Frankreich: "Das ganze Dorf wusste es"

von Redaktion  |  01. Mai 2008, 20:24
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    Niemand wollte Gouardos Geschichte, die 28 Jahre vom heute toten Adoptivvater vergewaltigt und sechsmal von ihm geschwängert wurde, hören. Als sie von Amstetten las, meldete sie sich bei Medien.

Der französische Fall von Lydia Gouardo, der an Amstetten erinnert, ist aktenkundig, wurde aber verdrängt

Es ist schwer zu glauben, was Lydia Gouardo diese Woche der Lokalzeitung Le Parisien erzählte. Und doch ist die Geschichte der heute 45-jährigen Französin durch die Justizakten verbürgt. Lydia Gouardo wurde 28 Jahre von ihrem Adoptivvater vergewaltigt und erst 1999 durch seinen plötzlichen Tod erlöst. Der Mann machte ihr sechs Kinder. Er und seine zweite Frau quälten das Mädchen. Als sie wegzurennen versuchte, wurde sie eingesperrt.

Noch unglaublicher ist die öffentliche Reaktion: Vertuschen, Verdrängen, Schweigen. Nach dem Tod des Peinigers kam wenigstens die Stiefmutter 2007 vor Gericht. Sie hatte Lydia unter anderem in siedendes Wasser geworfen und den Vergewaltigungen - manchmal drei pro Tag - anspornend beigewohnt; zudem hatte sie sich selbst an einem Sohn vergangen. Lydia Gouardo wünschte einen offenen Prozess. Seltsamerweise verwies das Gericht aber das Publikum vor die Tür.

Das Urteil war eine mehrjährige Haftstrafe, doch sie wurde auf Bewährung ausgesetzt. Das Berufungsgericht bestätigte den Schuldspruch vor zwei Wochen - nur wenige Zeitungen berichteten.

Bürgermeister: "Beschmutzen Sie Coulommes nicht"

Eine Journalistin der Zeitung Libération begab sich immerhin nach Coulommes, 60 Kilometer östlich von Paris. Der frühere Bürgermeister erklärte ihr: "Ja, ich wusste es, das ganze Dorf wusste es. Aber beschmutzen Sie Coulommes nicht. Was die Leute untereinander treiben, hat uns nicht zu beschäftigen." Lydia Gouardo erklärte ihrerseits: "Ich bin wütend auf meine Nachbarn. Einige wohnten schon damals dort und sagten nichts."

Am Unglaublichsten ist die Untätigkeit der Behörden. "Niemand wollte meine Geschichte hören", sagt die Frau, die kaum je zur Schule gegangen ist und heute mit ihrem Freund und ihren Kindern auf dem Bauernhof ihres Vaters lebt. Die Gendarmerie sei mehrmals alarmiert worden, habe aber nie reagiert. Beim Prozess gab es dazu keine Unterlagen - auch nicht vom Spital, wo das Mädchen mehrmals wegen Verbrennungen behandelt worden war. Ähnlich ging es ihr, als sie ihre Kinder gebar. "Wenn die Krankenschwestern fragten, wer der Vater sei, sagte ich, wie es ist. Niemand hat jemals reagiert."

Von Le Parisien gefragt, was sie zu dem Inzestfall in Amstetten meine, erklärte Lydia Gouardo diese Woche: "Ich sagte mir, dass sie (Elisabeth F.) mehr durchgemacht hat als ich. Ich habe Lust, dieser Frau zu helfen. Vielleicht gibt es andere solche Fälle in den Dörfern, wo die Leute ihre Läden schließen." Andere französische Zeitungen und Fernsehsender, die ausführlich aus Amstetten berichten, ignorierten die Aussage der Französin. In ihrem eigenen Land, wo Inzest kein Delikt ist, ist Lydia Gouardo kein Medienthema. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD-Printausgabe, 2.5.2008)

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    Karo Doernemann   
    03.05.2008 17:49
    kein inzest in diesem fall in frankreich

    die schlussfolgerung von stefan braendle ist falsch: in frankreich ist inzest zwar keine straftat, aber vergewaltigung und sexuelle ausbeutung von abhaengigen und minderjaehrigen sehr wohl. der vater war ihr adoptivvater, "blutschande" war es also nicht. ganz schlimm finde ich den satz des franzoesischen buergermeisters. das treibt einem die zornesroete ins gesicht. wundern taete es mich nicht, wenn in amstetten aehnlich vorgegangen wurde, man einfach die laeden schloss und nichts wissen wollte. aus angst um den ruf der gemeinde.

    Lousy World 
    02.05.2008 20:16
    unbedingte für beihilfe

    wir reden hier von vergewaltigung und beihilfe od. ergötzung
    wird man dort dann aus dem friedhof geworfen ?

    Gottes Ebenbild
    02.05.2008 20:00
    Inzest - Kindsmissbrauch - Vergewaltigung

    "In ihrem eigenen Land, wo Inzest kein Delikt ist, ist Lydia Gouardo kein Medienthema."
    Das suggeriert einen Kausalzusammenhang. Nur: Bei Lydia Gouardo war es gar kein Inzest (Adoptivvater).
    Das beleuchtet schön die derzeit grassierende Idiotie, immer vom "Inzest-Fall" von Amstetten zu schreiben. Wäre das Verbrechen denn so viel weniger schrecklich, wenn Elisabeth Fritzl nicht das leibliche Kind von Josef Fritzl gewesen wäre?
    Wie von Vorpostern schon gesagt: Kindsmissbrauch, Vergewaltigung, Freiheitsentziehung, Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses, Körperverletzung usw. ist alles strafbar. In Frankreich ebenso wie hierzulande. Es muss wohl der Reiz des Tabus sein, der die Zeitungen so auf den Inzest fokussieren lässt.

    Red Cloud
    05.05.2008 18:25
    einen "kleinen unterschied" gibt es schon,

    wenn es sich um inzest handelt - die daraus entstehenden kinder tragen ein höheres risiko von bestimmten genetisch bedingten erkrankungen. im übrigen kann ich mir vorstellen, dass es für ein kind umso schlimmer sein muss, wenn der vergewaltiger der eigene vater ist, der ja DIE vertrauensperson sein sollte.

    GP46C
    03.05.2008 10:39

    An 'Gottes Ebenbild' 20:00

    Da sprechen Sie einen Punkt an, der auch mich sehr beschäftigt, ja im Namen der Opfer sogar sehr quält! Was ich sehen konnte, gehen z.B. die englischsprachigen Medien nicht so vor.

    Ich kann es nur mit - völlig irrelevanten - Satz- oder Rubriktechnischen Argumenten "erklären". Inzest ist wesentlich kürzer als z.B. "Einsperren der Tochter", und außerdem (es schäme sich Der Standard!) "klatschiger".

    Ich habe kein Verständnis, zumal die Kinder (aber auch die Mutter), sollten sie ihre Zukunft in Österreich aufbauen wollen, für immer als die Ergebnisse einer unnatürlichen Beziehung abgestempelt werden. Ich hoffe jeden Tag, bisher vergeblich, dass sich die österreichischen Medien übernacht besonnen haben werden!

    Gottes Ebenbild
    04.05.2008 08:00
    Kerkermeister?

    Na ja, hier heißt die Rubrik immerhin "Martyrium im Kellerverlies". Man könnte J.F. ja "Kerkermeister von Amstetten" statt "Inzest-Vater" nennen.
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass es weniger Probleme mit dem Satzbau oder dergleichen sind, sondern Kalkül: Sex sells. Und Inzest noch viel mehr.
    Frage mich auch, wie der Schutz der Opfer in Zukunft aussehen soll. Schwierige Sache.

    GP46C
    04.05.2008 11:18

    An 'Gottes Ebenbild' 08:00

    Einfach "Bunker-Fall", "Bunker-Vater", etc.? Es bedarf nur des Willens, auch beim so prächtigen Nationalsender, hier sensibler vorzugehen.

    Die denkbaren akzeptablen Formulierungen sind zahlreich!

    Dagmar Rehak Infos zum Powerposten | 
    02.05.2008 22:42
    vollste Zustimmung

    Ich finde am schlimmsten an der Sache, dass die Frau so lange in so einem winzigen Raum eingesperrt war, und hoffe, dass der F. nicht allzu oft vorbei geschaut hat. Für mich ist es eher der "Leben-im-Kellerloch"-Fall.

    Andreas Schneider
    02.05.2008 17:44
    kann jemand dem herrn brändle erklären

    dass missbrauch durch adoptivvater und stiefmutter nichts mit inzest zu tun hat?

    und dem rest der sensationsgeilen journaille auch im standard, dass der jahrelange missbrauch im familienkreis das problem ist und nicht die "blutschande"?

    das unwort des jahres steht jedenfalls schon fest, und es ist "inzest" als kollektiv falsch verwendeter begriff durch journalisten, deren reflektion endet wo die sensation beginnt.

    Dagmar Rehak Infos zum Powerposten | 
    03.05.2008 01:05

    Es sind aber nicht nur die Journalisten, die es falsch verwenden, sondern auch Betroffene höchstpersönlich.
    Kuxdu hier: http://derstandard.at/?id=3322733

    Heißt es eigentlich immer noch "Blutschande" in den Gesetzestexten? Da find ich echt eine Schande! "Schändung" hat es ja auch einmal als hochoffizielle Bezeichnung für ein Delikt gegeben.

    missmisery 
    02.05.2008 23:09

    Richtig!
    Ich würde nicht beurteilen wollen, was an diesem Fall das Schlimmste ist - die Vergewaltigungen, das Eingesperrtsein in einem Kellerloch, die Dauer des Verbrechens etc. etc. Fest steht: der Inzest ist es nicht (Inzest kann - egal wie man dazu steht - auch einvernehmlich passieren ...)

    Peter Wichtig
    02.05.2008 15:57
    In österreich gibt es....

    ..... ein "paar" psychopathen, in frankreich scheinen die krankheiten kommunal aufzutreten. Da wissen einige was "davon" und keiner sagt was! Die gehören auch eingesperrt.

    Franz Kafka
    09.05.2008 10:36
    ich sehe das durchaus auch im französischen fall

    als einen verfolgenswerten aspekt: begünstigung eines verbrechens durch nachbarn und dorfgemeinschaft!
    denn was ist der boden, auf welchem solche grauenhaften taten möglich sind?
    es ist eine sache solche meiner meinung nach ausnahmepersonen mit solchen kriminiellen energien wie der J.F. oder die französischen adoptiveltern. aber ein anderes ist der biotop, der es möglich macht, dass solche energien sich ausleben können. und der biotop ist diese gefährliche kleinstbürgerliche begünstigungsmentalität. da ist durchaus kein unterschied zw. ö und frankreich oder allen anderen ländern der erde. und da ist auch ein legitimer vergleich aus meiner sicht zum nationalsozialismus erlaubt.

    frankazanka
    02.05.2008 15:35
    die wortwahl..

    "Der Mann machte ihr sechs Kinder." qualitätsjournalismus, bist du teppat..

    gosha79
    02.05.2008 18:42

    In diesem Fall durchaus angebracht die Formulierung würde ich sagen, aber man kann sich bekanntlich über alles aufregen, auch wenn's am eigentlichen Thema meterweit vorbeigeht!

    Lectrice 
    02.05.2008 17:41

    Eher schlecht übersetzt - "faire des enfants" kann je nach Zusammenhang sowohl mit "Kinder zeugen" als auch mit "Kinder gebären" übersetzt werden. Wenn man es wörtlich übersetzt, das scheint i.d. Fall passiert zu sein, ist es eben "Kinder machen".

    mxcod
    02.05.2008 14:22

    Toll, grandios, es kommt einem nur mehr das Kotzen bei so einer Aussage:

    Der frühere Bürgermeister erklärte ihr: "Ja, ich wusste es, das ganze Dorf wusste es. Aber beschmutzen Sie Coulommes nicht. Was die Leute untereinander treiben, hat uns nicht zu beschäftigen."

    Oh wie vermisse ich die Strafen des Mittelalters....

    Hab ich das da richtig gelesen ? Inzest ist in Frankreich NICHT strafbar ?????

    Und dann kriegt die Stiefmutter eine Strafe auf Bewährung ? Wo ist hier die Gerechtigkeit ? Wie soll das das Opfer - wie soll das irgendwer verstehen ???

    Joe Freibergson
    02.05.2008 16:58
    korrekt,

    in F ist inzest seit 18irgendwas ausser strafe gestellt was ich weiß, aber selbst in unserer donaumnarchie war inzucht nix besonderes.

    tja, und wenn man heutzutage in österreich jemand 24 jahre seiner freiheit beraubt, mal ungeachtet zusätzlichen wahnsinns, bekommt man als strafe maximal 15 jahre. kann auch niemand verstehen...

    im kontext der bürgermeisteraussage: unsere beiden obersten synchronversager (gusenbauer und molterer ) entblödeten sich nicht in atemberaubender geschwindigkeit kund zu tun, daß nun eine umfassende imagekampagne angesagt sei. da bleibt einem echt die bappm offen, denn der umkehrschluß lautet, mir österreicher san halt so, und jetzt lenk ma ab.

    janina xxx
    02.05.2008 15:48

    im fall war es ja der stiefvater, also war es kein inzest
    nur der fall der eigenen mutter, die sich an einem ihrer söhne vergriff war inzest

    es streiten ja viele juristen darüber ob inzest bei erwachsenen die einvernehmlich sex haben strafrechtlich verfolgt werden soll

    vergewaltigung und/oder missbrauch minderjähriger ist ja strafbar, auch in frankreich, wenn es bewiesen werden kann

    nur wieso fordern sie strafen des mittelalters ein?? das "rechtssystem" des mittelalters hatte viel mehr nachteile als vorteile, vor allem wenn man wiikürlich verhaftet, eingesperrt wurde, wenn ein schuldiger gesucht wurde und mit folter jedes geständnis erbracht wurde

    gert poelzl1 
    02.05.2008 13:21

    Andere französische Zeitungen und Fernsehsender, die ausführlich aus Amstetten berichten, ignorierten die Aussage der Französin...

    Es spielt sich so einiges ab in den französischen Dürfern.

    Die Franzosen sagen dass sie individualister sind, als die andern Nationen. Ich ¨würde eher sagen, jeder einzelne denkt noch viel mehr an sich selbst, als es es Deutsche oder Österreicher tun...

    gert poelzl1 
    02.05.2008 10:43

    wenn's der Stiefvater war, dann ist es zwar kein Inzest, aber trotzdem ist die Sache abscheulich.

    gert poelzl1 
    02.05.2008 13:19

    ... aber ich weiss nicht, was es jetzt wirklich der Stiefvater oder war es ihr leiblicher Vater ?

    Das ist immer alles so unklar....

    janina xxx
    02.05.2008 15:51

    ein sohn der frau wurde aber von ihrer mutter, also seiner großmutter missbracht

    josefa maier449
    02.05.2008 09:33
    Unfaßbar

    Rechts steht:
    Auch Polizisten haben Albträume
    Psychologischer Dienst des Innenministeriums bietet Ermittlern Hilfe bei der Verarbeitung belastender Erlebnisse an

    Wo ist die psychologische Hilfe für mich als Leser, das fasse ich ja alles gar nicht mehr, als ich „das Schweigen der Lämmer" sah, war ich geschockt - aber dies übertrifft meine Vorstellungskraft.

    Sigma7
    03.05.2008 10:52

    Die Beamten sind verpflichtet, Ihren Dienst zu tun. Sie können jederzeit zu lesen aufhören.

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