Alles Nano oder was?

29. April 2008, 20:01
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Forscher suchen nach möglichen Risiken der Nanotechnologie für Mensch und Umwelt - Erster Nano-Award in Österreich

Die Hoffnungen im Zusammenhang mit Entwicklungen im Mikrobereich bleiben aber ungebrochen. In Österreich wird heuer erstmals ein Nano-Award vergeben.

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Risiken erkennen und verhindern: Wunschträume einer Gesellschaft, die sich bemüht, rational zu argumentieren und zu handeln. "Wir müssen vorausschauen und versuchen, kommende Entwicklungen zu erahnen", erklärt Sergio Bellucci, Leiter des Schweizer Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss). Und was lässt sich erahnen? "Etwas, von dem anzunehmen ist, dass es zu Kontroversen führt, wie etwa die Gentechnologie", umreißt es Bellucci, um das Ding schließlich beim Namen zu nennen: Nanotechnologie.

Der Begriff Nano stammt aus dem Griechischen und bedeutet Zwerg. Nanotechnologie befasst sich mit Strukturen in der Größe zwischen einem und 100 Nanometern, dringt also in den Bereich einzelner Moleküle und Atome vor. In solchen Dimensionen können Substanzen ganz neuartige Eigenschaften erhalten. Aber welche?

"Small is beautiful?", fragte sich auch das österreichische Wissenschaftsministerium und lud vor einer Woche zu einem "Nanodialogue" nach Wien. Bellucci war auch da. Und sprach.

"Mögliche Risiken für Mensch und Umwelt, die sich durch Herstellung, Verwendung und Entsorgung von Nanomaterialien und daraus hergestellter Produkte ergeben, lassen sich nicht abschließend beurteilen. Dazu fehlen zurzeit die wissenschaftlichen Grundlagen." Also forscht die TA-Swiss im Auftrag der Schweizer Regierung nach den Nano-Gefahren, um anhand der Resultate schließlich Wissenschaft, Wirtschaft, Industrie und Konsumenten rechtlich verbindliche Umgangsformen mit den Materialien an die Hand geben zu können. Immerhin deuten Studien auf mögliche Gefahren aus der Nanowelt, aus der bereits Kosmetika, Textilien, Kunststoffe, selbstreinigende Fensterscheiben, Farben und Lacke, Therapeutika und Diagnosemittel ihren Weg in die Makrowelt gefunden haben.

Giftige Kohlenstoff-Nanoröhrchen

Im US-Journal Toxicological Sciences etwa erschienen zwei beunruhigende Studien zur Giftigkeit von Kohlenstoff-Nanoröhrchen, den beliebtesten Werkstoffen in der Welt des Winzigen. Forscher um Chiu-Wing Lam von den Space and Life Sciences der Nasa führten verschiedene Arten dieser Röhrchen durch die Luftröhre in die Lungen von Mäusen, untersuchten die Tiere drei Monate später: Alle litten unter Lungengranulomen, knotigen Entzündungen, die Probleme beim Atmen bereiteten.

David Warheit vom DuPont Haskell Laboratory for Health and Environmental Sciences und Kollegen hatten Ratten ebenfalls Nanoröhrchen in unterschiedlicher Dosierung in die Lunge gepustet: 15 Prozent der Versuchstiere, die eine hohe Dosis (fünf mg/kg Körpergewicht) erhalten hatten, starben in den ersten 24 Stunden durch eine komplette Blockierung der oberen Atemwege. Alle überlebenden Ratten entwickelten Granulome in der Lunge. Und dass die Materialien die Blut-Hirnschranke durchbrechen können, sich im Denkorgan ansiedeln und wer weiß was anstellen, weiß man auch. Was also steht dem Menschen bevor?

Von der Illusion, Katastrophen voraussehen zu können, habe man sich verabschiedet, erklärt Bellucci. Denn wohin sich die Technik und die Wissenschaft entwickeln, sei schwer vorauszusagen. Er umschreibt seine Aufgabe und die seiner Kollegen weltweit als Früherkennung möglicher Risiken, aber auch eventueller Chancen.

Diese Aufgabe hat sich auch das von Michael Nentwich geleitete Projekt "Nanotrust" gesetzt: Die Analyse von Gesundheits- und Umweltrisiken der Nanotechnologie, finanziert vom Infrastrukturministerium, soll bis 2010 etwaige Gefahren transparent machen und kommunizieren. Das wird auch als notwendig erachtet, denn Politik und Industrie drücken bei weiteren Nano-Forschungsarbeiten gewaltig aufs Tempo. "Nanotechnologie bietet für zukünftige Herausforderungen Lösungen, und wir sehen ein hohes Marktpotenzial", erklärt etwa Forschungsstaatssekretärin Christa Kranzl.

Das Marktpotenzial der Nanotechnologie betrage heute weltweit 100 Mrd. Dollar, bis 2015 dürfte sich dieses verzehnfachen. "Österreich hat das Potenzial der Nanotechnologie schon früh erkannt", sagt Kranzl stolz: Zwischen 2004 und 2006 habe man im Rahmen der Nanoinitiative 35 Mio. Euro zur Verfügung gestellt, 2007 dann 11,7 Mio. und für heuer seien 19 Mio. geplant.

Und damit Forschung und Industrie die Technologie auch vorantreiben, will die Regierung heuer im November erstmals den Nano-Award mit Preisgeldern von insgesamt 80.000 Euro vergeben. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 30.4.2008)

  • Eine erwünschte Folge von Nanotechnologie: Tropfen, die dank einer Beschichtung
nicht ins Material eindringen.
    foto: basf

    Eine erwünschte Folge von Nanotechnologie: Tropfen, die dank einer Beschichtung nicht ins Material eindringen.

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