"Das ist ein böser Mensch, den muss man einsperren!"

29. April 2008, 20:40
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Wie Eltern ihren Kindern Unfassbares erklären können - Kinderpsychiater: "Erklären entängstigt immer"

Kinder können lesen - zumindest die Schlagzeilen der Zeitungen, Kinder schauen fern, meistens viel zu viel, und Kinder hören Radio, ganz nebenbei im Auto oder in der Küche. Kinder leben in derselben Mediengesellschaft wie ihre Eltern, ihre Einordnungsmuster sind aber anders als jene von Erwachsenen. Kinder sind fantasiebegabt und stellen sich gerne Dinge vor, die ihnen Angst machen. Zum Glück stellen Kinder auch Fragen.

Wenn also Themen wie die Ereignisse in Amstetten mit einer solchen Intensität auftauchen, sind Eltern schnell damit konfrontiert: Wie sag ich's meinem Kind? - "Erklären entängstigt immer!", bringt es der Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer sofort auf den Punkt. Der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Landesklinikum Donauregion Tulln ist überzeugt, dass ein Thema, das derart durch alle Medien gepeitscht wird, auch mit Kindern besprochen werden sollte.

Gefestigte Beziehung wichtig

Wichtig ist in diesem Zusammenhang sicher, wer Kindern etwas mitteilt. Am besten wären das jene Menschen, die für ihre Identitätsbildung wichtig sind, in der Regel die eigenen Eltern. "Welche Position hat meine Mutter / mein Vater dazu?", sagt Hochgatterer, "das ist für Kinder entscheidend". Hat ein Kind eine gefestigte Elternbeziehung, wird sich die Angst in Grenzen halten, ist der Kinderpsychiater überzeugt. Weil Schulkinder untereinander vieles besprechen, ist es auch für Lehrer sinnvoll, dieses Thema innerhalb einer Klasse aufzugreifen. Hochgatterer: "Das sollten allerdings nur Lehrer machen, die sich das zutrauen und in der Thematik gefestigt fühlen."

Worauf können Eltern oder Lehrer in der Aufarbeitung noch achten? Wo liegt der Akzent beim fragenden Kind? Und: Welche Altersstufe hat das fragende Kind? "Faktenkenntnisse helfen auf jeden Fall!", so Hochgatterer. Erklärt werden soll, vor allem bei den jüngeren Kindern, durchaus in Kategorien von "Gut" und "Böse" - mit einem psychiatrischem Zugang, im Sinne einer psychischen Krankheit des Täters, können Kinder wenig anfangen. Hochgatterer: "In dieser Geschichte bin ich dafür zu sagen: ,Das ist ein böser Mensch, den muss man einsperren!'" Gibt es Tabuthemen beim Erklären? "In dem Moment, in dem Kinder über Sexualität Bescheid wissen, kann man auch Themen wie Missbrauch und Inzest ansprechen", sagt Hochgatterer. Die Identifikation mit den Opfern ist bei Kindern groß und schürt Angst. Sie stellen sich Fragen, die sich die Medienöffentlichkeit auch stellt: Warum macht einer so etwas? Wie ist es, 24 Jahre lang in einem Keller eingesperrt zu sein? Wie sieht das weitere Schicksal der Opfer aus?

Medien brauchen Selbstkontrolle

An die medienkonsumierenden Kinder denken die Medien selbst kaum - etwa in der Verwendung bestimmter Schlagzeilen, Begriffe und Fotos. "Es ist zu hoffen, dass Medien hier eine Selbstkontrolle zustande bringen", sagt Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer, "ich fürchte aber, die Realität ist anders!" (DER STANDARD Printausgabe, 29.4.2008)

  • Medienkonsum der Kinder nicht unterschätzen: Hochgatterer
    foto: standard/corn

    Medienkonsum der Kinder nicht unterschätzen: Hochgatterer

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