Sensor für gefühlte Sicherheit

29. April 2008, 19:19
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Videoüberwachung, bio­metrische Kontrollen - Sicherheitstechnologien werden immer ausge­feilter. Aber werden sie auch akzeptiert?

Politik, Medien, Forschung und Datenschützer diskutieren nicht mehr nur darüber, wie man die Privatsphäre schützen kann, sondern auch über die Frage, wie man "Sicherheit" benutzerfreundlich macht.

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Johann Ças muss jedes Mal schmunzeln, wenn er wieder eine Spam-E-Mail mit den neuesten Angeboten für Tierfutter in seinem Posteingang findet. Denn der Begriff "Pets" - zu Deutsch Haustiere - in der Tätigkeitsbezeichnung des Wissenschafters hat so gar nichts mit Katzen, Hunden oder etwa Meerschweinchen zu tun. Ças ist Experte für "Privacy Enhancing Technologies" - was abgekürzt eben auch "Pets" ergibt - am Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Seit rund zwei Jahren leitet der Volkswirt und IT-Sicherheitsexperte das Projekt "Prise" ("Privacy Security"), dessen Ergebnisse nun auf einer Abschlusskonferenz präsentiert wurden. Ziel des von der Europäischen Kommission geförderten Projekts ist es, künftige Sicherheitstechnologien mit dem Schutz der Privatsphäre und der Menschenrechte in Einklang zu bringen. "Es ging uns darum, einen Kriterienkatalog zu entwickeln, um den Preis, den die Gesellschaft für mehr Sicherheit zu zahlen hat, möglichst gering zu halten - oder besser noch: so zu gestalten, dass der Bürger am Ende ein Plus herausbekommt", sagt Ças.

Die Bandbreite an Technologien, die im Prise-Projekt untersucht wurden, reicht von der Speicherung von Telekommunikationsdaten über Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen und Kontrollen per Biometriemerkmal bis zur Sicherheitsschleuse am Flughafen. Wegen der Vielfalt der Technologien haben Ças und seine Kollegen in Prise daher nicht jede einzelne Anwendung gesondert untersucht, sondern sie in vier Grundtechnologien eingeteilt: Kommunikationstechnologien, biometrische Technologien, Sensoren sowie Datenspeicherung und Datenauswertung. "Das sind die Bereiche, bei denen wir die Privatsphäre am ehesten in Gefahr sehen", sagt Ças.

Umgang mit sensiblen Daten

Zu den Prise-Maßnahmen gehören etwa Fragenkataloge, die geklärt werden müssen, bevor eine neue Technologie eingeführt wird. Das sind bei der Speicherung von Kommunikations- oder Videodaten vor allem: Wie lange werden die Daten gespeichert, werden sie automatisch gelöscht, und welche Personenkreise haben darauf Zugriff? Erst wenn solche Fragen im Vorfeld transparent beantwortet werden, fühlt der Bürger sich nicht überrannt. Denn in vielen Fällen wissen die Menschen wenig über die möglichen Folgen von Überwachungsmaßnahmen.

"Da hört man oft: 'Das betrifft mich nicht - ich habe ja nichts verbrochen'", sagt Ças. "Unsere Aufgabe ist es daher auch, einen Teil der Aufklärungsarbeit zu leisten. Zeigt man nämlich, dass Sicherheitstechnologien so eingesetzt werden können, dass sie die Privatsphäre der Bürger nicht oder nur so weit wie nötig beschneiden, werden sie nicht als negativ empfunden - und akzeptiert." Ein simpel klingendes Rezept. "Wir hoffen natürlich, dass unsere Empfehlungen, die auch mit der Beteiligung von Bürgern entstanden sind, im Prinzip ab sofort in die Ausschreibungen zu den immer zahlreicher werdenden Sicherheitsprojekten mit einfließen werden", sagt Ças.

"Auf dem Sicherheitssektor passiert seit Jahren sehr viel", sagt auch Otto Petrovic, Technologieakzeptanzforscher an der Karl-Franzens-Universität Graz und Chef des Kompetenzzentrums Evolaris. "Bisher hatte man fast ausschließlich die Arbeit an noch ausgefeilteren technischen Systemen im Fokus - und nicht, wie solche Technologien beim Bürger ankommen", sagt Petrovic. Es habe sich gezeigt, dass mehr technische Sicherheit nicht unbedingt auch zu mehr gefühlter Sicherheit beim Bürger führe.

Stelle man zum Beispiel zwei bewaffnete Polizisten vor einen Juwelierladen, steige die technische Sicherheit rapide an, sagt Petrovic. "Nur: Der Bürger wird sich nicht sicherer fühlen. Er denkt eher: Warum stehen da jetzt zwei Polizisten? Ist eine Drohung eingegangen? Rechnet man mit einem Überfall? Das Geschäft würde wahrscheinlich sehr viel weniger als vorher frequentiert werden, weil die Bürger das Vertrauen verlieren würden." Eine effiziente Sicherheitstechnologie sei eine, die man nicht wahrnimmt und die trotzdem schützt, sagt Petrovic.

Der Unterschied zwischen Sicherheit als technischem Phänomen und Vertrauen als psychologischem Phänomen müsse bei den zukünftigen Sicherheitssystemen unbedingt besser berücksichtigt werden, sagt der Forscher. "Das wird die zentrale Herausforderung der Sicherheitsforschung in den nächsten Jahren werden." Wie verbreiten sich Sicherheitstechnologien wirklich in der Gesellschaft, und in welchem Umfang werden sie vom Bürger genutzt? Das seien Kernfragen, deren Antworten sich in zukünftigen Sicherheitstechnologien widerspiegeln sollten.

Ein weiteres Problem bei der Akzeptanz von Sicherheitstechnik: In vielen Fällen handelt es sich um sogenannte Präventiv-Innovationen. Damit sind technische Systeme gemeint, die auf die Abwehr von Gefahren zielen, die erst in einer unbestimmten Zukunft eintreten können. Ein Virenscanner sei das klassische Beispiel für so eine Präventiv-Innovation, sagt Petrovic: "Sie installieren ihn jetzt - und unmittelbar danach hat das eher negative Effekte auf Ihr Computersystem: Speicher wird belegt, der Rechner läuft etwas langsamer, regelmäßiges Updaten ist Pflicht - und man bezahlt dafür auch noch." Die Vorteile sehe man nicht unmittelbar. Projekte wie Prise, die den Bürger mit einbeziehen, zeigen diesem, wo der Nutzen einer neuen Technologie liegt.

"Die Technologie muss sich dem Bürger anpassen - und nicht umgekehrt", sagt Petrovic. Die Frage ist also: Was macht der Bürger jetzt, und wie können wir die Sicherheit bei diesen Abläufen optimieren?

Die Sicherheitsbranche könne von der Automobilindustrie lernen. Hier wie dort muss man nämlich bestimmte Rahmenbedingungen einhalten, damit eine Technologie angenommen und eingesetzt wird. Ein Auto etwa müsse fahrbar und finanzierbar sein. Zudem dürfen Abstandskontrolle, Tempomat oder Bremshilfe nicht aktiv in das Fahrgeschehen anderer eingreifen - sonst wird es nicht gekauft. "Das Gleiche gilt für Sicherheitstechnologien", sagt Petrovic. Man könne zwar ein völlig sicheres Auto bauen - das wahrscheinlich fünf Tonnen wiegen würde -, aber kein Mensch würde es fahren. (Denis Dilba/DER STANDARD, Printausgabe, 30.4.2008)

  • "Cave canem" war einmal. Sicherheitstechnologien sind im Vormarsch. Das wiederum stellt Gesellschaft und Forschung vor neue Aufgaben.
    illustration: der standard/fatih

    "Cave canem" war einmal. Sicherheitstechnologien sind im Vormarsch. Das wiederum stellt Gesellschaft und Forschung vor neue Aufgaben.

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