?
Wie von Vorpostern schon gesagt: Kindsmissbrauch, Vergewaltigung, Freiheitsentziehung, Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses, Körperverletzung usw. ist alles strafbar. In Frankreich ebenso wie hierzulande. Es muss wohl der Reiz des Tabus sein, der die Zeitungen so auf den Inzest fokussieren lässt.
wenn es sich um inzest handelt - die daraus entstehenden kinder tragen ein höheres risiko von bestimmten genetisch bedingten erkrankungen. im übrigen kann ich mir vorstellen, dass es für ein kind umso schlimmer sein muss, wenn der vergewaltiger der eigene vater ist, der ja DIE vertrauensperson sein sollte.
An 'Gottes Ebenbild' 20:00
Da sprechen Sie einen Punkt an, der auch mich sehr beschäftigt, ja im Namen der Opfer sogar sehr quält! Was ich sehen konnte, gehen z.B. die englischsprachigen Medien nicht so vor.
Ich kann es nur mit - völlig irrelevanten - Satz- oder Rubriktechnischen Argumenten "erklären". Inzest ist wesentlich kürzer als z.B. "Einsperren der Tochter", und außerdem (es schäme sich Der Standard!) "klatschiger".
Ich habe kein Verständnis, zumal die Kinder (aber auch die Mutter), sollten sie ihre Zukunft in Österreich aufbauen wollen, für immer als die Ergebnisse einer unnatürlichen Beziehung abgestempelt werden. Ich hoffe jeden Tag, bisher vergeblich, dass sich die österreichischen Medien übernacht besonnen haben werden!
Na ja, hier heißt die Rubrik immerhin "Martyrium im Kellerverlies". Man könnte J.F. ja "Kerkermeister von Amstetten" statt "Inzest-Vater" nennen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es weniger Probleme mit dem Satzbau oder dergleichen sind, sondern Kalkül: Sex sells. Und Inzest noch viel mehr.
Frage mich auch, wie der Schutz der Opfer in Zukunft aussehen soll. Schwierige Sache.
dass missbrauch durch adoptivvater und stiefmutter nichts mit inzest zu tun hat?
und dem rest der sensationsgeilen journaille auch im standard, dass der jahrelange missbrauch im familienkreis das problem ist und nicht die "blutschande"?
das unwort des jahres steht jedenfalls schon fest, und es ist "inzest" als kollektiv falsch verwendeter begriff durch journalisten, deren reflektion endet wo die sensation beginnt.
Es sind aber nicht nur die Journalisten, die es falsch verwenden, sondern auch Betroffene höchstpersönlich.
Kuxdu hier: http://derstandard.at/?id=3322733
Heißt es eigentlich immer noch "Blutschande" in den Gesetzestexten? Da find ich echt eine Schande! "Schändung" hat es ja auch einmal als hochoffizielle Bezeichnung für ein Delikt gegeben.
Richtig!
Ich würde nicht beurteilen wollen, was an diesem Fall das Schlimmste ist - die Vergewaltigungen, das Eingesperrtsein in einem Kellerloch, die Dauer des Verbrechens etc. etc. Fest steht: der Inzest ist es nicht (Inzest kann - egal wie man dazu steht - auch einvernehmlich passieren ...)
als einen verfolgenswerten aspekt: begünstigung eines verbrechens durch nachbarn und dorfgemeinschaft!
denn was ist der boden, auf welchem solche grauenhaften taten möglich sind?
es ist eine sache solche meiner meinung nach ausnahmepersonen mit solchen kriminiellen energien wie der J.F. oder die französischen adoptiveltern. aber ein anderes ist der biotop, der es möglich macht, dass solche energien sich ausleben können. und der biotop ist diese gefährliche kleinstbürgerliche begünstigungsmentalität. da ist durchaus kein unterschied zw. ö und frankreich oder allen anderen ländern der erde. und da ist auch ein legitimer vergleich aus meiner sicht zum nationalsozialismus erlaubt.
Toll, grandios, es kommt einem nur mehr das Kotzen bei so einer Aussage:
Der frühere Bürgermeister erklärte ihr: "Ja, ich wusste es, das ganze Dorf wusste es. Aber beschmutzen Sie Coulommes nicht. Was die Leute untereinander treiben, hat uns nicht zu beschäftigen."
Oh wie vermisse ich die Strafen des Mittelalters....
Hab ich das da richtig gelesen ? Inzest ist in Frankreich NICHT strafbar ?????
Und dann kriegt die Stiefmutter eine Strafe auf Bewährung ? Wo ist hier die Gerechtigkeit ? Wie soll das das Opfer - wie soll das irgendwer verstehen ???
in F ist inzest seit 18irgendwas ausser strafe gestellt was ich weiß, aber selbst in unserer donaumnarchie war inzucht nix besonderes.
tja, und wenn man heutzutage in österreich jemand 24 jahre seiner freiheit beraubt, mal ungeachtet zusätzlichen wahnsinns, bekommt man als strafe maximal 15 jahre. kann auch niemand verstehen...
im kontext der bürgermeisteraussage: unsere beiden obersten synchronversager (gusenbauer und molterer ) entblödeten sich nicht in atemberaubender geschwindigkeit kund zu tun, daß nun eine umfassende imagekampagne angesagt sei. da bleibt einem echt die bappm offen, denn der umkehrschluß lautet, mir österreicher san halt so, und jetzt lenk ma ab.
im fall war es ja der stiefvater, also war es kein inzest
nur der fall der eigenen mutter, die sich an einem ihrer söhne vergriff war inzest
es streiten ja viele juristen darüber ob inzest bei erwachsenen die einvernehmlich sex haben strafrechtlich verfolgt werden soll
vergewaltigung und/oder missbrauch minderjähriger ist ja strafbar, auch in frankreich, wenn es bewiesen werden kann
nur wieso fordern sie strafen des mittelalters ein?? das "rechtssystem" des mittelalters hatte viel mehr nachteile als vorteile, vor allem wenn man wiikürlich verhaftet, eingesperrt wurde, wenn ein schuldiger gesucht wurde und mit folter jedes geständnis erbracht wurde
Andere französische Zeitungen und Fernsehsender, die ausführlich aus Amstetten berichten, ignorierten die Aussage der Französin...
Es spielt sich so einiges ab in den französischen Dürfern.
Die Franzosen sagen dass sie individualister sind, als die andern Nationen. Ich ¨würde eher sagen, jeder einzelne denkt noch viel mehr an sich selbst, als es es Deutsche oder Österreicher tun...
Rechts steht:
Auch Polizisten haben Albträume
Psychologischer Dienst des Innenministeriums bietet Ermittlern Hilfe bei der Verarbeitung belastender Erlebnisse an
Wo ist die psychologische Hilfe für mich als Leser, das fasse ich ja alles gar nicht mehr, als ich „das Schweigen der Lämmer" sah, war ich geschockt - aber dies übertrifft meine Vorstellungskraft.
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